Gedenken an die Deportation der Juden
Eine Rose für Jenny

Drensteinfurt -

Einige Wochen lang hatten sich die Viertklässler der KvG-Grundschule mit der Geschichte der jüdischen Gemeinde beschäftigt. Am Montag halfen sie beim „Putzen“ der „Stolpersteine“.

Dienstag, 12.12.2017, 23:12 Uhr

Salomon, Terhoch und Seelig: Diese Namen sind auf den „Stolpersteinen“ an Hammer Straße und Südwall zu finden. In den Mittelpunkt des diesjährigen Gedenkens hatte Dr. Sabine Omland die junge Jenny gestellt, die im Dezember 1941 deportiert worden war.
Salomon, Terhoch und Seelig: Diese Namen sind auf den „Stolpersteinen“ an Hammer Straße und Südwall zu finden. In den Mittelpunkt des diesjährigen Gedenkens hatte Dr. Sabine Omland die junge Jenny gestellt, die im Dezember 1941 deportiert worden war. Foto: Dietmar Jeschke

Wie es sich angefühlt haben mag? Davon konnten sich die Viertklässler am Montagnachmittag einen ziemlich genauen Eindruck machen. Dick eingepackt mit Mütze und Schal standen sie im Schneematsch. Im Fokus: Einige auf dem flüchtigen Blick unscheinbare Steine, die seit nunmehr neun Jahren in den Boden eingelassen sind. Und zwar genau dort, wo sie einst gewohnt haben: die letzten Drensteinfurter Juden, die vor genau 76 Jahren deportiert worden waren. „In einem offenen Lastwagen ging es zunächst nach Münster“, berichtete Sabine Omland , die im Namen des Fördervereins Alte Synagoge zu der Gedenkstunde an der Ecke Hammer Straße und Südwall eingeladen hatte.

Dort standen einst die Häuser der letzten verbliebenen Mitglieder der jüdischen Gemeinschaft, von denen Dr. Kurt und Dr. Sabine Omland in diesem Jahr besonders Jenny Seelig in den Fokus rückten, die als junges Mädchen ihr ganzes Leben eigentlich noch vor sich hatte. Stattdessen erlebte sie den Horror des NS-Regimes, dem sie letztendlich zum Opfer fiel.

Für sie, wie auch für die Mitglieder der Familien Salomon und Terhoch hatten die Viertklässler der Kardinal-von-Galen-Grundschule, die sich im Rahmen des Religionsunterrichts in den vergangenen Wochen intensiv mit der Geschichte der jüdischen Gemeinde beschäftigt hatten, rote Rosen mitgebracht. Und Putzlappen, mit denen sie die ein wenig angelaufenen Gedenksteine im Trottoir auf Vordermann brachten.

Sabine Omland, die die Schüler bereits in der ehemaligen Synagoge in Empfang genommen und ihnen dort manches erklärt hatte, erzählte derweil noch einiges über die Ereignisse, die sich im Dezember 1941 abgespielt hatten. Um aus ihrem Heimatort „evakuiert“ zu werden, mussten Siegmund Salomon, seine Frau Else und die zwölfjährigen Tochter Fanny Irma wie auch Helene und Emma Terhoch sowie Jenny Seelig, Johanna Salomon und deren Töchter Frieda und Herta Matratzen, Wolldecken, Kochtopf und Waschgeschirr zusammenraffen. Am Mittag des 11. Dezembers hielt ein Lastwagen in Drensteinfurt. Und bevor die zehn Drensteinfurter Juden samt Gepäck auf dessen offene Ladefläche verfrachtet wurden, nahmen ihnen die begleitenden Polizisten noch ihr Geld ab. Und zwar genau 248,50 Reichsmark, wie es ein Nordkirchener Polizeimeister sauber quittiert hatte. Ihre Nähmaschine, die Emma Terhoch in der Hoffnung mitgenommen hatte, sich mit ihrer Hilfe im Arbeitslager durch Schneiderarbeiten ernähren zu können, konnte sie – zunächst – retten.

Erstes Ziel des Deportationskonvois, der zuvor in Lüdinghausen gestartet war, war das Lokal „Gertrudenhof“ in Münster. Dort nahm man den Juden das große Gepäck ab – unter anderem auch die Nähmaschine von Emma Terhoch.

Am Tag darauf ging die Reise ins Ungewisse weiter. „Unter Misshandlungen und Beschimpfungen wurden die Menschen am 12. Dezember ab 11 Uhr abends mit Bussen zum Güterbahnhof gebracht und in die Züge getrieben“, schilderte Dr. Sabine Omland. „Die 400 Juden des Bezirks Münster wurden in Personenwagen dritter Klasse untergebracht. In jedem Abteil befanden sich acht bis zehn Personen. Der Zug fuhr am 13. Dezember um 10 Uhr morgens ab und machte Station in Bielefeld und Osnabrück. Dort kamen 400 beziehungsweise 200 Juden dazu.“

Unterwegs mussten sich die Zuginsassen selbst verpflegen, erfuhren die Grundschüler. Und das drei Tage lang. Denn so lange dauerte es, bis der Zug nach ununterbrochener Fahrt in Skirotawa, etwa acht Kilometer nordöstlich von Riga, angekommen war. „Am nächsten Morgen begann um 9 Uhr der Marsch in das Rigaer Ghetto“, so Omland. „In Riga begann die schlimmste Leidenszeit der zehn Drensteinfurter Juden. Nur eine von ihnen, Herta Salomon, überlebte, während die anderen neun den Entbehrungen, Krankheiten oder der Vernichtung in Auschwitz zum Opfer fielen.

Herta Salomon hat fast 45 Jahre nach diesen Ereignissen einen Bericht über ihren Lageraufenthalt verfasst, in dem sie zahlreiche Gräueltaten schildert. „Es war furchtbar! Meinen Schwager brachte man mit allen Männern in ein Männerlager. Das Lager hieß Salalspils. Die ersten drei Tage bekamen sie nichts zu essen. Nach drei Tagen gab man jedem Mann ein Stückchen Zucker. Dann gab man den Befehl, dass zehn Männer auf ein Dach klettern sollten. Oben angekommen, hat man alle heruntergeschossen wie die Vögel“, so die spätere Herta Herschcowitsch. „Mein Schwager starb in dem Lager an einer Lungenentzündung.“

Nach der Befreiung Deutschlands kehrte Herta im Mai 1945 zurück nach Drensteinfurt, in der Hoffnung, überlebende Angehörige zu finden. Vergeblich: Außer ihr war die ganze Familie und auch die ihres Onkels Siegmund Salomon ermordet worden, schilderte Sabine Omland. Nachdem sie vergeblich versucht hatte, mit Hilfe der amerikanischen Besatzungstruppen wieder in den Besitz des Elternhauses zu gelangen, verließ Herta Salomon Drensteinfurt.

Im Lager für „Displaced Persons“ im Kreis Fulda lernte sie danach ihren späteren Mann, einen rumänischen Juden, kennen. Gemeinsam mit den zwischenzeitlich geborenen Kindern wanderte die Familie im Frühjahr 1949 nach Israel aus.

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