Jugendschöffin aus Schöppingen
Agnes Denklers Urteil zählt vor dem Landgericht

Schöppingen -

Agnes Denkler steht mit beiden Beinen im Leben. Dennoch war die Schöppingerin aufgeregt, als sie zum ersten Mal als Jugendschöffin den Gerichtssaal betrat. Sie erinnert sich noch gut an den Fall.

Freitag, 29.12.2017, 06:12 Uhr

Das Grundgesetz besitzt sie seit der Studienzeit. Für ihre ehrenamtliche Tätigkeit als Schöffin ist eine juristische Vorbildung nicht nötig.
Das Grundgesetz besitzt sie seit der Studienzeit. Für ihre ehrenamtliche Tätigkeit als Schöffin ist eine juristische Vorbildung nicht nötig. Foto: Rupert Joemann

Agnes Denkler steht als Diplom-Sozialarbeiterin, zweifache Mutter, UWG-Ratsfrau und stellvertretende Bürgermeisterin mit beiden Beinen im Leben. Dennoch war die Schöppingerin „sehr aufgeregt“, als sie zum ersten Mal als Jugendschöffin beim Landgericht Münster den Gerichtssaal betrat.

Die 52-Jährige erinnert sich noch gut an den Fall: Ein Vater hatte seine Kinder entführt. „Die eingelegte Berufung hat er zurückgezogen“, sagt Agnes Denkler. Die Schöppingerin musste – zusammen mit dem Berufsrichter und dem anderen ehrenamtlichen Schöffen – kein Urteil fällen.

„Eine Enthaltung der Schöffen ist nicht möglich“, erklärt Denkler. Das heißt: Ihre Stimme geht auf jeden Fall mit in die Urteilsfindung ein. Theoretisch können die beiden Schöffen auch den (in der Regel einen) Berufsrichter überstimmen. Das hat Agnes Denkler jedoch noch nicht erlebt. „Die Richter nehmen aber die Sicht der Schöffen sehr ernst und fragen auch nach“, so ihr Eindruck.

Die Schöppingerin ist seit dem 1. Januar 2014 Schöffin an der Jugendstrafkammer des Landgerichts Münster. „Eine juristische Qualifikation kann natürlich nicht erwartet werden“, sagt Denkler. Wobei sie selbst vor ihrem Studium noch eine Ausbildung zur Rechtsanwalts- und Notarsgehilfin abgeschlossen hat. „Aber das ist lang her“, sagt die 52-Jährige lachend.

Eine juristische Ausbildung wird zwar nicht verlangt, dafür aber die Befähigung zur Erziehung oder Erfahrung in der Jugenderziehung. Üblicherweise schlagen die Kommunen Bürger vor, die sich in anderen Bereichen ehrenamtlich bereits um das Gemeinwohl verdient gemacht haben und über einen guten Leumund verfügen.

Wenn Agnes Denkler die Einladung zu einem Prozesstermin erhält, weiß sie noch nicht, welcher Richter und welcher andere Schöffe am Verfahren beteiligt sind. Erst direkt vor Verhandlungsbeginn informiert der Richter die Schöffen über den zu verhandelnden Fall.

Aus Sicht der studierten Sozialarbeiterin sollte der erzieherische Aspekt bei der Urteilsfindung eine Rolle spielen. „Eine Freiheitsstrafe ist keine Garantie, dass die Menschen nicht wieder straffällig werden.“ Die Rückfallquote bei Jugendlichen betrage 30 Prozent, so Agnes Denkler. Wichtig sei, dass die Heranwachsenden während ihrer Strafzeit den Schulabschluss nachholten oder eine Ausbildung absolvierten.

Aus ihrer Berufserfahrung in der Frauenberatungsstelle des Diakonischen Werks in Rheine, in der sie sich um Frauen kümmert, die häuslicher Gewalt ausgesetzt sind, weiß sie um die Probleme, die Jugendliche zuweilen haben. „Die Jugendlichen gehen mit Normen und Werten anders um.“

Häufig gebe es zudem eine „ungünstige Sozialisation“. Oft haben die Angeklagten in der Familie selbst häusliche Gewalt erfahren. Sogar Schläge gegen die werdende Mutter könnten sich negativ auf das noch nicht geborene Kind auswirken, so die stellvertretende Bürgermeisterin.

Drei aktive Schöppinger Schöffen

Die Gemeinde Schöppingen stellt nach Auskunft der Verwaltung derzeit drei Schöffen: Agnes Denkler bei der Jugendstrafkammer des Landgerichts Münster, Helmut Möllenkotte bei der Strafkammer des Landgerichts Münster und Petra Rahms für das Schöffen- und Jugendschöffengericht des Amtsgerichts Ahaus. Die Schöffen werden vom Kreistag beziehungsweise Jugendhilfeausschuss des Kreises Borken gewählt. Bisher nicht gewählt wurden die von der Schöppinger Verwaltung vorgeschlagenen Kandidaten für das Oberverwaltungsgericht Münster, das Verwaltungsgericht Münster und das Sozialgericht Münster. Die Wahlperiode geht vom 1. Januar 2014 bis zum 31. Dezember 2018. Die Anzahl der vorzuschlagenden Schöffen richtet sich nach der Größe der Kommune.

...

Schöffe sei eine hohe Verantwortung. Sie habe großen Respekt vor der Aufgabe, so Denkler. „Es geht um das Leben der Menschen, auch der Geschädigten.“ Da ist es etwas anderes, ob sie beruflich Frauen bei Verhandlungen am Amtsgericht Rheine unterstützt oder selbst auf der anderen Seite des Tisches sitzt und das Urteil mitspricht.

Mit Verantwortung weiß Agnes Denkler aber umzugehen. Seit 1999 gehört die Schöppingerin der UWG-Fraktion und seit 2014 dem Gemeinderat an. Gleich in der ersten Legislaturperiode wurde sie zur stellvertretenden Bürgermeisterin gewählt.

Die Wahl zur Schöffin hat da länger gedauert. „Ich stand schon länger auf der Liste“, erzählt sie. Zunächst wurde sie für fünf Jahre gewählt. Die einmalige Wiederwahl ist möglich. „Ich möchte tatkräftig und nach bestem Wissen und Gewissen mitwirken“, fasst sie ihre Arbeit am Landgericht zusammen.

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