Zwei Orgelexperten erklären: Auf die Einheit kommt es an

Borghorst/Nordwalde -

Das Wort „Schwingungen“ lässt wohl nicht wenige an Esoterik denken. Doch wenn Dieter Bensmann und Thorsten Schlepphorst von Schwingungen reden, dann haben sie Orgelmusik im Kopf. „Gute Organisten sagen: ‚Die Schwingungen haben mir etwas gesagt‘“, erklärt Kirchenmusiker Schlepphorst. „Das ist ein akustisch-physikalisches Phänomen.“

Von Vera Szybalski
Zwei Orgel-Experten am Werk: Nordwaldes Kirchenmusiker Thorsten Schlepphorst spielt auf der von Dieter Bensmann gebauten Barock-Orgel in der St.-Dionysius-Kirche.
Zwei Orgel-Experten am Werk: Nordwaldes Kirchenmusiker Thorsten Schlepphorst spielt auf der von Dieter Bensmann gebauten Barock-Orgel in der St.-Dionysius-Kirche. Foto: Vera Szybalski

Tatsächlich kann man dank der Schwingungen der Orgelpfeifen die Musik nicht nur hören, die Schlepphorst in seinem musikalischen Wohnzimmer in der St.-Dionysius-Kirche spielt, sondern auch fühlen. Es reicht schon, wenn man eine Hand auf das Holz der Orgel legt. Es ist wohl ein Grund, der die Orgel zu einem besonderen Instrument macht.

Das sie ein eben solches ist, hat auch die Unesco erkannt. Anfang Dezember zeichnete sie den Orgelbau und die Orgelmusik als immaterielles Weltkulturerbe aus. Zeit mit zwei Experten über das Thema zu reden. Und wer könnte dafür in der Region besser geeignet sein, als der Borghorster Orgelbauer Dieter Bensmann und der Nordwalder Organist Thorsten Schlepphorst.

Ort des Gesprächs: die St.-Dionysius-Kirche. Denn die schmucke Orgel, die in dem Nordwalder Gotteshaus steht, verbindet die beiden. Dass Schlepphorst mit seinem Spiel auf dem Instrument die Gottesdienste bereichern kann, hat er auch Bensmann zu verdanken. Denn der baute die Barock-Orgel nach Aufzeichnungen von Henrich Mencke neu.

Die Orgel hat eine jahrhundertelange Geschichte. Das Gehäuse des Hauptwerks ist alt, es wurde von Mencke erstellt. Die anderen Teile sind im Laufe der Zeit durch Modernisierungen verloren gegangen. Das Gehäuse übernahm Bensmann, das Innenleben gestaltete er neu. Dabei nutzte er die im 17. und 18. Jahrhundert verwendeten Materialien und die damals typische Bauweise – und nicht etwa eine neumodische Art. Das ist wichtig, Bensmann betont das im Gespräch mehrfach: Die Orgel sei dadurch ein in sich geschlossenes Kunstwerk. Eine Einheit, die nicht zerstört werden sollte. Das beweist die Geschichte der Nordwalder Orgel. Als sie noch in der Freckenhorster Stiftskirche stand, wurde sie mehrmals modernisiert. Doch mit der Zeit zeigte sich immer deutlicher, dass nicht jede Neuerung zwingend Besserung bedeutet.

„Jede Veränderung, die ich vornehme, bezahle ich mit irgendetwas“, erklärt Schlepphorst und nutzt den alten VW Käfer als Beispiel, in den man zwar neue Halogenlampen einbauen könne, dadurch das Auto aber nicht mehr stimmig sei. „Die großen historischen Orgeln stehen da, wo früher Geld war und dann lange keines“, sagt Schlepphorst. „Da wo Geld ist, wird modernisiert.“

Der Orgelbau und die Orgelmusik haben sich über die Jahrhunderte verändert – Modifikationen sind aus einer Wechselwirkung zwischen Organisten und Orgelbauern entstanden. Heute hoch im Kurs stehen technische Neuheiten. Schlepphorst und Bensmann betonen, dass sie nichts gegen innovative Technik haben. Bauchschmerzen bekommt Bensmann aber, wenn in eine Barock-Orgel wahllos moderne Technik eingebaut wird: „Das passt nicht zu dieser Art von Orgel.“ Die Einheit werde in diesem Augenblick zerstört.

Gleiches gilt für die Verbindung von Instrument und Musiker, wenn der Spieltisch aus der Orgel ausgekoppelt wird. Die Trennung von Spieler und Klangkörper, das gibt es bei keinem anderen Instrument, sagt Schlepphorst: „Ein Blasinstrument hat man am Mund, ein Streichinstrument am Körper und man sitzt am Klavier.“ Die Schwingungen der Orgelpfeifen sind für den Musiker nicht mehr richtig wahrzunehmen, wenn den Spieltisch und den Rest der Orgel viele Meter trennen. Dieser Eingriff in die Einheit mache das ursprüngliche Konzept der (Barock-)Orgel kaputt.

Etwas anders gelagert ist die Situation bei reinen High-Tech-Orgeln. Grundsätzlich haben die beiden dagegen nichts einzuwenden. Aber mit einem Instrument habe eine digitale Orgel nur noch am Rande etwas zu tun, meint Schlepphorst: „Das ist eine Maschine, da ist alles elektrisch.“

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Die großen historischen Orgeln stehen da, wo früher Geld war und dann lange keines.

Thorsten Schlepphorst

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