Schöppingens Glockengeschichte
Von Nagel trickst die Nazis aus

Schöppingen -

Eine Zeile reicht da auf dem Zettel nicht mehr aus. Gleich in zwei Reihen sind in der Läuteordnung, die in der Sakristei der St.-Brictius-Kirche hängt, die Glocken notiert, die bei Hochfesten wie Weihnachten läuten: nämlich alle sechs. Dabei haben die Schöppinger Glocken eine ganz besondere Geschichte.

Samstag, 23.12.2017, 08:12 Uhr

Die drei größten Glocken (v.l.) Brictius, Salvator und Marien hängen an einem Bock. Küster Andreas Kortüm kann jede der insgesamt sechs Glocken einzeln schalten.
Die drei größten Glocken (v.l.) Brictius, Salvator und Marien hängen an einem Bock. Küster Andreas Kortüm kann jede der insgesamt sechs Glocken einzeln schalten. Foto: Rupert Joemann

Die älteste Glocke, die Salvator-Glocke oder auch Erlöser- beziehungsweise Christus-Glocke genannt, hängt seit genau 500 Jahren im Kirchturm. „Sie bildet das Fundament des ganzen Geläuts“, erzählt Pastor Wolfgang Böcker . Die 1850 Kilogramm schwere Glocke ist mit einem Durchmesser von 1,48 Meter auch die größte. Schon im 13. Jahrhundert seien Glocken vorhanden gewesen, so Böcker. Doch die seien beim Kirchenbrand 1453 geschmolzen.

Im Glockenstuhl hängt die Salvator-Glocke in der Mitte – eingerahmt von der Marien- beziehungsweise der Brictius-Glocke. Die anderen Glocken (Josef, Paulus und Petrus) sind in drei Ecken befestigt.

Schon der Glockenstuhl ist etwas Besonderes, „wie es ihn kaum noch gibt“, sagt Böcker. Die Glocken hängen an einem Bock, der bereits 1517 errichtet wurde. Ab dem 17. Jahrhundert wurden Rahmen-Konstruktionen verwendet. Der Schöppinger Glockenstuhl wurde 1977 um Rahmenelemente erweitert, als die Paulus- und Petrus-Glocken aufgehängt wurden.

Dass die Marien-Glocke aus dem Jahr 1684 überhaupt noch existiert, haben die Schöppinger einer List von Pfarrer Dietrich Freiherr von Nagel zu verdanken. Während des Zweiten Weltkriegs durften die Gemeinden nur eine Glocke für ihre Kirche behalten, die anderen wurden zu Kriegszwecken eingeschmolzen.

Von Nagel schloss mit dem Oedinger Pfarrer einen Privatvertrag und lieh den Oedingern, die alle Glocken abgeliefert hatten, die Marien-Glocke. Die hatte die gleiche Größe und das gleiche Gewicht wie die ursprüngliche Oedinger Glocke. Zudem vereinbarten beide Seiten, dass die Schöppinger den Oedingern eine Glocke stiften sollten, wenn sie ihre Marien-Glocke wieder abholen. Von Nagel hielt Wort und die Schöppinger stifteten eine neue Glocke. Die Marien-Glocke war gerettet. Zwei andere, darunter die Brictius-Glocke, mussten die Schöppingern den Nazis aushändigen.

Pastor Böcker vermutet, dass es früher noch ein oder zwei Zwillingsglocken zur Salvator-Glocke gab. Zur damaligen Zeit, im 16. Jahrhundert, habe es keine Glockengießereien gegeben. Ein Handwerker sei von Ort zu Ort gezogen und habe bei Bedarf für die Gemeinden Glocken hergestellt. „Das hat mindestens ein halbes Jahr gedauert“, sagt Wolfgang Böcker. Schließlich habe zuvor noch ein Schmelzofen gebaut werden müssen.

Er glaubt, dass dieser Schmelzofen im Bereich des heutigen Aldi-Marktes gelegen habe. Denn das dortige Flurstück heißt Klockenkamp. „Aber das ist nur eine Vermutung“, betont Böcker. Der emeritierte Pfarrer kann sich vorstellen, dass dort bei Grabungen noch Reste des alten Schmelzofen gefunden würden.

Eine Schöppinger Besonderheit ist auch, dass die Glocken-Namen einer bestimmten Systematik folgen. Die älteste Glocke ist Christus gewidmet, es folgt Maria. 1948 kommen Josef und der Kirchenpatron Brictius dazu. Die Brictius-Glocke wurde neu gegossen, weil die alte Brictius-Glocke von 1806 im 1942 zerschlagen wurde. Vor dem Krieg gab es vier Glocken.

Auch die Glocken Petrus und Paulus passen in diese Namensreihe. Das Bistum habe Paulus zum Patron und Petrus stehe für die Weltkirche, so Böcker: „Dabei kann jede Pfarrgemeinde die Namen selbst bestimmen.“

Die Petrus- und Paulus-Glocken kamen erst 1977 dazu. Einige KFD-Mitglieder hatten die Glockengießerei in Gescher besucht und später bei einer Turmbesteigung während eines Pfarrfest gesehen, dass noch ein Fach frei war im Glockenturm der St.-Brictius-Kirche. So entstand die Idee, eine Glocke zu stiften. Schnell fand sich ein Stifter. Als Pfarrer Böcker das bei einem Schützenfest in geselliger Runde erzählte, fanden sich spontan einige Männer, die ebenfalls eine Glocke stiften wollten. Da waren‘s plötzlich zwei – beziehungsweise insgesamt sechs.

Der Priester ist überzeugt, dass Glocken zur Identität eines Ortes gehören, „wie die Kirche im Dorf“. Jede Glocke hat seinen eigenen Klang. Die Marien-Glocke einen ungewöhnlichen. „Der Teilton-Aufbau ist atypisch. Das macht den klanglichen Reiz aus“, erklärt Böcker.

Im normalen kirchlichen Jahresablauf läuten sonntags drei Glocken, werktags eine. Bis 1953 wurden die Glocken noch von Hand gezogen, seitdem wird das elektronisch gesteuert.

Welche Glocke wann eingesetzt wird, ist in der Läuteordnung von 1977 festgelegt. Die hat Wolfgang Böcker eingeführt. Küster Andreas Kortüm legt noch Wert darauf, selbst die Glocken anzustellen und es nicht von einem Computer automatisch ausführen zu lassen.

Nicht geläutet wird nachts. Auch die Stundenschläge sind dann abgeschaltet. „Das ist auch gut so“, findet Böcker. So könnten Streitigkeiten mit Nachbarn vermieden werden.

Aufgrund ihrer Größe und des Gewichts schlägt die Salvator-Glocke nur ein Mal pro Sekunde. „Die Kinderglocke dagegen deutlich schneller“, so Kortüm.

Besonders häufig läuten die Glocken der St.-Brictius-Kirche, wenn Gemeindemitglieder verstorben sind. Kortüm: „Ich läute solange, bis der Verstorbene über Erden steht“, also noch nicht beerdigt ist. Für die oder den Verstorbenen läutet dann jeweils um 11.10 Uhr, 11.40 Uhr und 12.10 Uhr die Totenglocke – die Salvator-Glocke. Die Uhrzeit wird von der Salvator- und der Marien-Glocke geschlagen. Und das wahrscheinlich noch viele Hundert Jahre lang.

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