Jan Böhmermann Jim Pandzko: Menschen Leben Tanzen Welt

Jan Böhmermann alias Jim Pandzko mischt die Musik-Industrie auf. Sein neuer Clou: Eine Parodie auf deutsche Popsongs. Sein Ziel: Beim Echo 2018 so richtig abzuräumen. Sein Neo-Magazin-Royale-Team und fünf Schimpansen aus dem Gelsenkirchener Zoo helfen ihm dabei.

Von Julia Kwiatkowski
Jim Pandzko feat. Jan Böhmermann - "Menschen Leben Tanzen Welt" | NEO MAGAZIN ROYALE
Jim Pandzko feat. Jan Böhmermann - "Menschen Leben Tanzen Welt". Foto: Screenshot YouTube/NEO MAGAZIN ROYALE

Mithilfe einer mehr als nur knallharten semantischen Analyse (folterte sich die) filterte die Redaktion die wichtigsten Schlüsselbegriffe aus deutschen Popsongs heraus - und zack! Da war er schon: Der Titel des neuen Böhmi-Songs, der innerhalb kurzer Zeit auf Platz 1 der deutschen iTunes-Charts stürmte: "Menschen Leben Tanzen Welt".

Schimpansen aus dem Gelsenkirchener Zoo wählten die Textzeilen aus

Eine Handvoll Schimpansen aus dem Gelsenkirchener Zoo* waren für die Anordnung der Strophen zuständig. Bei den Texten handelt es sich um Werbeslogans, Kalendersprüche und Tweets von YouTube-Influencern (Sam Slimani, Bibi). Böhmermann greift die deutsche Popindustrie an, die ihn an Werbung erinnere, die "gefühsduselig" ist und eine "leere gute Laune" vermittelt. Doch ist Popmusik wirklich so einfach gestrickt?

*Laut Aussage von Böhmermann sind die Schimpansen nun als Textdichter bei der GEMA angemeldet.

Das sagt ein Musiker aus Münster zu der Parodie

Gereon Homann , Musiker aus Münster [Eat The Gun] und Dozent an der Musikhochschule Münster, sagt: "Böhmermann könnte damit auch Popmusik von vor 10, 20 Jahren meinen. So ist Popmusik. Sie ist in der Regel eingängig - was durch Hooklines geschieht - und zielt sehr häufig auf das ab, was den Menschen berührt." Er bringt einen weiteren Aspekt mit ein: Die Gesellschaftskritik, "da es am Ende immer der Konsument ist, der die Songs kauft und damit auch verantwortlich ist, wer oben in den Charts steht."

Ist Songwriting wirklich so einfach?

"Einen Song zu schreiben ist nicht schwer. Bei einem Hit wird es da schon komplizierter", sagt Gereon Homann. Dass Böhmermanns Song so funktioniert, habe er auch seiner eigenen medialen Präsenz zu verdanken. "Es wäre interessanter gewesen, wenn die Verknüpfung zu seiner Sendung und ihm nicht dagewesen wäre. Hätte es dann noch funktioniert?" Böhmermann sei nunmal Satiriker und bringe überspitzte Beispiele ganz bewusst, um zu provozieren. Er verknüpfe Dinge, um zum Nachdenken anzuregen. "Es ist viel Warheit drin, aber mindestens genau so viel Humor." Zudem verweist er darauf, dass die Schimpansen nur die Schnipsel aneinandergereiht haben. Sie haben keine Akkorde gelegt. Wäre auch das passiert, wäre Homann "zutiefst beeindruckt". Doch dem sei nicht so.

Doch wie kommt es, dass der Song nicht total sinnfrei heraussticht?

Auch auf die Frage weiß Homan eine Antwort: "Die Schimpansen haben Textteile von deutschsprachigen Chartsongs, Werbeliedern und Kalendersprüchen "aneinandergereiht". Da wir davon im Alltag normalerweise begleitet werden, erinnern wir uns bei dem Hören dieser Textpassagen daran. Wenn der Text nur gelesen wird, ist er auch extrem sinnfrei. Die Struktur der Songteile, die Akkordverbindungen, die einzelnen Melodien, die Rhythmik, wurden von einem Profi gemacht. Das lässt es entsprechend klingen und drückt den Text eher nach hinten."

"So echt, so real, so poppig!"

Das Material für die visuelle Untermalung war schnell gefunden: Es handelt sich hierbei um Wohlfühl-Stock-Footage aus Amerika. Zwei Team-Mitglieder von Neo Magazin Royale haben das Video an einem Nachmittag zusammengeschnitten. Böhmermann ist sich sicher: Das Lied wird ein Erfolg, „weil es so echt, so real, so poppig ist“.

