Popkultur Boygroups begeistert vom Vechteörtchen: „Vintage“

Metelen -

Japanische Popmusik geht einher mit einer schrillen Fan-Szene. Stefan Mensing kennt sie genau, organisierte er doch über 13 Jahre lang Konzerttourneen mit japanischen Boygroups und J-Rock-Bands. Über seine Erlebnisse veröffentlichte er das lesenswerte Buch eines Insiders.

Von Dieter Huge sive Huwe
Wiedererkannt? Genau, das Fotoshooting mit den beiden Models fand einst im Museumsbahnhof Metelen statt. Schräge Outfits und provokante Maskeraden waren auch das Markenzeichen japanischer Bands, für die der Metelener Stefan Mensing jahrelang Konzerttourneen in Deutschland und Europa organisierte.
Wiedererkannt? Genau, das Fotoshooting mit den beiden Models fand einst im Museumsbahnhof Metelen statt. Schräge Outfits und provokante Maskeraden waren auch das Markenzeichen japanischer Bands, für die der Metelener Stefan Mensing jahrelang Konzerttourneen in Deutschland und Europa organisierte. Foto: Viona Ielegems

Stefan Mensing als „bunten Vogel“ des Ortes zu bezeichnen, wäre gänzlich daneben gegriffen – der Mann trägt am liebsten schwarz. Dass er aber immer schon sein eigenes Ding machte und dabei bisweilen im Örtchen für Kopfschütteln sorgte, damit kokettiert der heute 52-Jährige genüsslich – nachzulesen in einem Buch, das Popkultur und Provinz, Sushi und Schützenfest, Kabuki und Klostergebäude in einer direkten, bisweilen deftigen Sprache zu einer äußerst kurzweiligen Lektüre verbindet.

Die Klammer bildet dabei das wilde Leben japanischer Boygroups auf Tour durch Europa. Mensing war mehr als 13 Jahre mit japanischen Künstlern in Europa unterwegs, erlebte dabei ebenso schrill-schräge Situationen wie Augenblicke des Erstaunens, wenn die fernöstliche mit der westfälischen Kultur in Kontakt trat.

Indirekter Kulturvermittler war dabei der Metelener selber, der die Bands mit in den Ort nahm, etwa dann, wenn ein Konzert-freier Tag anstand. Die Reaktion der jungen Musiker war vielfach pure Begeisterung. Mit „Vintage“ beschrieben sie den historischen Charme des Örtchens, das kaum gegensätzlicher sein kann zur aufgesetzt schrillen Popkultur der Boybands aus dem Reich der aufgehenden Sonne.

Mensing schlüpfte dabei mehr als einmal in die Rolle des feixenden Mittlers zwischen den Kulturen, wobei seine stille Liebe zum Heimatort mehr als einmal aufblitzt – und das nicht nur bei „Mettwurst-Cola“.

In erster Linie dreht sich das Werk indes um die mitunter slapstickreifen Episoden des Tour-Alltags, den Mensing mit einer eingespielten Crew organisierte. Erfahrungen im Pop-Business hatte er seit 30 Jahren, knüpfte Kontakte unter anderem durch sein „Astan-Magazin“, eine der wenigen deutschsprachigen Zeitschriften der Gothic-Musik-Szene.

Erste Kontakte zu Bands der J-Rock und Visual-Kei-Szene mündeten dann in der Organisation von Konzerten für diese Bands. „Visual Kei?“, lacht Mensing, „das ist auf den Punkt gebracht praktisch das, was Tokyo Hotel später abkupferten“. Junge Musiker, feminin gekleidet, beherrschten die Szene, das Publikum war zu 95 Prozent jung und weiblich.

Mensing war da als Konzert-Organisator der Oldtimer in der Crew. Und einer, der seine punktgenaue Beobachtungsgabe in Worte zu fassen versteht. Ein Fehler wäre es nämlich, das äußerst kurzweilig nachzulesende Erstlingswerk des Meteleners nach dem Betrachten der mehrheitlich ausgezeichnet fotografierten Bands beiseite zu legen.

Seinen Parforceritt durch die schrille Popszene Japans kombiniert Mensing mit Verweisen auf die uralte Kultur des Landes. Wer ahnt denn schon, dass die schrägen Outfits der Jungs auf der Bühne letztlich in der Tradition des Kabuki-Theaters wurzeln? Wer sich einlässt auf das Buch, findet neben den schrillen Backstage-Anekdoten viele solcher Bezüge.

Seinen schönsten Moment hat das Werk allerdings in der Beschreibung der Sängerin Exo Chika. Mensings Worte werden da für einen Moment zu wahrer Poesie.

„Sushi & Stromgitarre“ ist Anfang Dezember im Eigenverlag Stefan Mensing im Fotobuch-Format erschienen, hat 204 Seiten mit über 230 Bildern, und kostet 19,90 Euro. Erhältlich im Buchhandel und online.  

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