Weberei Kock vor Abriss Flutlicht gegen Fledermäuse

Borghorst -

Vor fast drei Jahrzehnten gingen in der alten Weberei Arnold Kock die Lichter aus. Längst sind die Gebäude in weiten Teilen verfallen. Aber in dieser Woche waren sie dennoch wieder hell erleuchtet – zumindest nachts. Das Licht aus einem Dutzend 400-Watt-Baustrahlern soll einen ganz besonderen Gast aus der früheren Spulerei und dem Kesselhaus vertreiben: die Mopsfledermaus.

Von Linda Braunschweig
In der ehemaligen Spulerei fliegt die Mopsfledermaus ein und aus. In dieser Woche wurde das Gebäude nachts ausgeleuchtet, um das seltene Tier zu vertreiben.
In der ehemaligen Spulerei fliegt die Mopsfledermaus ein und aus. In dieser Woche wurde das Gebäude nachts ausgeleuchtet, um das seltene Tier zu vertreiben. Foto: dpa/Thomas/Braunschweig

Sie ist so selten, dass sie auf der Roten Liste der gefährdeten Arten steht. „Die kommt quasi gleich hinter dem Luchs“, sagt Tierökologe Axel Donning . Deshalb werden keine Kosten und Mühen gescheut, um möglichst alle Mopsfledermäuse zu vertreiben, bevor die beiden Gebäude ab Mittwochabend abgerissen werden. Das ist gesetzlich so vorgeschrieben, erläutert Donning. Und abgerissen werden müssen die Häuser: Sie sind stark einsturzgefährdet. Schon seit Langem ist die Straße entlang des Kesselhauses aus Sicherheitsgründen gesperrt. Das soll sich nun ändern, bevor im kommenden Jahr auch die übrigen Gebäude weichen.

Wie berichtet , sind auf dem riesigen Areal mehrgeschossige Wohnhäuser geplant. Im April war das 25.000 Quadratmeter große Grundstück verkauft worden. Mehr als zwei Jahrzehnte lang hatte die Stadt zuvor versucht, die Fläche zu vermarkten und dort eine neue Nutzung zu realisieren.

Bedrohte Art

Und jetzt das: Ausgerechnet die in Westeuropa am stärksten bedrohte Fledermausart fliegt dort ein und aus. Ein Projektkiller? Es sei ein komplexes Problem, sagt Axel Donning. Aber der Tierökologe ist sich sicher, mit einem Experten für Mopsfledermäuse die angesichts des zeitlichen Drucks beste Lösung gefunden zu haben: Erst ausleuchten, dann bei Nacht abreißen, wenn die Tiere ausgeflogen sind.

An diesem Abend nimmt Axel Donning die im gleißenden Licht gespenstisch wirkenden Hallen in Augenschein. Er hatte das Gelände bereits im Sommer für ein notwendiges Gutachten untersucht. Mehr als 50 Fledermäuse waren ihm an einem Abend allein an einer Einflugschneise ins Netz gegangen, darunter auch Barbastella barbastellus, die mit der mopsartigen Schnauze. Fast schon eine Sensation – allerdings nicht in Steinfurt: Im Bagno gibt es eine Kolonie mit rund 150 Tieren. Möglich, dass sie von dort ins Kock-Gebäude fliegen.

Wohin mit den Fledermäusen?

Als Tierökologe habe er sich über den Fund erstmal gefreut, sagt der Rheinenser, aber dann ging die Grübelei los: Was tun? Denn auch für Donning ist klar: „Es ist niemandem damit gedient, wenn die Gebäude hier mitten im Ort weiter verrotten.“ Eile ist geboten. Nicht nur wegen des drängenden Abrisses : Falls die Tiere auch ihre Winterquartiere in dem Gebäude beziehen, fliegen sie nicht mehr und sind dann praktisch unauffindbar, erklärt Donning.

An diesem Abend stellt er mit seinem Kollegen, Biologen Christian Stellmacher , eine Fledermaus-Harfe im Eingang zu einem Gebäude auf, das jetzt noch nicht abgerissen wird. Die Tiere bleiben darin hängen, fallen in einen Sack und können eingesammelt werden. Die Hoffnung: An dieser Stelle jetzt mehr der nachtaktiven Flieger zu finden, weil sie – vom Licht abgeschreckt – ein Häuschen weiter gezogen sind. Ein hauchdünnes Netz am Tor zum einsturzgefährdeten Kesselhaus soll dagegen zeigen, wer hier noch reinfliegt. Das Ergebnis ist bis Mitternacht nicht eindeutig: Je eine Mopsfledermaus bleibt in jeder Sperre hängen. Donning geht dennoch davon aus, dass die zur Vergrämung gewählte Methode die beste ist und am meisten Aussicht auf Erfolg hat.

Mopsfledermaus

Die Mopsfledermaus ist zwischen 4,5 und sechs Zentimetern groß und hat eine Spannweite bis zu 29 Zentimetern. In Deutschland lebt sie vorwiegend in Bayern, Nordrhein-Westfalen, Hessen und Thüringen, gerne in laubwaldreichen Gebieten. Sie zählt in Westeuropa zu den gefährdetsten Fledermausarten überhaupt und ist deshalb streng geschützt. Tiere dieser Art sorgten schon häufiger für Verzögerungen von Bauprojekten, beispielsweise am Flughafen Frankfurt-Hahn. Sie gehören zu den sogenannten „planungsrelevanten Arten“.

Mit der Lichtinstallation endet der Aufwand für die kleinen Flieger nicht: Auch die Bagger rollen nachts an. Das schlägt sich auf die Abrisskosten nieder. Nein, Freunde werden Bauherren und Barbastella barbastellus wohl nicht werden. Erst recht dann nicht, wenn die fliegende Rarität auch am Mittwoch noch im Kesselhaus flattert. Dann würde der Abriss, der am Dienstag um 19 Uhr starten soll, gestoppt. Dass alles reibungslos gelingt – darauf hofft nicht nur Tierökologe Donning, sondern auch der künftige Investor, die Planer und die Stadt.

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