Fleischerei Frohne schließt am Samstag nach 131 Jahren Firmengeschichte
Ende einer Leidenschaft

Everswinkel -

So elfenhaft fühlt sie sich gerade nicht. Der Kolping-Karnevals-Prinzessin von 2008 wird das Herz in diesen Tagen etwas schwer. Die Fröhlichkeit und Unbeschwertheit wird derzeit von der nüchternen Erkenntnis überdeckt, dass zum Ende der Woche nicht nur ein berufliches Kapitel endet, sondern eine ganze, lange Geschichte. Nämlich die von 131 Jahren Fleischerfachgeschäft Frohne und 19 Jahren Selbstständigkeit von Silvia Kirschke. Ein Schritt, der nicht impulsiv erfolgt, sondern überlegt – der aber dennoch schmerzt.

Donnerstag, 13.07.2017, 10:07 Uhr

Für Silvia Kirschke und ihr Team Alexandra Lach, Heidrun Meyer und Uwe Meyer (v.r.) ist am Samstag der letzte Arbeitstag im Fleischer-Fachgeschäft Frohne. Für Silvia Kirschke enden 19 Jahre Selbstständigkeit.
Für Silvia Kirschke und ihr Team Alexandra Lach, Heidrun Meyer und Uwe Meyer (v.r.) ist am Samstag der letzte Arbeitstag im Fleischer-Fachgeschäft Frohne. Für Silvia Kirschke enden 19 Jahre Selbstständigkeit. Foto: Klaus Meyer

„Gerne hätten wir alles auf 140 Zeichen Twitter-Länge gebracht. Komplexe Sachverhalte sind aber nicht einfach darzustellen“, heißt es in einem Info-Schreiben, das Ende Mai an Geschäftspartner ging. Nein, es ist nicht alles so simpel wie beim amerikanischen Twitter-Präsidenten. Silvia Kirschke war mit viel Leidenschaft dabei. Seit 1998, als sie nach dem Tod der Mutter und des Vaters kurz hintereinander unversehens in die erste Reihe rutschte. Von der Verkaufsleiterin zur Inhaberin in Nullkommanix.

Die Überlegung, ob man das alteingesessene Geschäft weiterführen sollte, stellte sich praktisch gar nicht. „Zwei Kinder, viel Arbeit – wir hatten keine Zeit zum Nachdenken“, blickt sie zurück. Die Tochter vier Jahre alt, der Sohn gerade zwei Jahre geworden, die Elternzeit lief noch. Im Jahr 2000 war die Meisterprüfung in der Tasche. „Der Schritt vom leitenden Angestellten zum Chef ist riesig“, bilanziert sie die Zeit. „Die ganze Verantwortung, die man hat . . .“ Nicht nur für sich, sondern auf für die Angestellten und deren Familien. „Das kann man nicht einfach mit dem Kittel abstreifen.“

Mutig sei man seinerzeit gewesen, die Herausforderung anzunehmen. Und etwas „blauäugig“, stellt sie beim Blick zurück fest. Mit einfachen Mitteln wollte man die Betrieb am Laufen halten, doch schon bald waren Investitionen in Maschinen und Einrichtung fällig. „Man weiß gar nicht, was so alles hinten dran hängt“, spielt sie auf Kosten, Regeln und Rahmenbedingungen an. Viel Geld, Zeit und Kraft habe man in den Betrieb investiert, denn die Fleischwaren aus eigener Produktion und Veredelung seien eine „Herzensangelegenheit“ gewesen. Die loyalen Mitarbeiter waren dafür eine unverzichtbare tragende Säule.

Die Herausforderungen wurden allerdings nicht weniger. Im Gegenteil. „Viele kleine, mit Herz geführte Handwerksbetriebe werden entweder schließen oder signifikant größer werden müssen“, ist sie fest überzeugt. „Ein Betrieb so klein wie wir?“ Kirschke schüttelt den Kopf. Dem Jahresbericht des Deutschen Fleischer-Verbandes hat sie entnommen, dass 2015 die Zahl der selbstständigen Fleischereien um 400 zurückgegangen sei. Politik und Gesetzgeber haben dabei ihre Hände mit im Spiel. Als Beispiel verweist Kirschke auf die umstrittene „Hygiene-Ampel“ der rot-grünen Landesregierung. „Anstelle von Sachverstand, den ein Meister in seinem Beruf hat, forderte die Hygiene-Ampel schematische Formalismen ein.“ Damit hätten die Politiker bei den Handwerksbetrieben „Angst und Schrecken ausgelöst“ und viele Fragen aufgeworfen. Wie regeln wir das? Was kostet uns das Gesetz? Wer zahlt die Mehrkosten? Was passiert, wenn es trotz aller Maßnahmen doch nur Gelb gibt? Nun werde die neue CDU-FDP-Landesregierung diese Hürde wieder kassieren, aber andere Probleme blieben. Etwa die Kennzeichnungsverordnung, die Anforderungen der Berufsgenossenschaft oder das Gesetz zum Schutz vor Manipulationen an digitalen Grundaufzeichnungen. Ein Geflecht an Hindernissen, das der Verbraucher so gar nicht erkenne.

Zudem stand Silvia Kirschke nun vor der Entscheidung, kräftig in den Betrieb investieren zu müssen. „Der ganze vordere Bereich, die Theke, die Waagen, das Kühlhaus macht Mucken – da ist die Zeit drüber weggegangen.“ Die Kosten? „Eine ganze Menge. Das muss man dann auch 1000-prozentig wollen.“ Und es muss sich rechnen. Über 15 Jahre mindestens. 15 Jahre selbst noch das Geschäft fortzuführen, ist für die derzeitige stellvertretende Obermeisterin der Fleischer-Innung Warendorf aber nicht vorstellbar. „Bei dem Tempo, das wir vorlegen, hätten wir das nicht geschafft.“ Da kein Nachfolger und kein Interessent für die Übernahme in ein paar Jahren in Sicht sei – trotz intensiver Suche über mehrere Jahre – fiel die unternehmerische Entscheidung. Gegen den Betrieb.

„Ich bin mit mir im Reinen jetzt. 19 Jahre Metzgerei – wir haben unser Bestes gegeben, mehr hätten wir nicht gekonnt“, sagt Silvia Kirschke. Die engagierten Mitarbeiter, die zum Glück neue Perspektiven hätten, wird sie vermissen. Die Kunden werden ihr fehlen. Die Gespräche über die Verkaufstheke hinweg über die Neuigkeiten aus dem Dorf, der Small-Talk, das Lob für die Produkte. Der erste Ferientag für die Kinder ist der letzte Arbeitstag für sie als Chefin der Fleischerei B. Frohne . Zukunftspläne? „Ich werde jetzt erst mal aufräumen. Den Laden sortieren, mich sortieren . . .“

Die Kunden werden mir fehlen. Schade, dass ich die nicht mehr habe.

Silvia Kirschke
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