Fußball: Trainer im Wartestand Atalans Blick geht nach vorn

Senden -

Für Ismail Atalan war es ein ereignisreiches Jahr 2017. Wieso selbst der Rausschmiss in Bochum sein Gutes hatte, warum er gern Tier-Dokus schaut und wie die Chancen auf ein Spieler-Comeback in Davensberg stehen, verrät der Sendener im großen WN-Exklusiv-Interview.

Ismail Atalan Anfang 2017, als der Sendener noch Coach der Sportfreunde Lotte war. 
Ismail Atalan Anfang 2017, als der Sendener noch Coach der Sportfreunde Lotte war.  Foto: pp

Was für eine Achterbahnfahrt: Vor knapp zwölf Monaten jubelten alle Ismail Atalan, Coach des Fußball-Drittligisten und Pokalschreck Sportfreunde Lotte zu. Im Sommer dann der Wechsel zum VfL Bochum – und nur neun Wochen später die für viele schwer nachvollziehbare Entlassung beim Zweitbundesligisten. Abgehakt, betont der 37-jährige Sendener, der im Gespräch mit unserem Redaktionsmitglied Florian Levenig ein ereignisreiches Jahr Revue passieren lässt – und nach vorn schaut.

2017 begann mit einem Kracher: dem 2:0 der Sportfreunde Lotte im DFB-Pokal-Achtelfinale gegen München 1860.

Atalan: Es war vor allem ein sehr emotionaler Abend. Weil es geschneit hatte an dem Abend, war das halbe Dorf auf den Beinen, um den Rasen zu räumen. Hinzu kam, dass es in der Meisterschaft gerade eine richtig gute Phase gab und wir mit einem Auge Richtung zweite Liga geschielt haben. Und natürlich die Partie selber, in der fast alles klappte, was wir vorher einstudiert hatten. Für einen Trainer ist das das Größte.

Dann die erste Delle, wenn davon bei einem 0:3 gegen den späteren Cup-Gewinner Borussia Dortmund überhaupt die Rede sein kann: das Viertelfinale in Osnabrück.

Atalan: Dass wir nicht in Lotte spielen durften, kann ich nachvollziehen. Der Rasen war in einem schlimmen Zustand. Trotzdem war der Umzug an die Bremer Brücke ein Schlag für meine Spieler. Sich in der Kabine des Erzrivalen umziehen, der ungewohnte Platz: Da geht schon ein bisschen von dieser Magie flöten, die in den Runden zuvor in unserem Stadion greifbar war. Dennoch haben wir eine Halbzeit lang richtig gut mitgehalten, was uns auch der damalige BVB-Coach Thomas Tuchel anschließend bescheinigt hat. Die Probleme fingen dann nach dem Dortmund-Spiel an.

Die vielen Verletzten . . .

Atalan: Das zum einen. Zum anderen die englischen Wochen, bis Ende April ging das so. Wir hatten insgesamt fünf Nachholspiele, dazu die Partien im Verbandspokal: Wenn da einer nur 14 Tage ausfiel, hat er gleich vier Mal zuschauen müssen. Da war der Zug nach oben natürlich schnell abgefahren. Trotz allem war es unterm Strich eine sehr gute Saison.

Waren die organisatorischen Nachteile ein Grund für den Wechsel?

Atalan: Durchaus. In Lotte hat sich diesbezüglich viel getan in den vergangenen Jahren, aber mir hat das in dem Moment zu lange gedauert. Ich wollte den nächsten Schritt machen.

Beim VfL Bochum. Ein Verein mit Tradition, tollem Stadion – aber auch vielen Menschen, die mitreden wollen. Und einem sportlichen Leiter, der nicht den allerbesten Ruf hat.

Atalan: Dazu kann ich nicht viel sagen (Atalan steht, bis er einen neuen Job gefunden hat, auf der Gehaltsliste des VfL – d. Red.). Jeder, der sich ein eigenes Bild von den Geschehnissen machen will, muss ja nur Google anwerfen. Die eigentliche Schwierigkeit war der späte Wechsel. Dürfte ich mir den Zeitpunkt aussuchen, wann mein nächstes Engagement beginnt, wäre das im Frühjahr. Wenn man noch Einfluss auf die Kaderplanung hat, die viel wichtiger ist als etwa der Etat. Dennoch möchte ich die Erfahrungen, die ich trotz des Rauswurfs in Bochum gemacht habe, nicht missen. Auch die bringen mich wieder ein Stück weiter auf meinem Weg. Daher bin ich der felsenfesten Überzeugung, dass meine nächste Trainerstation erfolgreich sein wird.

Was machen Sie bis dahin?

Atalan: Mir weiter Wissen aneignen. Anfang des Jahres darf ich Pep Guardiola bei Manchester City über die Schulter schauen. Im Dezember war ich bei RB Leipzig und habe, nur ein Beispiel, die dortige U 15 begleitet. Käme für mich als Coach nie in Betracht – aber mich interessiert, wie diese Jungs ticken. Ich lese Bücher über Wirtschaftsunternehmen, schaue mir Tier-Dokus im Fernsehen an. Alles, was mich in irgendeiner Weise weiterbringt. Und sei es das kleinste Detail.

Ein ebenfalls geschasster Kollege von Ihnen meinte danach lapidar, das sei Teil des Geschäfts.

Atalan: Das sehe ich anders. Wenn wir zwölf, 13 Trainerentlassungen in der zweiten Liga binnen weniger Monate als normal empfinden, dann diskutieren wir demnächst nach zwei, drei Wochen darüber, ob jemand der richtige Mann für den Job ist. Allein der Fall Union Berlin: Wenn es wirklich nur sportliche Gründe für den Wechsel auf der Trainerbank gab, dann ist das doch ein Irrsinn!

Wann immer zuletzt in Münster, Lotte oder Osnabrück ein Trainer gesucht wurde, fiel Ihr Name. Käme die dritte Liga für Sie in Betracht?

Atalan: Wenn Team und Verein Potenzial haben: Wieso nicht? Mein Hauptaugenmerk liegt aber auf den ersten beiden Ligen. Da will ich bis April, Mai unterkommen.

Sie sind tief im Münsterland verwurzelt, leben seit anderthalb Jahrzehnten mit Ihrer Familie in Senden. Spielt das bei Ihrer Jobsuche eine Rolle?

Atalan: Nicht mehr. In diesem Beruf wäre das auch schwierig bis unmöglich. Natürlich ist mir die Region ans Herz gewachsen. Auch sind – neben meiner Frau – meine Geschwister, die ich womöglich in Senden zurücklassen müsste, die wichtigsten Ratgeber. Aber gerade die drängen mich zu einem Wohnortwechsel, sollte das passende Angebot kommen.

Damit rückt ein Comeback als Spieler in Davensberg, wo immer noch Ihr Spielerpass liegt, in weite Ferne.

Atalan: Das kann sich Masen Mahmoud (Spielertrainer der Davaria – d. Red.) eh abschminken, da er mich die letzten drei Male immer nur eingewechselt hat (lacht). Nein, Blödsinn, Masen ist und bleibt ein guter Freund. Auch ist die Sehnsucht, selbst zu spielen, immer noch tief in mir drin. Gerade weil ich so früh aufhören musste. Nur leider fehlt dafür die Zeit. Ich bin von Freitag bis Sonntag unterwegs, um mir bundesweit und im benachbarten Ausland Spiele anzuschauen.

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