Das Video: Voller Klischees

Jim Pandzko blickt traurig in den Innenhof. Seine Augen schweifen durch das dreckige Fenster in die Ferne. Sein Haupthaar: verwuschelt. Er muss sich morgens im Bad nicht das Haar machen. Weil er real ist. Eine halbnackte Frau sitzt auf der Bettkante. Ein Getränk namens „Glump“ wird offensiv in die Kamera gehalten. Landschaftsaufnahmen aus aller Welt. Zwischendurch: Pärchen. Vermischt mit einer eingängigen Melodie. Böhmermann bittet Musikredaktionen, seinen Song in die Rotation zu nehmen: „Keiner ihrer Hörer wird es merken. Niemand!“

Einige Radios spielen den Song bereits: Bremen Vier, Bayern 3 - und WDR2-Moderator Thomas Bug twitterte:

"Menschen Leben Tanzen Welt" bald auch in den NRW-Lokalradios?

Ein Anruf am Vormittag bei Radio NRW, dem Anbieter des Rahmenprogramms der NRW-Lokalradios, zeigt: Auch dort ist „Menschen Leben Tanzen Welt“ bereits angekommen. Am Freitagmorgen lief Böhmermanns neues Lied in den Pop-News und wurde kurz angespielt, informiert Ina Pfuhler, Leiterin Presse- und Öffentlichkeitsarbeit.

In der nächsten Konferenz, in der Rotations-Songs diskutiert werden, soll auch Böhmermanns Lied besprochen werden. Momentan sei er noch eher in der Kategorie „Unterhaltung“ beheimatet. Doch „wenn er sich durchsetzt und es gewünscht wird, dann werden wir uns nicht widersetzen“, so Pfuhler. Auch der stellvertretende Musikchef, Thorsten Sutter, habe den Böhmermann-Song als „gar nicht so schlecht“ befunden.

Böhmermanns Ziel:

Böhmermann kommt damit seinem Ziel näher: Dass beim Echo 2018 der wichtigste Preis der deutschen Musikindustrie an fünf Schimpansen aus dem Gelsenkirchener Zoo verliehen wird. „Echo, wir kommen!“

Im Netz kommt der Song mehr als gut an. „Das hat mich deep berührt, Abisong 2017“, schreibt beispielsweise Jay Tee auf Facebook. Die Hashtags #echo2018 und #menschenlebentanzenwelt auf Twitter glühen.


Das sagt Indra Tedjasukmana zu Böhmermanns neuem Song

Indra Tedjasukmana ist von Beruf professioneller Musiker (Songwriter, Beatboxer, Sänger) sowie Dozent an der Musikhochschule Münster und der Akademie DEUTSCHE POP am Standort Bochum.

Wie ist ein Popsong aufgebaut (simpel oder komplex)?

Tedjasukmana: Mit dem Aufbau eines Popsongs ist es wie mit anderen Dingen im Leben. Es gibt simple Popsongs mit sich wiederholenden Melodien und es gibt komplexe Popsongs mit Tonartwechseln und musikalisch anspruchsvollen Passagen. Beides kann gut oder schlecht ausgeführt sein, der Schwierigkeitsgrad alleine ist daher kein alleiniges Merkmal für Qualität. Faktoren wie aufrichtige Emotion und Authentizität, mit der man einen Song schreibt, spielt oder singt sind zu großen Teilen für die Qualität verantwortlich.

Ist wirklich alles so einfach gestrickt, wie Jan Böhmermann behauptet?

Tedjasukmana: Strukturell gesehen und von den von Böhmermann dargestellten Vorgängen lautet die Antwort: Ja. Jan Böhmermann kritisiert aber nicht einfach Popmusik an sich, sondern die Art und Weise, wie die Akteure im heutigen Musikbusiness (Plattenfirmen, Manager, Agenturen) mit Musik und ihren Fans umgehen. Ihn stört, dass das Künstlerische und Musikalische nicht mehr im Fokus steht, sondern eine rein wirtschaftlich angetriebene Geisteshaltung. In der betreffenden Sendung kritisiert er insbesondere:

  • Die von den großen Plattenfirmen anvisierte Profit- und Gewinnmaximierung durch die immer selbe Art von Popsongs auf Kosten innovativer Nachwuchskünstler, die kaum vergleichbare Medienpräsenz bekommen wie die schon bekannten Künstler.
  • Die durch Promotion-Agenturen strategisch platzierte und von Plattenfirmen bezahlte Schleichwerbung bestimmter Markenprodukte in Musikvideos, die nichts mit der Musik und der Kunst an sich zu tun hat.
  • Die fehlende oder vorgetäuschte Authentizität einiger Popkünstler gegenüber den Fans oder in Interviews. Die Aussagen welche Widerspruch zur vorher erwähnten Profitmaximierung steht. 
  • Die Nominierung der immer selben Bands und Künstler beim ECHO, welche auf Verkaufszahlen basiert anstelle von musikalischer Qualität und Innovation.

Tedjasukmana: Wie alles, ist sowohl das Feld der Musik als auch die Art von Jan Böhmermanns Kritik Geschmackssache. Ob die Fans sich tatsächlich betrogen, hintergangen fühlen, können letzten Endes nur sie selbst entscheiden. Auf struktureller Ebene trifft Jan Böhmermann mit seiner Beschreibung und Analyse der gängigen Praxis ins Schwarze, auch wenn der von Schimpansen „geschriebene“ Popsong als satirische Aktion Geschmackssache bleibt.

Leserkommentare
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