Kinderkrankenschwester betreut Familien Aus der Klinik in den Alltag

Senden -

Melissa hatte einen schweren Start – als Bündel Leben von 580 Gramm. Erst nach sechs Monaten in der Klinik konnte das frühgeborene Mädchen die schützende Umgebung verlassen. Beim Übergang in den Alltag in der Familie hilft Anja Stuhldreier-Vader vom „Bunten Kreis“.

Von Dietrich Harhues
Melissa hat Kräfte gesammelt: Das im März mit 580 Gramm geborene Mädchen und ihre Mutter werden von Anja Stuhldreier-Vader betreut.
Melissa hat Kräfte gesammelt: Das im März mit 580 Gramm geborene Mädchen und ihre Mutter werden von Anja Stuhldreier-Vader betreut. Foto: di

Melissa schaut aus wachen Augen, ihre Arme kreisen, die Hände tasten und greifen, die Finger umschließen, was sie zu spüren bekommen. Das Mädchen, das entspannt in den Armen der Mutter liegt, blickt neugierig in die Welt hinein. Fast so als wollte sie diese alsbald erobern. Dass Melissa so viel Kräfte sammeln würde, war nicht sicher, als sie im März das Licht der Welt erblickte. Denn damals hatte sie es eilig: 23 Wochen und sechs Tage blieb sie im Bauch ihrer Mutter. Kein leichter Start als Bündel Leben von 580 Gramm. Aber dafür, dass der weitere Lauf durchs Leben nicht allein von der Startposition abhängt, setzten sich viele Fachleute ein. Eine davon ist Anja Stuhldreier-Vader aus Senden.

Sie ist Kinderkrankenschwester, doch sie schlüpft nicht in einen weißen Kittel und arbeitet auf einer Station, sondern sie steigt in einen weißen Wagen und versieht einen Teil ihres Arbeitstages im Außendienst für den „Bunten Kreis“ Datteln/Herne, der an die Vestische Kinder- und Jugendklinik Datteln angegliedert ist.

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Am Anfang hatte ich Angst, ob sie es schaffen wird.

Mutter von Melissa

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Dort hat die Sendenerin über 20 Jahre auf der Neantologie gearbeitet – und Erfahrungen mit Neugeborenen und „Frühchen“ gesammelt, die ihr bei ihrem mobilen Einsatz zugute kamen, wenn sie allein an den Patienten schnelle und richtige Entscheidungen treffen musste. Der Kontakt war dabei intensiv: Nur wenige schwerst und mehrfach behinderte Schützlinge hat sie in der Kinderkrankenpflege zu Hause („Koalas“) jeweils viele Stunden betreut. Vieles was sie erlebt hat, nahm sie mit nach Hause mit.

Kein weißer Kittel, aber ein weißes Auto: Anja Stuhldreier-Vader im Einsatz. Foto: di

Navigation durch Netzwerk von Hilfe

Vor fünf Jahren wechselte die Sendenerin, die Weiterbildungen in Casemanagement und Pflegeberatung absolvierte, zur sozialmedizinischen Nachsorge durch den „Bunten Kreis“. Er möchte, den Weg ebnen beim Übergang von der Klinik in das Zuhause der Familien. Für die diese Zäsur schwierig sein kann. Denn es fehlt das schützende Umfeld des Krankenhauses zugleich fordern frühgeborene Kinder ihren Eltern mehr ab. Auf sie kommt meist eine enge Taktung von Terminen bei Ärzten und Behörden sowie vielen Partnern für die Frühförderung zu. Voraussetzung dafür, dass die Hilfe von Stuhldreier-Vader und ihren Kolleginnen angenommen wird ist: „Man muss einen Draht zu den Familien finden.“ Dazu setzt die Kinderkrankenschwester bereits während des Klinikaufenthaltes an. Später ist es vor allem die versierte Navigation durch ein System der Hilfeleistungen – das in der sozialmedizinischen Nachsorge angeboten wird. Es reicht von Logopädie und Krankengymnastik über die Frühförderung bis zur Vernetzung mit einer Familienhebamme.

Erfolge liefern Motivation

Die Erfolge motivieren die 50-Jährige aus Senden, die als stellvertretende Leiterin des „Bunten Kreises“ fungiert und ihr interdisziplinäres Team. Der Kontakt zu Eltern oder Patienten hält oftmals lange an. „Es ist schön zu sehen, was aus winzigen Babys geworden ist“, schildert Stuhldreier-Vader.

Bunter Kreis

Der Bunte Kreis Datteln/Herne begleitet Familien mit zu früh geborenen oder chronisch kranken Kindern in der Zeit nach der Entlassung aus dem Krankenhaus. Die Mitarbeiterinnen übernehmen die Koordination zwischen Klinik und Kinderarzt, begleiten zu Nachsorgeterminen, beraten die Familien zu Fragen, die sich im Umgang mit der Krankheit stellen und sind als Ansprechpartner für Eltern und Geschwister des kranken Kindes da. Im Team arbeiten Kinderkrankenschwestern und Case Managerinnen, Kinderärzte, Psychologen und Sozialarbeiter sowie eine Diabetesberaterin, eine Familienkinderkrankenschwester und eine Stillberaterin. Diese Nachsorge ist nicht kostendeckend finanziert. Spenden sind nötig und willkommen: IBAN: DE12 4265 0150 0020 0848 51, Sparkasse Vest, „Bunter Kreis“.

Sie sieht gute Chancen, dass Melissa, die sechs Monate stationär behandelt wurde und lange im Brutkasten lag, ebenfalls zu dieser Gruppe gehört. Die Vertreterin des „Bunten Kreises“ nimmt auch das Umfeld, in dem die kleinen Erdenbürger aufwachsen, in den Blick. Melissa weiß sie in guten Händen. Denn die junge Mutter nehme ihre Rolle an. Was diese bestätigt: „Ich will mich jetzt nur um mein Kind kümmern.“ Vor dem Übergang mit Melissa in die eigene Wohnung in Lünen hatte die Frau aber Angst: „Mein Gott, wie soll ich mit so einem Kind aus dem Krankenhaus raus?“, habe sie damals gedacht. Denn zum Alltag gehörten zuerst die Dauerüberwachung von Puls und Sättigung per Monitor und ein Sauerstoffgerät.

Doch beides kommt kaum noch zum Einsatz. Denn Melissa, die bis jetzt ihr Gewicht verzehnfacht hat, „hat sich super entwickelt“, so Stuhldreier-Vader.

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