Pro und Contra "Schreiben nach Hören": Lernmethode soll hinterfragt werden

Grundschüler sollen Lesen und Schreiben durch genaues Hinhören lernen, und Fehler werden zunächst nicht korrigiert. Doch die Methode ist umstritten.

Von Dorle Neumann, Mirko Heuping
Pro und Contra : "Schreiben nach Hören": Lernmethode soll hinterfragt werden
Bei der seit Jahrzehnten in vielen Grundschulen praktizierten Methode sollen Kinder Wörter zunächst nach dem Hören aufschreiben, ohne ständig korrigiert zu werden. Foto: colourbox.de

Pro: Freude am Schreiben

Die Freude an der Schriftsprache wird durch die von Jürgen Reichen entwickelte Anlauttabelle geweckt und gefördert. Der direkte Vergleich bei zwei Töchtern zeigt, dass der frühe Umgang mit eigenen Geschichten mehr Interesse geweckt hat als das Lernen nach der Fibel. Die Begeisterung ist nachhaltig.

Die Korrektur der Rechtschreibung ist in beiden Fällen selbstverständlich. Denn auch wer nach der Fibel lernt, begeht noch Fehler – vergisst beispielsweise das Dehnungs-h oder das zweite s, oder erkennt den Unterschied zwischen äu und eu nur durch Anleitung. Die Qualität des Rechtschreibunterrichts hängt eher mit der Kompetenz des Lehrkörpers zusammen als mit der angewandten Methode. Kinder, die früh erfahren haben, dass Sprache dazu dient, eigene Beobachtungen oder Ideen weiterzugeben, haben einen kreativeren Zugang zum Schreiben als jene, die „Trockenübungen“ nach der Fibel machten.

Die Methode ist im Übrigen für Lernbehinderte entwickelt worden und erst nach erwiesenen Erfolgen auf den gesamten Grundschulunterricht übertragen worden.

Dorle Neumann

Contra: Nachteil für Leistungsschwache

Endlich reagiert die Politik auf das Methodenchaos an deutschen Grundschulen. Wie will man auch ein Zentralabitur rechtfertigen, wenn nicht einmal die Lehre in der Grundschule synchronisiert wird und die Schüler mit unterschiedlichen Voraussetzungen in ihr Schulleben starten?

Das „Lesen durch Schreiben“ kann einen leichteren Start in die Schule ermöglichen, doch die Probleme fangen erst danach an. Besonders für leistungsschwache Schüler und Kinder aus sozial schwachen Familien ist die unumgängliche Umstellung auf die Fibel-Lehre eine Belastung. Wenn gelernte Methoden plötzlich nicht mehr gelten, verunsichert das.

Um diesen Sprung zu bewältigen braucht es Hilfe aus dem Elternhaus, die nicht überall gleichermaßen gegeben ist. Einigen Schülern fällt es daher schwer, einmal gelernte Schreibgewohnheiten umzustellen. Daher ist es kein Zufall, dass die Schwächen in der Orthografie in Deutschland stetig zunehmen. Migranten haben zudem Probleme mit der Anlauttabelle, da sie in ihren Muttersprachen andere Laute mit den abgebildeten Gegenständen verbinden.

Mirko Heuping

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