Familienleben mit schmalem Budget
Bescheidene Perspektive

Lengerich -

Familie Feldmacher hat es nicht leicht. Die Eltern leben mit ihren kleinen Tochter von staatlicher Unterstützung. Das Geld ist demzufolge knapp – das ist auch an Weihnachten zu spüren.

Sonntag, 24.12.2017, 09:12 Uhr

Jeden Cent und jeden Euro kann die dreiköpfige Familie gebrauchen.
Jeden Cent und jeden Euro kann die dreiköpfige Familie gebrauchen. Foto: dpa/ colourbox

Weihnachten soll so sein, wie es bei den meisten gefeiert wird: mit einem geschmückten Baum, mit Geschenken, mit einem leckeren Essen im Kreis der Familie. Doch was für die Mehrheit der Lengericher eine schlichte Selbstverständlichkeit sein dürfte, ist für Lena und Andreas Feldmacher (Namen und Alter von der Redaktion geändert) eine Sache, die geplant sein will. Und die sie sich vom Munde absparen müssen. Das junge Paar mit der kleinen Tochter lebt seit Jahren die meiste Zeit von staatlichen Zuwendungen. Nach Abzug der Warmmiete, erzählen sie, blieben dann im Monat 580 Euro zum Leben.

„Unser Kind soll glücklich sein“, sagt die 27-Jährige über das, was für sie während der Festtage das Wichtigste ist. Ihr fünf Jahre älterer Mann nickt. „Dafür verzichten wir auf vieles“, fügt er mit Blick auf seine Frau und sich hinzu. Die Tochter im Kindergartenalter glaubt noch an das Christkind, und das soll ihr natürlich Spielsachen bringen. So viel steht fest.

Ohne Führerschein kein Job

Immerhin verfügen ihre Eltern in diesem Monat über ein wenig mehr Geld als sonst. Das macht das Erfüllen der Wünsche etwas leichter. Doch der 450-Euro-Job im landwirtschaftlichen Bereich, den Andreas Feldmacher seit einigen Wochen hat, endet seinen Worten zufolge mit Beginn des neuen Jahres. Dann wird er wohl wie seine Frau wieder arbeitslos sein.

Warum sie trotz einer Erwerbslosenquote von unter vier Prozent in der Region Lengerich in einer solchen Situation sind, ist für die Feldmachers leicht erklärt: Keiner von ihnen habe einen Führerschein. Das Geld für den Erwerb der Fahrerlaubnis fehle und werde auch nicht von den Behörden übernommen.

Unserer Tochter soll auf jeden Fall einen richtigen Beruf lernen und es einmal besser haben als wir.

Andreas Feldmacher

Andreas Feldmacher ist gelernter Gas- und Wasserinstallateur. Er habe die Lehre absolviert, danach aber nie wieder in dem Beruf gearbeitet, sagt der 32-Jährige. „Ohne Führerschein kein Job, ohne Job kein Geld für den Führerschein.“ Es sei ein Teufelskreis. Seine Frau hat keine Berufsausbildung.

Um über die Runden zu kommen, sind für sie die Tafel und das Sozialkaufhaus an der Bergstraße feste Anlaufstellen. Ganz einfach sei es nicht, diese Angebote anzunehmen, räumt das Paar offen ein. Aber sie seien natürlich froh, dass es sie gibt. So versorgen sie sich zumindest zum Teil mit Lebensmitteln und Kleidung. Zudem werde einmal pro Monat Aldi angesteuert und bei E-Bay nach günstigen Sachen geschaut.

Armut bedeutet soziale Ausgrenzung

Vom ohnehin knappen Budget gehen monatlich noch einige Euro für Ratenzahlungen drauf, „Gerichtssachen“, sagt der Familienvater. So werde es ab Monatsmitte regelmäßig eng mit dem Geld.

Dass die finanziellen Möglichkeiten sehr begrenzt sind, ist auch in der Wohnung zu sehen. Recht groß ist sie zwar, aber in keinem guten Zustand. Das Mobiliar scheint nach und nach zusammengestellt worden sein. Brandneu und schick ist nichts. Vieles wirkt eher einfach.

Auf die Frage, ob sie sich als arm betrachten, sagen die Feldmachers: „Irgendwie schon.“ Laut offizieller Definition gibt es kein irgendwie, ihr Fall ist klar. Als armutsgefährdet, so das Statistische Bundesamt, gilt in Deutschland, wer über weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens verfügt. 2016 lag dieser Schwellenwert bei Einzelpersonen bei 1064 Euro, bei einer Familie mit zwei Kindern unter 14 Jahren bei 2234 Euro. 13,4 Millionen Deutsche fielen demnach in diese Kategorie.

Unser Kind soll glücklich sein. Dafür verzichten wir auf vieles.

Lena Feldmacher

Und das bedeutet, ebenfalls ganz offiziell definiert, auch soziale Ausgrenzung. Was das im Alltag heißt, erzählen die Feldmachers: keine Kino-, Kneipen- oder Restaurant-Besuche. „Das sitzt gar nicht drin“. Freundschaften lassen sich so kaum pflegen. Bekannte, sagen die Eheleute, die vor ein paar Jahren nach Lengerich zuzogen, habe man eigentlich keine. „Zu Anfang waren da ein paar Leute, aber das hat sich dann schnell erledigt“, erzählt Lena Feldmacher. Was bleibe, sei die Familie.

Ungerechte Behandlung

Gerecht behandelt fühlen sie sich nicht von Staat und Gesellschaft. Und sie glauben, dass andere Gruppen wie Spätaussiedler oder Asylbewerber mehr Unterstützung bekommen als sie. „Da fragen wir uns schon, wie die sich manches leisten können und wir nicht.“ Woher sie das wissen? Das lese man doch überall im Internet. Diese kritischen Worte möchten die Eheleute jedoch nicht als grundsätzliche Ablehnung von Menschen mit Migrationshintergrund verstanden wissen. „Wir haben nichts gegen die.“

Blicken die Feldmachers Richtung Zukunft, dann sind sie eher hoffnungslos als hoffnungsvoll. „Ich mache mir schon Gedanken“, bekennt Lena Feldmacher. Ihr Mann formuliert es wesentlich deutlicher, er glaube nicht mehr daran, eine geregelte Arbeit zu finden. „Wie denn auch?“ Ihr gemeinsame Wunsch: „Unserer Tochter soll auf jeden Fall einen richtigen Beruf lernen und es einmal besser haben als wir.“

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