Turnhalle diente als Gefangenenlager Schlafen in der Hängematte

Lüdinghausen -

Die alte, 1904 errichtete Turnhalle an der Tüllinghofer Straße diente im Ersten Weltkrieg als Lager für Kriegsgefangene. Das hat Manfred Neuhaus, Mitglied des Heimatvereins Lüdinghausen, herausgefunden. Bis zu 80 Soldaten aus Frankreich, England und Russland waren dort untergebracht. Sie arbeiteten auf umliegenden Bauernhöfen oder in Betrieben.

Von Peter Werth
Sie steht kurz vor dem Abriss: die alte Turnhalle an der Tüllinghofer Straße. 1904 errichtet, wurde sie zwischen 1915 und 1918 als Lager für Kriegsgefangene verschiedener Nationalitäten genutzt.
Sie steht kurz vor dem Abriss: die alte Turnhalle an der Tüllinghofer Straße. 1904 errichtet, wurde sie zwischen 1915 und 1918 als Lager für Kriegsgefangene verschiedener Nationalitäten genutzt. Foto: nit/wer

Auf diese Information ist Manfred Neuhaus eher zufällig gestoßen. Das Mitglied des Heimatvereins Lüdinghausen forscht derzeit für einen Beitrag in der Zeitschrift „Ammonit und Glocke“ über das Schicksal von Kriegsgefangenen des Ersten Weltkriegs in Lüdinghausen.

In einer Akte über die Turnhalle an der Tüllinghofer Straße, die sich wegen der Neubaumaßnahmen für die Sekundarschule kurz vor dem Abriss befindet, fand er den Hinweis, dass in der Halle von 1915 bis zum Kriegsende im November 1918 Kriegsgefangene verschiedener Nationalitäten untergebracht waren.

"

Ein Unternehmer aus Dorsten hat zudem ein Angebot über Hängematten als Schlafstätten für die Kriegsgefangenen abgegeben.

Manfred Neuhaus

"

In einer Zeitungsnotiz aus dem Jahr 1915 ist zu lesen, dass die Arbeiten zur Umgestaltung der 1904 für die damalige Landwirtschaftsschule errichteten Sport- und Festhalle vom Zimmermeister B. Voß erledigt wurden. Dafür erhielt er 2000 Mark. Die Verpflegung der Gefangenen übernahm ein ortsansässiger Bäcker. „Ein Unternehmer aus Dorsten hat zudem ein Angebot über Hängematten als Schlafstätten für die Kriegsgefangenen abgegeben“, hat Neuhaus herausgefunden. Ob der zum Zuge kam, geht aus der Akte allerdings nicht hervor.

80 Männer fanden dort Quartier

„Rund 80 Männer haben dort Quartier gefunden“, weiß der ehemalige Lehrer am Gymnasium Canisianum zu berichten. Unter ihnen waren Franzosen, Briten und wohl vorwiegend Soldaten der russischen Zarenarmee, vermutet Neuhaus. „Im Stellungskrieg an der Westfront wurden nicht so viele Gefangene gemacht.“ Das habe an der Ostfront ganz anders ausgesehen. Da seien vor allem 1915 viele Russen in die Hände der deutschen Armee gefallen.

"

Die Männer wurden dann als Arbeitskräfte auf landwirtschaftlichen Höfen und in Betrieben eingesetzt.

Manfred Neuhaus

"

Männer auf Höfen in der Umgebung eingesetzt

Aus einer Anfrage der Inspektion des VII. Armeekorps in Münster geht hervor, dass in der Umgebung der Domstadt nach Unterbringungsmöglichkeiten für Kriegsgefangene gesucht wurde. „Die Männer wurden dann als Arbeitskräfte auf landwirtschaftlichen Höfen und in Betrieben eingesetzt“, sagt Neuhaus – unter anderem im damaligen Dampfsägewerk Entrup. Berichtet wird in einer Akte auch über entflohene Gefangene wie den Briten John Watson, dem am 19. Juli 1915 die Flucht gelang.

Schon eine Woche nach dem Kriegsende mit dem Waffenstillstand vom 11. November 1918 wurde die Turnhalle wieder an die Landgemeinde Lüdinghausen zurückgegeben. Am 19. November des Jahres fand eine Besichtigung vor Ort statt.

Leserkommentare
http://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/5279623?categorypath=%2F2%2F84%2F61%2F93%2F104%2F163%2F