Kunst + Kultur Nottuln „Wer schützt uns vor den Doofen?“

Nottuln -

„Angriffslustig“ heißt das aktuelle Programm von Christoph Tiemann. Der scharfzüngige Kabarettist begeisterte am Silvesterabend in Nottuln.

Von Dieter Klein
Silvesterkabarett mit Christoph Tiemann. Der Wahlmünsteraner war in Nottuln gewohnt scharfzüngig: „Wir bauen zwar Krötentunnel und Frauenparkplätze, doch wer schützt uns vor den Doofen? Wer?“
Silvesterkabarett mit Christoph Tiemann. Der Wahlmünsteraner war in Nottuln gewohnt scharfzüngig: „Wir bauen zwar Krötentunnel und Frauenparkplätze, doch wer schützt uns vor den Doofen? Wer?“ Foto: Dieter Klein

Zweimal gab es am Silvesterabend im Forum des Rupert-Neudeck-Gymnasiums Geschenke: Zum einen für Johannes Jäger, der dort seit Jahren meisterhaft für Licht und Ton sorgt. Das zweite Geschenk bekam Christoph Tiemann , der als scharfzüngiger Kabarettist dieser Veranstaltungsreihe zum Jahresabschluss ein neues Highlight bescherte. Und ein drittes Geschenk hätte zweifellos der Verein „Kunst + Kultur Nottuln“ – am Silvesterabend vertreten durch die Vorsitzende Ulla Wolanewitz , Barbara Flögel, Bernhard Schöppner und Angelika Weiper – selbst verdient. Denn mit Christoph Tiemann, dem heutigen Wahlmünsteraner, der in Selm, der „ständigen Vertretung des Ruhrgebiets im Münsterland“ aufwuchs, servierten die Kulturfreunde dem voll besetzten Auditorium ein kabarettistisches Silvester-Menü vom Feinsten.

Tiemann, der nicht zum ersten Mal in Nottuln auftrat, hielt an diesem Abend „dem ewig quengelnden, unzufriedenen, doofen Deutschen“ (leicht erkennbar an seiner Vorliebe für TV-Sendungen wie „Bauer sucht Frau“) den entlarvenden Spiegel der Zeitgeschichte vor. Kratzte dann, ein wenig schulmeisterlich aufklärend, Stück für Stück die Patina der in vielen Jahren angesetzten Wohlstandstünche ab. „Ja, haben wir denn alles schon vergessen, was mal war? Wo es uns dreckig ging? Heute, wo es uns so gut geht!“ Und wies auf die Accessoires des Krieges hin, die er gut sichtbar neben seinem Mikrofon drapiert hatte: gefüllte Patronengurte, Dynamitstangen und Handgranaten (natürlich alles nur Attrappen).

„Wir bauen zwar Krötentunnel und Frauenparkplätze, doch wer schützt uns vor den Doofen? Wer?“, ereiferte er sich, um dann festzustellen: „Die braune Scheiße schwappt doch schon wieder hoch. Gerade in Sachsen, dem Bundesland mit mehr als 25 Prozent AfD-Wählern. In Dresden, der Stadt mit den meisten ‚IS‘, den ‚Intoleranten Sachsen‘. Den Feinden der Muslime. Wer dort in der Fußgängerzone einen langen Bart trägt . . . Dabei leben in Sachsen gerade mal 0,5 Prozent Muslime. In Deutschland aber 5 Prozent Sachsen.“

In seinem Programm deklamierte Christoph Tiemann auch deutsche Dichterfürsten – in seiner Diktion. Zuerst Eduard Mörike: „Frauke ließ ein braunes Band flattern durch die Lüfte. Böse, wohlbekannte Flüche streifen ahnungsvoll das Land. Faschos träumen schon, wollen balde kommen. – Schau, dort vorn! Fast schon ein Hitlergruß! Faschos, ja Ihr seid‘s. Und mir ist ganz benommen.“

Und folgerte: „Aber nicht nur Eduard Mörike hat über diese besonders kalte Form von Frühling geschrieben, auch Johann Wolfgang von Goethe – in seinem Theaterstück ‚Faust‘  . . . aufs Maul.“ Auf der Bühne in Nottuln formulierte Christoph Tiemann: „Vom Lucke befreit sind Storch und Meuthen. Durch des Weidel holden belebenden Blick, im Gauland braunet Hoffnungsglück; die Demokratie mit ihren Leuten, zog sich ins Umfragetief zurück.“

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