Ehrenamtliche Sterbegleiterin Weil sie es einfach gerne macht

Warendorf -

Von Beruf war sie Krankenschwester. Da erlebte Brita Schemskötter immer auch einmal mit, wie ein Leben endete. Als sie 1999 gefragt wurde, ob sie sich ehrenamtliche Sterbebegleitung für sich vorstellen könnte, sagte sie sofort zu. Seither ist sie dabei.

Von Jörg Pastoor
Begleitet Menschen bis zum Tod: Brita Schemskötter. Das sei nicht immer leicht, gebe aber auch viel.
Begleitet Menschen bis zum Tod: Brita Schemskötter. Das sei nicht immer leicht, gebe aber auch viel. Foto: Britta Schulte

Von sich aus hätte sie sich wohl nicht gemeldet. „Man hat mich schon vorgewarnt, dass Sie kommen würden“, sagt die Frau mit dem Kurzhaarschnitt lächelnd. Was sie tut, worüber die WN mit ihr sprechen wollen an diesem Nachmittag, das tut sie gern, sagt sie: bei Menschen sein in ihren letzten Tagen. Zuhören, reden. Berühren. Bis zum letzten Moment. Brita Schemskötter (75) ist Sterbebegleiterin. Eine der ersten im Hospizverein, als er sich 1999 gründete.

Für den Lebenden taucht eine Frage schnell auf: Warum? Warum wagt sich ein Mensch von sich aus in die letzten Wochen und Tage eines anderen, von dem sicher ist, dass er sehr bald sterben wird? „Ich mache das einfach gerne“, sagt Brita Schemskötter und legt den Kopf kurz etwas schief, als wolle sie damit ihre Überzeugung unterstreichen. Diese nahe Situation helfe dem Menschen, gebe viel zurück.

Da-Sein gibt Sterbenden viel

So zufällig war ihr späteres Ehrenamt nicht. Als gelernte Krankenschwester gehörte Sterben immer wieder auch in einer gynäkologischen Abteilung zum Alltag. Da erlebte sie eine zentrale Eigenart der letzten Lebensphase: „Es ist immer anders.“ Jeder stirbt auf seine Art. Es gibt die Menschen, die weitestgehend oder ganz frei von körperlichem Schmerz auf den Tod warten. Es gibt die, die leiden. Unter Schmerz. Oder darunter, dass sie noch nicht alles geklärt haben mit jemandem, mit dem sie sich einmal entzweit haben. Es gibt den Mann, bei dem die Enkelin ihr davon abrät, ihn zu berühren – das habe der Opa noch nie gemocht. Aber bei ihr lässt er es zu . . .

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Es ist immer anders.

Brita Schemskötter

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Auf alle diese Facetten des Letzten im Leben eines Menschen kann sich Brita Schemskötter einlassen. Wie sie es schafft, Schweres aus den Momenten – meist sind es so um die zwei Stunden am Tag – nicht mit heim zu nehmen? „Ich liebe die Natur.“ Da gehe sie ausgedehnt spazieren und schaffe es so, abzuschalten, wieder Distanz aufzubauen. Sie lässt also allzu Schlimmes auf dem Weg zurück.

Ihr Mann unterstützt sie von Beginn an bei dieser Aufgabe, die sie als so dankbar empfindet. Ihr Wunsch für das eigene Sterben? „Ich würde mir wünschen, alle, die ich liebe, um mich herum zu haben und mich von jedem verabschieden zu können.“

Auf gesunder Distanz zum Schweren

Es müsse jeder für sich entscheiden, ob er diese Aufgabe übernehmen könne, sagt sie. Sie könne es, wisse ja, dass sie selbst entscheidet, ob sie eine neue Begleitung übernimmt. Es kommt eben schon darauf an, dass die Chemie zwischen Sterbendem und Begleitendem auch stimmt. „Es ist auch schon vorgekommen, dass ich gemerkt habe: Das passt nicht.“ In einem anderen Fall habe sie sogar manches in den Traum verfolgt. „Das war ganz schlimm.“ Sie sei sich bewusst, dass es keine Verpflichtung gebe, dass sie ein Nein nicht begründen müsse. Das habe sie damals der Koordinatorin im Verein mitgeteilt.

Grundsätzlich qualifiziert ist jeder, der die beiden Kurse für Sterbebegleiter absolviert hat. Das wäre sogar für Annette Pries eine denkbare Option. „Dass es solche Menschen gibt, ist großartig.“ Pries lebt in München und konnte sich schon der Entfernung wegen nicht um ihren über 90-jährigen Vater hier in Warendorf kümmern, dessen Tod absehbar wurde. Das übernahm Helmut Wende, einer der Kollegen von Brita Schemskötter. Nach dem Erstgespräch mit dem Hospizverein habe man ihr gesagt, dass man genau den Richtigen für ihren Vater habe. „Und das hat auch 100-prozentig gepasst“, so Pries. Ihr Vater habe schon etwas nörgelig sein können.

Begleitung als Glücksfall empfunden

Doch der Begleiter habe sich auf die Situation einlassen und auf ihren Vater genau richtig einstellen können. Er sei mit Kuchen oder einem Süppchen vorbeigekommen. Nicht für die Versorgung mit Essen, sondern für eine Mahlzeit, bei der man zusammen sein konnte. „Mein Vater hat dann am Telefon immer erzählt, sich jedes Mal richtig auf den nächsten Besuch gefreut.“

Die Gewissheit, dass er gut versorgt war, verbindet Beruhigung mit Dankbarkeit. „Ich könnte mir nach dem Ende meiner Berufstätigkeit sehr gut vorstellen, das auch zu machen“, sagt sie.

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