„Burggraf“ im Dornröschenschlaf Der Mief der großen, weiten Welt

Tecklenburg -

Den Duft der großen weiten Welt versprechen die Schilder neben der Eingangstür zum Hotel „Burggraf“. Was dahinter in die Nase steigt, riecht muffig. Unter den Sohlen knirschen Glassplitter. Ein Rundgang durch den verlassenen Ort.

Von Michael Baar
Der letzte Schluck ist im Glas geblieben – und zur Todesfalle für Fliegen geworden.
Der letzte Schluck ist im Glas geblieben – und zur Todesfalle für Fliegen geworden. Foto: Michael Baar

Den Duft der großen weiten Welt versprechen die Schilder neben der Eingangstür zum Hotel „Burggraf“. Was dahinter in die Nase steigt, riecht muffig. Unter den Sohlen knirschen Glassplitter. Ein Butler lehnt an der Wand, die rote Nelke im Knopfloch seiner schwarz-weiß gestreiften Weste lässt traurig den Kopf hängen. Die Blume ist genauso künstlich wie der Pappkamerad, auf dessen Schiefertafel einst zu lesen war, auf welche Köstlichkeiten sich der Gast freuen darf.

Beim Blick in die Lobby-Bar sind die Spinnweben und Staubschichten auf den Kunstblumen am Eingang vergessen. Die Sonne scheint durch die fast zugezogenen dicken Vorhänge. Auf der Theke steht ein Glas mit einem Rest einer braunen Flüssigkeit. Cognac? Whisky? Was auch immer es war, einige Fliegen und Brummer haben im Glas den Tod gefunden. Daneben ein paar Zigarettenkippen in einem Ascher. Der ist aus Plastik und passt irgendwie nicht in dieses Ambiente. Und die nicht angebrochene Flasche Tomatensaft am anderen Ende des Tresens? Bleibt zu. Ein Mindesthaltbarkeitsdatum ist nicht mehr zu erkennen. Unter das Knirschen der Glaskrümel mischt sich das Rascheln von Laub.

Wenige Schritte weiter, zwischen Sofas und Sesseln, steht ein Couchtisch. Darauf ein Blumen-Bukett, eingestaubt, aber unverwüstlich weil künstlich. Wie ein Fremdkörper wirkt die Restrolle weißen Toilettenpapiers auf der daneben stehenden Couch.

Das Büro am Eingang gleicht einem Schlachtfeld. Auf einem Tisch steht ein Wasserkocher, daneben eine Dose mit Insektenspray. Aufgerissene Schränke, Papiere auf dem Boden, die Gardine hat sich an einer Seite gelöst. Strom, Gas, Wasser – „alles abgestellt“, hat Wilfried Middendorf schon vor der Tür gesagt. Vorsichtig mit den Füßen tastend geht es durchs unbeleuchtete Treppenhaus eine Etage höher. Papier liegt überall, in den Zimmern sind die Betten zerwühlt, in einem Badezimmer liegt der Fön im Waschbecken. Kann nichts passieren, ist ja alles abgestellt.

„Weiter oben sieht´s auch nicht anders aus“, erzählt der Inhaber eines Hausmeister-Service. Einmal in der Woche schaut er im „Burggraf“ nach dem Rechten.

Also nach unten, in den Keller. Das Schwimmbad beeindruckt auch ohne Wasser. Gegenstromanlage, Unterwasser-Massage gegen Münzeinwurf, Sauna, Hometrainer, Wappen in der Spiegelwand – der einstige Luxus lässt sich noch erahnen. Trotz einiger dicker Bretter, mit denen Wilfried Middendorf die Lücken in der Fensterwand verschlossen hat. „Vor eineinhalb Jahren etwa hat das angefangen“, erinnert er sich an den ersten Einbruch ins leer stehende Haus. Seitdem kämen mehr oder weniger regelmäßig immer wieder ungebetene Gäste ins Haus.

Die machen Party, vermutet er anhand der Spuren, die sich überall zeigen. Wobei Party wohl eher mit kaputtmachen als mit fröhlich feiern zu übersetzen ist. Dass einige Speisekarten aus besseren Zeiten „überlebt“ haben, mutet wie ein Wunder an. „Variationen von Spargel schmelzend zart“ werden angepriesen. Oder die „Tecklenburger Theatervesper“, die vor allen Abendvorstellungen der Freilichtspiele von 17.30 bis 20 Uhr serviert wird. Für 25 D-Mark gibt´s Ochsenschwanzsuppe Harlekin oder Joghurt-Erdbeerkaltschale als Entree, danach drei Nürnberger Rostbratwürstchen, hausgemachte Eisbeinsülze, luftgetrockneter Schweinenacken, jungen Gouda, Kartoffelsalat und Remouladensauce.

Auf dem Weg in die Küche steht eine Plastikschüssel voll mit Besteck. Müsste auch mal wieder gespült werden. Auf dem Herd liegt ein Menüzettel. Kochgeschirr, Trockentücher – irgendwie sieht das aus, als würde das Personal kurz mal ´ne Pause einlegen. Der Dreck belehrt eines Besseren.

Auf dem Weg in Richtung Lobby liegt auf einem Tisch ein Bündel Werbeflyer. „Männersache Prostata“ heißt es auf dem Titelbild für einen Vortrag. Wenige Meter weiter ein Sideboard mit einem weißen Stoffdeckchen, darauf liegen eine wie hastig abgenommene Fliege und ein Kugelschreiber sowie eine Kleiderbürste.

Wilfried Middendorf dreht den Schlüssel um. Vierbeinige Bewohner, also Mäuse und Ratten, hat er noch nicht entdeckt. Und die zweibeinigen ungebetenen Gäste? Die machen immer wieder Ärger, haben ihre „Heldentaten“ aber auch schon in drei oder vier Versionen bei einem Online-Portal als Filmchen hinterlegt. Darauf muss man erst mal kommen.

 

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