Fußball: 3. Liga Schachmatt mit zwei Läufern – Preußen gegen Osnabrück fast königlich

Münster -

Das Timing war perfekt: In der höchsten Not landet der SC Preußen einen epischen Befreiungsschlag – ausgerechnet im Derby gegen den VfL Osnabrück. 4:1 fertigten die Adlerträger den Nachbarn ab und kletterten aus der Ab stiegszone. Oktoberfeststimmung an der Hammer Straße.

Von Ansgar Griebel
Regentanz: Eitel Sonnenschein trotz Dauerregen. Die Preußen-Spieler durften endlich wieder feiern – nicht zuletzt wegen Tobias Rühle (r.).
Regentanz: Eitel Sonnenschein trotz Dauerregen. Die Preußen-Spieler durften endlich wieder feiern – nicht zuletzt wegen Tobias Rühle (r.). Foto: Jürgen Peperhowe

Klitschnass waren ohnehin alle: Nach dem triumphalen 4:1 (2:0)-Erfolg über den VfL Osnabrück gönnten sich die Spieler des SC Preußen Münster noch ein ausgiebiges Bad in der Menge. Alle Beteiligten genossen die gegenseitigen Streicheleinheiten an diesem verregneten Samstag: Nähe erzeugt schließlich Wärme. Und ganz offenkundig war es höchste Zeit, das zuletzt etwas unterkühlte Verhältnis neu zu befeuern: Seit dem letzten Erfolgserlebnis am 2. August in Würzburg wurden die Preußen sieben Spieltage lang eiskalt erwischt – sieben sieglose Partien, in der Tabelle gnadenlos dokumentiert durch den Sturz auf einen Abstiegsplatz. Pünktlich zum Oktoberfest herrschte nun endlich wieder Feierlaune an der Hammer Straße. Dass ausgerechnet der Lieblingsrivale aus Osnabrück als Stimmungsmacher herhalten durfte, machte den Nachmittag aus Preußen-Sicht perfekt.

Und so dauerte es etwas länger, bis alle Spieler den Weg zurück in die Kabine gefunden hatten – als letzter der Mann mit der Nummer 39. Die trägt beim SC Preußen für gewöhnlich der Kapitän. Adriano Grimaldi, 1,88-Meter-Hüne im Sturmzentrum ist die zentrale Figur beim Drittligisten, stand aber am Samstag gar nicht im Kader. Etikettenschwindel? Hatte sich da jemand etwas größer gemacht, als er war? Ja und nein! Tobias Rühle hatte sich den Pullover mit der Nummer 39 übergezogen – und der passte: „Der lag da rum“, grinste der 1,76-Meter-Mann, der mit seinem Kopfball-Treffer zum zwischenzeitlichen 2:0 (29.) und als Vorbereiter der Preußen-Treffer drei (durch den ebenfalls überragenden Martin Kobylanski ) und vier (bei der Tor-Premiere von Nico Rinderknecht) zum Mann des Spiels avancierte – und seinen verletzten Kapitän zumindest für diese 90 Minuten vergessen ließ.

Qualm-Debatte auf Facebook

Auch Aufsichtsratsvorsitzender Frank Westermann und Preußen-Präsident Christoph Strässer atmeten tief durch. Dieser Erfolg hilft nicht nur in der Tabelle, sondern rückt den Club auch in der öffentlichen Wahrnehmung gerade in der Diskussion um ein neues Stadion in ein freundlicheres Licht. „Diese Begeisterung zeigt, was möglich ist“, so Strässer nach der Partie. Allerdings stieg auch in diesem Spiel einmal mehr schwarzer Rauch über dem Stadion auf – leider auch im Wortsinne. Beide Fanlager setzten farbliche Qualm-Akzente – die Gäste mehr als die Preußen – und werden die Rechnungsabteilung des DFB auf den Plan rufen. Grund genug für Strässer, sich in den sozialen Netzwerken zu Wort zu melden. Ein Foto mit der qualmenden Tribüne kommentierte der Präses auf Facebook: „Das ist Kultur? Das ist einfach sch ...! (Sorry, aber das muss mal raus!!!) und kostet wieder einen Haufen Geld. Aber wir haben‘s ja ...“ Natürlich blieb der Eintrag nicht unkommentiert. Der Rauch wird die Atmosphäre weiter vernebeln.

Am Samstagmorgen hatte Grimaldi abgewunken: Seine Verletzung ließ noch keinen Einsatz zu. „Damit hat er mir die Entscheidung abgenommen“, so Trainer Benno Möhlmann, der seine Taktik den Gegebenheiten anpasste, auf den Turm in der Schlacht verzichtete und in einem wahrlich königlichen Spiel stattdessen auf zwei Läufer setzte. Martin Kobylanski und Rühle setzten den VfL nach allen Regeln der Fußballkunst schachmatt. „Kobylanski haben wir auf der rechten Seite nie in den Griff bekommen“, bilanzierte nach der Partie der bedauernswerte VfL-Trainer Joe Enochs. Und: „Rühle hat uns viele Probleme bereitet.“

Drei Fragen an Martin Kobylanski

Selten dürfte ein verschossener Elfmeter so wenig weh getan haben. Der wichtigere war ja drin ...

Kobylanski: Naja, ich hätte schon lieber beide getroffen. Vom Kopf her war der erste ja sogar viel schwerer als der zweite.

Sie haben perfekt mit Tobias Rühle harmoniert. War das der Schlüssel zum Erfolg?

Kobylanski: Der Schlüssel war die Mannschaftsleistung von der Abwehr bis in den Sturm.

Wie viel Auftrieb gibt so ein Erfolgserlebnis?

Kobylanski: Das tut natürlich gut. Aber wir sind jetzt nicht Erster oder Zweiter. Wir müssen jetzt an diese Leistung anknüpfen.

Die Preußen konnten an diesem Samstag ohne Grimaldi leben, die Orientierung fehlte dagegen den am Ende völlig überforderten Gästen.

Der möglicherweise wichtigste, weil frühe und erste Treffer ging allerdings auf das Konto von Abwehrchef Ole Kittner, der nach nur vier Minuten einen Eckball von Michele Rizzi in die Maschen wuchtete. „Ein frühes Tor schadet nicht“, so Möhlmann – der fortan eine einseitige Partie sah mit einem fulminanten Elfmeterintermezzo zu Beginn der zweiten Halbzeit, als zunächst Sebastian Mai Marcos Alvarez (49.) von den Beinen holte, dann Osnabrücks Keeper Gersbeck Rühle rustikal zu Boden brachte (51.) und schließlich Furkan Zorba Philipp Hoffmann fällte (53.). Osnabrücks Halil Savran traf zum 1:2-Anschlusstreffer, Kobylanski stellte im Anschluss den alten Abstand wieder her und verpasste dann die frühe Vorentscheidung. Nicht weiter schlimm: So blieb der finale Treffer Nico Rinderknecht vorbehalten (83.) – und 9313 Fans sangen dem Abpfiff entgegen. Für die Preußen ging die Party abends beim Oktoberfest nahtlos weiter.

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