Nach vier Jahrzehnten
Ende der Familienpflege

Ahlen -

Es ist eine Vernunftentscheidung, und sie war unausweichlich: Die Familienpflege des Caritasverbandes Ahlen ist mit dem Jahresende endgültig ein Stück Vergangenheit. Vor vier Jahrzehnten als eine der ersten Fachstellen gegründet, hat keine Zukunft mehr.

Donnerstag, 21.12.2017, 19:12 Uhr

Das war‘s: Marianne Schnieders, Ilona Flötotto, Heike Schmit, Cordula Westhues (Mitarbeiterinnen Familienpflege), Caritas-Geschäftsführer Heinrich Sinder und Fachdienstleiterin Birgit Marquardt (v. l.).
Das war‘s: Marianne Schnieders, Ilona Flötotto, Heike Schmit, Cordula Westhues (Mitarbeiterinnen Familienpflege), Caritas-Geschäftsführer Heinrich Sinder und Fachdienstleiterin Birgit Marquardt (v. l.). Foto: Caritas

War es vor einigen Jahren für eine Familie noch selbstverständlich, in einer Notlage – etwa bei Erkrankung der Mutter – einen Antrag auf diese persönliche Form der Hilfe zu stellen, so ist dies heute schon die Ausnahme. Kitas betreuen schon Kleinstkinder, immer mehr Schulen bieten Mittags- oder Ganztagsbetreuung und die für den Einsatz zuständigen Krankenkassen schauen immer mehr aufs Geld, bevor sie einen Antrag genehmigen.

Uns bricht an dieser Stelle schlicht das alte Aufgabenfeld weg.

Heinrich Sinder

„Uns bricht an dieser Stelle schlicht das alte Aufgabenfeld weg“, stellt Caritas-Geschäftsführer Heinrich Sinder nüchtern fest. Und das heißt mit anderen Worten auch: Die klassischen examinierten Familienpflegerinnen, 40 Jahre lang als „gute Feen“ Retterinnen in verschiedensten menschlichen Notlagen, haben ausgedient.

Ein Schritt, der - bei aller Vernunft - auch von einem Hauch Wehmut begleitet wird. Wie bei Marianne Schnieders . 25 dieser 40 Jahre war sie dabei. „Das war an keinem Tag ein Job wie jeder andere“, sagt die 51-Jährige in einem sehr persönlichen Blick zurück. Not in einer Familie kam oft über Nacht: mit der schweren oder schwersten Erkrankung einer Mutter etwa oder sogar einem Todesfall. Mit dem Hilfsantrag der Familie, von einem Arzt und der Krankenkasse bewilligt, trat dann die von der Caritas entsandte Familienpflegerin auf den Plan. „Ich habe kleine Kinder versorgt, zum Kindergarten oder zum Arzt gebracht, ihnen bei den Hausaufgaben geholfen und dafür gesorgt, dass sie abends gut versorgt ins Bett kamen“, erinnert sich Marianne Schnieders. Nicht selten war sie schon morgens sehr früh im Einsatz, hatte – etwa durch die Heimkehr

des Vaters – kurz eine Pause, um dann bis in den späten Abend hinein wieder vor Ort zu sein. Das konnte Tage dauern, je nach Schwere der Notlage aber auch Wochen oder sogar Monate. Dabei sei oft eine ganz andere, intensive Form menschlicher Nähe zu ursprünglich fremden Menschen entstanden: „Aus der Not ist irgendwann Vertrauen gewachsen, und plötzlich war man schon fast ein Mitglied der Familie.“ Unfreiwillig, doch zwangsläufig habe sie auch sehr intime Einblicke in das Leben der Menschen bekommen: „Wenn man über Wochen oder Monate praktisch einen Elternteil ersetzt, dann ist man nicht mehr nur Gast oder Familienpflegerin, sondern eine Vertraute.“

Man braucht ein sehr tragfähiges persönliches Netz um sich herum, das einen auffangen kann.

Marianne Schnieders

Eine verantwortungsvolle Aufgabe, in jeder Hinsicht. Kam sie, die Familienpflegerin, dabei nicht manchmal selbst zu kurz? „Man braucht ein sehr tragfähiges persönliches Netz um sich herum, das einen auffangen kann“, gesteht Marianne Schnieders. Das hatte sie, und das hat ihr geholfen, wenn ihre Arbeit sie hier und da schon einmal an ihre Grenzen brachte. Jetzt, da dieser Bereich wegfällt, bleibt sie erfreulich nah an ihrem bisherigen Aufgabenbereich: in der Flexiblen Erziehungshilfe, ebenfalls unter dem Dach der Caritas. Gemeinsam mit ihren examinierten Kolleginnen Cordula Westhues und Heike Schmit bleibt sie im Verband, „ihrer“ Caritas treu. „Wir sind sehr froh, den Abschied von der Familienpflege sozialverträglich gestalten und unsere Mitarbeiterinnen an anderer Stelle einsetzen zu können“, bemerkt auch Geschäftsführer Heinrich Sinder zufrieden.

Was bleibt, ist Erinnerung. An harte Tage, aber auch an viele Momente der Freude darüber, helfen zu können. Und auf die Frage, ob sie sich dieser Herausforderung noch einmal stellen würde, antwortet Marianne Schnieders ohne Zögern: „Sofort wieder.“ Wohl auch, weil es eben kein Job war wie jeder andere.

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