Tandem-Berater
„Nichts, was nicht geht“

Greven -

Julian Gehrke ist geistig behindert. Der 31-Jährige arbeitet inzwischen in einer Behinderwerkstatt – und zusätzlich bei der Lebenshilfe. Er ist als Experte in eigener Sache tätig. Als so genannter Tandem-Berater.

Samstag, 10.02.2018, 12:02 Uhr

Julian Gehrke (31) ist als Tandem-Berater für die Lebenshilfe im Kreis Steinfurt tätig. Er gibt in Beratungsgesprächen seine persönlichen und deshalb authentischen Erfahrungen zum Thema Arbeiten, Wohnen, Freizeit und mehr weiter.
Julian Gehrke (31) ist als Tandem-Berater für die Lebenshilfe im Kreis Steinfurt tätig. Er gibt in Beratungsgesprächen seine persönlichen und deshalb authentischen Erfahrungen zum Thema Arbeiten, Wohnen, Freizeit und mehr weiter. Foto: Oliver Hengst

Er hatte mal einen Job in einem Kindergarten, ein Jahr lang. Doch die Hoffnung, in diesem Bereich beruflich Fuß zu fassen, hat sich zerschlagen. „Ich wäre dort immer nur der Praktikant gewesen“, sagt der junge Mann mit geistiger Behinderung.

Also schlug Julian Gehrke einen anderen Weg ein, einen selbstbestimmten Weg. Der 31-Jährige arbeitet inzwischen in einer Behinderwerkstatt – und zusätzlich bei der Lebenshilfe, jenem Verein, der sich um Menschen mit Behinderung kümmert. Menschen wie Julian, die Sorgen, Fragen und Probleme haben wie Julian. Und genau deshalb ist sein Wissen gefragt. Er ist als Experte in eigener Sache tätig. Als so genannter Tandem-Berater. Heißt: Er zieht zusammen mit Marita Dierks-Kortemeyer (Diplom-Sozialarbeiterin) los, um Menschen mit Behinderung und deren Familien zu beraten.

Was kommt nach der Schule? Wie schaffe ich es, in eine eigene Wohnung zu ziehen? Welche Freizeitangebote gibt es für Menschen mit Behinderung? Wer wüsste es besser als Julian Gehrke, der sich mit all diesen Fragen auch schon selbst befasst hat. „Ich freue mich einfach, wenn ich weiterhelfen kann. Es macht Spaß, sein Wissen weiterzugeben. Man fühlt sich auch ein bisschen geehrt, wenn man um Rat gefragt wird“, sagt Gehrke. „Es geht darum, eigene Erfahrungen einzubinden“, ergänzt Marita Dirks-Kortemeyer . Zum Beispiel diese: Als die Mutter eines schwerst mehrfachbehinderten Kindes mal erzählte, wie schwer sich ihr Kind mit püriertem Essen tut (auf das es aber angewiesen ist), hatte Julian die Lösung: Er wusste, dass es einen Lieferdienst gibt, der eben nicht „eine Kelle pürierte Pampe auf den Teller klatscht“, sondern die Lebensmittel separat püriert und so geformt anrichtet, dass sie einem Schnitzel oder einer Kartoffel zumindest ähneln. „Ich wusste das zum Beispiel nicht“, sagt Dirks-Kortemeyer. Für manche vielleicht eine Kleinigkeit – aber nicht für jene, die täglich dieses Essen zu sich nehmen.

Oft kommen in Beratungsgesprächen auch Fragen zum Thema Wohnen auf den Tisch. Auch da kann Julian Gehrke von seinen Erfahrungen berichten. Er lebt in einer eigenen Wohnung im elterlichen Haus und versucht, sich selbstständig zu versorgen. Kappt das? „Na ja“, räumt er schmunzelnd ein, „im Haushalt bin ich etwas schlürig. Es bleibt manches liegen. Und das Kochen ist mir nicht so geheuer, weil ich mit der Küche noch nicht so vertraut bin.“ Doch es gibt Hilfe, Besuche von Lebenshilfe-Experten oder Selbstständigkeitstrainings etwa. Man muss die Angebote eben nur kennen. Julian kennt sie und kann anderen davon erzählen.

Und wenn er bei einem Beratungsgespräch mal überfragt ist? Dann hat er immer noch die Fach-Expertin an seiner Seite, die fit ist in Sachen Gesetze, Finanzierung, Anträge und Co. Das Tandem versteht sich als Duo auf Augenhöhe. „Wenn Julian nur daneben sitzen würde, bringt das nichts. Das wäre eine Pseudo-Beteiligung von Menschen mit Behinderung. Das ist nicht unser Anspruch“, sagt Dirks-Kortemeyer. Jedes Rad des Tandems habe seine speziellen Kompetenzen und bringe diese ein.

Die Lebenshilfe beschäftigt vier Tandem-Berater, die Finanzierung steht auf wackeligen Beinen und wird aktuell durch Spenden gedeckt. Ganz bewusst hat man sich aber davon gelöst, die Tandem-Berater ehrenamtlich zu beschäftigen. Man sieht sie als Kollegen und bezahlt sie deshalb auch.

Drei Tage pro Monat sind fest vereinbart. Dann sind die Berater als Duo in Greven, Emsdetten und Saerbeck unterwegs, aber auch in Lienen und Kattenvenne. Seit 2012 wird das Konzept in der Lebenshilfe im Kreis Steinfurt umgesetzt. Mit Vorteilen für alle. „Auch für meine Arbeit ist das unglaublich bereichernd“, sagt die Sozialarbeiterin. Julian liefere einfach „unheimlich viel Input.“

Und auch die Ratsuchenden profitieren, sie spüren, dass sie authentisch beraten werden. Julian Gehrke kann die Menschen bestärken, ihren eigenen Weg zu gehen, Marita Dirks-Kortemeyer kennt die Stellschrauben, an denen man dafür drehen muss. Wichtig ist in jedem Fall die Botschaft, dass Teilhabe für Menschen mit Behinderung nicht nur möglich ist, sondern auch (fast) keine Grenzen kennt. Beispiel: „Hütte rockt“ – ein Musik-Festival in Georgsmarienhütte. „Da fahre ich schon zum vierten Mal hin“, sagt der Grevener. Und seine Kollegin ergänzt: „Es gibt erstmal nichts, was nicht geht. Es geht darum, Lösungen zu finden. Und die können sehr unterschiedlich ausfallen.“

Denkverbote? Kennt Julian Gehrke nicht. Er hat einen großen (unerfüllten) Wunsch: eine Reise nach Afrika. „Ich wollte schon immer mal die Steppe sehen, wo auch wilde Tiere leben.“ Seine Lösung: Er sprach jemanden an, der Kontakt zu einer Partnerschule in Afrika hält. Vielleicht kann er demnächst mal mitfahren. Der Traum lebt.

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