DHL-Paketzusteller Unterwegs im Auftrag des Christkinds

Ahlen -

Nicht nur der Online-Versandhandel hat vor Weihnachten Hochkonjunktur. Weil immer mehr Geschenke im Internet bestellt werden, verzeichnet auch die Deutsche Post DHL aktuell ein doppelt so hohes Paketaufkommen wie im Rest des Jahres. Die „AZ“ hat einen der Ahlener Zusteller begleitet.

Von Peter Harke
Im Laufschritt durch den Ahlener Westen: Vor Weihnachten müssen Hubert Döbbe und seine Kollegen einen Zahn zulegen.
Im Laufschritt durch den Ahlener Westen: Vor Weihnachten müssen Hubert Döbbe und seine Kollegen einen Zahn zulegen. Foto: Peter Harke

Wie das Christkind sieht Hubert Döbbe nun wirklich nicht aus. Und um als Weihnachtsmann durchzugehen, müsste der drahtige Mittfünfziger sich schon ein ganz dickes Kissen unter die Jacke stopfen und seinen Dreitagebart wachsen lassen. Ungeduldig erwartet wird er trotzdem in diesen Tagen vor dem Fest fast überall, wo er auftaucht. Denn ohne seinen Einsatz gäbe es an Heiligabend wohl in manchen Familien lange Gesichter. Als einer von 17 Paketzustellern der Deutschen Post DHL in Ahlen sorgt Döbbe dafür, dass alle Geschenke pünktlich un­ter dem Weihnachtsbaum liegen, alle je­denfalls, die früh genug bestellt worden sind.

Der Online-Versandhandel und geschäftliche Sendungen machen etwa 80 Prozent des Paketaufkommens aus. Das insgesamt von Jahr zu Jahr zunimmt. Zwischen sieben und acht Prozent beträgt das Wachstum, wie Rainer Ernzer aus der DHL-Pressestelle in Düsseldorf berichtet, und ein Ende sei nicht in Sicht: „Wir jagen von einem Rekord zum anderen.“ Aber die zwei Wochen vor Weihnachten toppen alles. An normalen Tagen befördere das Logistikunternehmen deutschlandweit im Schnitt 4,3 Millionen Pakete am Tag, zurzeit seien es in der Spitze 8,5 Millionen, fast das Doppelte also.

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Das ist schon ein kackiger Job.

Rainer Ernzer

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Ein Plus von rund zehn Prozent gegenüber dem Vorjahr verzeichnet auch die Ahlener Zustellbasis an der Südbrede. „Es ist deutlich mehr“, stellt deren Leiter Jürgen Schuster fest. Der 55-Jährige aus Oelde ist seit 39 Jahren bei „der Post“, hat selbst als Zusteller angefangen. Er nickt zustimmend, als Rainer Ernzer sagt: „Das ist schon ein knackiger Job. “

In Ahlen – nur im Kernstadtgebiet, ohne Vorhelm, Dolberg und die Bauerschaften – werden das Jahr über täglich zwischen 1600 und 1800 Pakete bewegt, jetzt, vor dem Fest, sind es um die 3000. Darum sind auch alle Mann an Bord. Urlaubssperre gilt ohnehin seit Ende November, überdies würden die Kollegen freiwillig auf ihre freien Tage verzichten, erzählt Jürgen Schuster. Die können sie natürlich im Januar nachholen.

Dienstag und Mittwoch sind die „Hauptkampftage“. Weil, wie Schuster erklärt, die Leute am Wochenende Zeit haben, am Computer sitzen und fleißig im Internet bestellen. Es ist ja so einfach, ein Mausklick genügt. Welcher logistische Aufwand nötig ist, damit das Buch, die CD oder die neuen Schuhe in der Regel zwei, drei Tage später eintreffen, darüber machen sich vermutlich die wenigsten Gedanken.

Heute, als die „AZ“ die Schicht begleitet, ist Montag, da geht es noch vergleichsweise entspannt zu. „Wir sind gut dabei“, konstatiert Jürgen Schuster um kurz nach acht. Gerade ist der letzte von drei Lkw aus Bielefeld angekommen. Vom dortigen Paketzentrum, einem von 34 in ganz Deutschland, wird Ahlen „beliefert“. Vorübergehend wird es dann doch etwas wuselig und hektisch im großen Packraum, an dem die 16 Auslieferungsfahrzeuge rückwärts angedockt haben. Die werden nun bezirksweise beladen, anhand der Adressen planen die Fahrer mit Bedacht ihre Routen, um Umwege zu vermeiden. Hubert Döbbe parkt zwischen Mohammed und Samed, gibt beiden ein paar Pakete ab, weil er heute ja die Presse im Schlepptau hat, die ihn vielleicht etwas aufhalten wird. So hat er schließlich „nur“ hundert Positionen an Bord – letzten Freitag waren es 220.

