Ungewöhnliche Wette Jugendlicher Kraftakt am steilen Berg

Tecklenburg/Brochterbeck -

Ging´s um den Spaß oder um Flaschen mit Alkoholika? Letztlich war das egal, denn die Einlösung der Wette sorgte 1960 für viel Aufsehen in Tecklenburg.

Von Ruth Jacobus
Mit „Hau-ruck“ wird der 30 Zentner schwere Viehtransporter die steile Bahnhofstraße nach Tecklenburg hochgeschoben.
Mit „Hau-ruck“ wird der 30 Zentner schwere Viehtransporter die steile Bahnhofstraße nach Tecklenburg hochgeschoben. Foto: WN-Archiv

Ob es den jungen Männern nur um den Schnaps ging? Oder doch eher um den Spaß? Das sei dahingestellt. Auf jeden Fall war das, was die acht Brochterbecker 1960 auf die Beine stellten, schon ein ungewöhnlicher Kraftakt, der zahlreiche Zuschauer anzog: Sie waren eine Wette eingegangen, nämlich dass sie es schaffen würden, einen 30 Zentner schweren Viehtransporter in Tecklenburg vom TWE-Bahnhof bis zum Marktplatz hochzuschieben. Ein Blick ins Archiv offenbart die ganze Geschichte:

„Um zehn Flaschen Doornkaat ging es, als am Samstagabend acht junge Männer aus Brochterbeck versuchten, einen Viehtransporter mit 1,5 Tonnen Eigengewicht vom TWE-Bahnhof Tecklenburg am Fuße des Teutoburger Waldes bis hin­auf zum Marktplatz des Kreisstädtchens zu schieben. Zwar ist diese Strecke nicht länger als 1,5 Kilometer, dafür hat sie es aber mit Steigungen bis zu 15 Prozent in sich. Das bekamen die acht jungen Burschen aus der Bauerschaft Horstmersch zu spüren, die mit einem Fleischermeister und einem Viehkaufmann aus ihrem Dorf – die während der motorlosen Bergauffahrt im Führerhaus saßen – gewettet hatten. Obwohl ihnen für dieses schweißtreibende Unternehmen eine Stunde und 30 Minuten bewilligt waren, drückte das muskulöse Doppelquartett, angefeuert von rund 400 Zuschauern, ohne anzuhalten den Viehwagen in 25 Minuten den steilen Berg hinauf.“

Das Publikum war damals gespannt. „Das schaffen die nie. Spätestens oben in der Kurve unterhalb des Kreishauses, wo es steil hoch geht, werden die sauer.“ – „Mensch, da kennste die Burschen nicht, die haben noch ganz andere Dinger gedreht“, lauteten die Kommentare. Und im Zeitungsbericht heißt es weiter: „Spannung lag über der neonbeleuchteten Bahnhofstraße, wie bei einem Stierkampf in Spanien, einem Radrennen in Italien oder einer Boxweltmeisterschaft in Amerika. Denn Bierfässer rollen, barfüßiges Dauerlaufen, Mäuse verschlucken und ähnliche Scherze hatte es auf dem Wett-Sektor schon gegeben, nicht aber solch einen Kraftakt.

Die Transport-Schwerarbeiter aus Horstmersch gingen nicht unvorbereitet in diesen Kampf. Ein Training hatten sie schon absolviert. Damals wurden diese acht Burschen, nachdem sie für das DRK Blut gespendet hatten, aufgefordert, einen Viehkaufmann in seinem Transportwagen nach Hause zu schieben. Der Kaufmann verlor fünf Flaschen Doornkaat. Die doppelte Ration wurde nach dieser Aktion für die motorlose Tecklenburger Bergauffahrt ausgesetzt. Für die zusätzlichen fünf Flaschen erklärte sich ein Fleischermeister aus Brochterbeck verantwortlich.

Dann ging´s los. Die Jungen zogen ihre Jacken aus, krempelten die Hemdsärmel hoch und stemmten sich gegen das Heck des Transporters. In eineinhalb Stunden musste man spätestens auf dem Tecklenburger Marktplatz sein. Zeit genug also, um unterwegs noch eine Verschnaufpause einzulegen, weshalb ein Bremser mitmarschierte, der bei einem möglichen Halt auf steiler Strecke einen Klotz unter die Hinterräder zu schieben hatte. Aber der Bremser brauchte nicht in Aktion zu treten.

Gleichmäßig und stur wie ein T 34 rollte der 30 Zentner schwere Wagen – zuzüglich das nicht geringe Gewicht der Insassen – die Bergstraße hoch. Die Schulter gegen die Hinterwand gestemmt, den Blick zur Erde, die Stirne und das Hemd immer feuchter – so wurde die Strecke in gleichmäßigem Tempo bis zu der gefährlichen Kurve gemeistert, wo nach Voraussagen einiger Zuschauer die acht aus Horstmersch „sauer“ werden sollten.

Hier in der Kurve, an der die stärkste Steigung auf der gesamten Wettkampfstrecke begann, stieg die Spannung bei den vielen mitgelaufenen Zuschauern auf den Höhepunkt. Aber es war gar nicht nötig, die gemeinsamen Hau-ruck-Rufe zu verstärken; der Wagen rollte auch auf diesem Abschnitt im unverminderten Tempo weiter. Mit keuchendem Atem wurde die Biegung am Kreishaus erreicht und in die Landrat-Schultz-Straße eingeschwenkt. Und auf diesem Pflaster rollte der Viehtransporter dann fast von selbst weiter.

Erschöpft, aber zufrieden lachend nehmen die Transport-Schwerarbeiter am Ziel einen Schluck aus einer der gewonnenen Flaschen. Der Fleischermeister als Verlierer der Wette gießt ein und lässt das Glas reihum gehen. Foto: WN-Archiv

So kamen die acht Naturburschen aus Horstmersch mit ihrem Wagen auf dem Marktplatz an. Der Schluck aus einer der Pullen, die man nun gewonnen hatte, schmeckte doppelt gut. Die übrigen Flaschen wurden in einer Wirtschaft zuhause geleert. Sowohl der Fleischermeister als auch der Viehkaufmann waren keineswegs vergrämt, weil sie nun zu zahlen hatten. Im Gegenteil: Sie waren richtig stolz auf ihre Burschen.“

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