Haus Widum Lengerich Der Alltag im Altenheim

Lengerich -

Haus Widum soll im kommenden Jahr erheblich erweitert und modernisiert werden. Bereits seit den 1950er Jahren gehört die Senioreneinrichtung zu Lengerich. Am 20. Februar 1971 widmete sich der „Tecklenburger Landbote“ ausgiebig dem Altenheim. Getitelt war der Zeitungsbericht, der vor allem das Leben der Bewohner in den Fokus nahm, mit den Worten „,Nicht mit Mitleid beträufeln‘ – In ,Haus Widum‘ wohnen Menschen, die mitten im Leben stehen“:

Ein Schild weist bereits auf den geplanten Neubau von 44 Pflegeplätzen hin.
Ein Schild weist bereits auf den geplanten Neubau von 44 Pflegeplätzen hin. Foto: Paul Meyer zu Brickwedde

„,Nur nicht ins Altenheim‘, fürchten sich immer wieder alte Menschen vor einem kasernierten Lebensabend. Der Begriff ,Heim‘ ruft Assoziationen vom Aufpasser, von einer Bevormundung oder gar Gefangenschaft hervor. Ungeliebt in einer ungeliebten Welt zu leben glauben viele, die Altersheime nur von draußen kennen. Die Wirklichkeit kann ganz anders aussehen.

Serie mit alten Berichten

70 Jahre Westfälische Nachrichten, das nimmt die Lokalredaktion Lengerich zum Anlass, auf 70 Jahre Zeitungsberichterstattung im Tecklenburger Land zurückzuschauen. Welche Themen haben die Menschen bewegt? Welche Kuriositäten gab es? Wie hat sich der Journalismus verändert? Diesen und anderen Fragen gehen wir nach. Teilweise werden die Artikel 1:1 wiedergegeben, teilweise erfolgt der Rückblick in Zusammenfassungen. Dank gebührt an dieser Stelle Lengerichs Stadtarchivar Wolfgang Berghoff, der die gesammelten Zeitungsbände für die Recherche zur Verfügung stellte, sowie dem Unternehmen Bischof + Klein, das den Tecklenburger Landboten lange herausgegeben hat und nun die erneute Veröffentlichung von Berichten gestattet. Die Serie wird über das „Jubiläumsjahr“ 2016 hinaus weitergeführt.

Auf dem Flur gehen zwei ältere Frauen spazieren. In einem Zimmer hockt auf der Fensterbank ein Hund. 18 – 20 – Null schallt es aus einem Raum. In den Teeküchen hantieren ältere Frauen mit Geschirr. Im Souterrain klopft und hämmert es. Draußen harkt ein betagter Mann die Wege. Jede der Szenen könnte sich in einer Ferienpension oder einem trauten deutschen Heim abspielen. Es sind Erlebnisse, die jeder Besucher jeden Tag im Lengericher Altersheim haben kann.

Als Mittelding zwischen Wohn- und Altenheim bezeichnet Schwester Hanni Wolff , die Leiterin von ,Haus Widum‘, das Altersheim in Lengerich. Die Bewohner richten ihre Räume mit eigenen Möbeln ein, essen auf den Zimmern und schaffen sich einen individuellen Lebensrahmen. ,Unsere Hausbewohner sind freie, selbstständige Menschen mit eigenen Interessen und eigenen Bestimmungsrechten‘, erklärt Schwester Hanni Wolff. ,Es ist falsch, den Menschen in seiner Hilfsbedürftigkeit zu sehen. Der Dienst muss von unten, nicht von oben geleitet werden. Wir wollen den Leuten dienen, sie nicht mit Mitleid und Gnade beträufeln.“

Die Anreden ,Oma‘ und ,Opa‘ gibt es nicht in Haus Widum. ,Wir stellen Ansprüche in der Unterhaltung, fordern die alten Leute geistig‘, schildert Schwester Hanni ihre Ansichten über die ,Altenbetreuung‘, ein Begriff, der ihr verhasst ist. ,Wir betreuen die Menschen ja gar nicht unbedingt, abgesehen von den Bewohnern der Pflegeabteilung. Wir ergänzen den fehlenden Teil im Leben der Alten, sodass sich wieder ein Ganzes ergibt. Ob jemand nicht mehr kochen, seine Wäsche nicht mehr waschen kann oder irgend etwas anderes ihm das Alleinleben unmöglich macht – wir füllen diese Lücke aus.‘

Im Haus Widum ist man bemüht, eine normale Rückintegrierung der Bewohner in die Gesellschaft zu erreichen. Die alten Menschen wohnen im Heim und leben mit in der Außenwelt. Sie halten selbstverständlich die Kontakte mit der alten Umgebung und ihren Familien aufrecht, besuchen sich gegenseitig und feiern gemeinsam Familienfeste. Jeder kann an seinem Geburtstag Verwandte und Bekannte in sein Heim (sprich: Haus Widum) einladen.

52 Einzelzimmer (davon 17 zum Zweibett-Zimmerpreis, weil die Räume kleiner sind oder im Souterrain liegen), zwölf Zweibett-Zimmer, drei Dreibett-Zimmer und drei Vierbett-Zimmer stehen momentan im Altersheim zur Verfügung. Das Durchschnittsalter der Bewohner hebt sich pro Jahr um ein Jahr an und liegt jetzt bei 76,5 Jahren. Der einzige ,Zwang‘ in Haus Widum: Die Essenszeiten müssen – aus verständlichen Gründen – eingehalten werden und ab 22 Uhr soll man in punkto Lautstärke auf ruhebedürftige Mitbewohner Rücksicht nehmen. Zapfenstreich gibt es nicht. Spätheimkehrer bekommen ,Schlüsselgewalt‘.

40 Mitarbeiter, deren Arbeitszeit umgerechnet auf eine 44-Stunden-Woche 28 Vollbeschäftigte ergeben, darunter vier examinierte Schwestern, kümmern sich um Wohl und Wehe der Bewohner von Alten- und Pflegeheim. Ihre Einstellung zu den anvertrauten ,Schäfchen‘: Alte Menschen soll man ebenso wenig wie Kinder oder Kranke als etwas Besonderes betrachten. Sie sind keine Gesellschaftsgruppe für sich, sondern Mitmenschen, die als Persönlichkeiten zu achten sind.

Die tägliche Blumenpflege, das Vogelfüttern am Fenster, ein ,Proat‘ mit dem Nachbarn, der das gleiche Platt spricht und die gleichen Leute kennt, Lesen – überall im Heim kann Lektüre kostenlos ausgeliehen werden –, Fernsehunterhaltung – es gibt rund 30 Geräte im Haus – oder ein Schwatz mit Superintendent Rübesam, der als Vorsitzender des Kuratoriums von Haus Widum ein häufiger Gast ist, füllen den Alltag aus. Hobbys und gern übernommene Pflichten im Heimleben töten nicht nur etwaige Langeweile, sondern geben dem Leben einen Sinn und den alten Menschen Gewissheit, gebraucht zu werden.“

Leserkommentare
http://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/5383417?categorypath=%2F2%2F84%2F61%2F93%2F105%2F175%2F