Auch Döbbe hätte eigentlich vergangene Woche zwei Tage frei machen, zu Hause die Füße hochlegen können. Aber das kam für ihn nicht infrage, er kennt sein „Revier“ im Ahlener Westen, für das er seit drei Jahren zuständig ist, schließlich am besten – ein Navi braucht er nicht – und viele Kunden persönlich. Einige wollen „ihren“ Zusteller auch deshalb vor Weihnachten unbedingt noch einmal sehen, um sich bei ihm zu bedanken – nicht unbedingt nur mit warmen Worten. Da gibt‘s auch schon mal ein kleines Trinkgeld. „Ich kann mich nicht beklagen“, schmunzelt Hubert Döbbe.

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Die Weststraße bis zum Museum rauf mach‘ ich mit der Sackkarre.

Hubert Döbbe

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Seine erste Station an diesem Morgen ist eine Versicherungsagentur an der Kapellenstraße. Döbbe parkt auf dem breiten Bürgersteig davor – in der Hoffnung, dass nicht ausgerechnet jetzt ein „Knöllchenschreiber“ vorbeikommt. Die Mitarbeiter der städtischen Ordnungsbehörde drücken nicht immer ein Auge zu. Wobei der 55-Jährige sich bemüht, wie er beteuert, den fließenden Verkehr möglichst wenig zu behindern. „Die Weststraße bis zum Museum rauf mach‘ ich mit der Sackkarre.“ Dann lasse er den Wagen vor der Volksbank in der Fußgängerzone stehen. Bis elf Uhr ist das erlaubt. Nur bis elf Uhr. Der Kollege, der in der City ausfährt, muss sich manchmal ganz schön sputen.

Döbbe sprintet derweil quer über die Kapellenstraße zu „Elektro Greve“. Inhaber Uwe Höhmann ist heilfroh, als er den Laden betritt – mit dem dringend benötigten Ersatzteil für ei­nen Kühlschrank. Die beiden Männer sehen sich fast jeden Tag. Wenn Zeit bleibt für ein kurzes Schwätzchen, dreht sich das meistens um Fußball. Höhmann ist Dortmund-Fan, Döbbe für Bayern. Geht ja noch. Aber „der Briefzusteller ist ein Blau-Weißer“. Geht gar nicht.

„Jetzt biegen wir an der Ampel links ab und fahren zu einer Agentur“, weist Döbbe den Weg. Agentur? Der gelbe Wagen stoppt vor dem Feinkostgeschäft Dahlhoff an der Straußstraße. Die Erklärung: Das „kleine KaDeWe“, wie Döbbe es nennt, ist gleichzeitig Annahmestelle für Retouren. Ein halbes Dutzend Kartons stapelt sich schon neben der Kasse. Die wird Hubert Döbbe aber erst am späten Nachmittag abholen, auf dem Rückweg zur Basis. Jetzt übergibt er Herlinde Dahlhoff erst einmal das Päckchen für ihren Schwiegersohn. Was da wohl drin sein mag? Die Chefin hat keine Ahnung. „Vielleicht ein Weihnachtsgeschenk?“ Die Vermutung liegt irgendwie nahe.

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Ich wusste ja, dass das heute kommt.

Birgit Temme

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Weiter geht die Fahrt auf der Eschenbachstraße, doch schon nach wenigen Metern bremst Hubert Döbbe abrupt. Er hat aus den Augenwinkeln Birgit Temme auf dem Fahrrad erspäht. Sie fühlt sich keineswegs überrumpelt, sondern ist überglücklich, den bestellten Kosmetikartikel in Empfang nehmen zu können. „Ich wusste ja, dass das heute kommt“, sagt sie. Die Sendungsverfolgung im In­ternet auf paket.de ist eine feine Sache. Da kann man auch einen Wunsch­zustelltermin angeben oder den Namen des Nachbarn, bei dem das Paket abgegeben werden soll, wenn man selbst nicht zu Hause ist. „Schon zehn Millionen Kunden nutzen das“, weiß Pressesprecher Rainer Ernzer.

Benachrichtigungskarten musste Hubert Döbbe heute bis jetzt nicht im Briefkasten hinterlassen. Auch an der Telemannstraße wird die Haustür geöffnet. Gleich vier Pakete? Frank Schniederjürgen zuckt mit den Schultern: „Wenn man drei Kinder hat, bleibt das nicht aus.“ „Bis morgen“, ruft er Hubert Döbbe zum Abschied hinterher. Ihm schwant: „Da kommt bestimmt noch was.“

Den nächsten Em­pfänger trifft Döbbe ebenfalls an. Und wäre Martin Pupka-Lipinski schon zur Arbeit gewesen, hätte er abends noch mal angeschellt. „Ich wohn‘ ja hier in der Nachbarschaft, ein paar Häuser weiter.“ Fiele Heiligabend nicht in diesem Jahr auf einen Sonntag – Hubert Döbbe würde womöglich die letzten Geschenke am Ende wirklich noch ei­genhändig unter den Baum legen.

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