Hilfskonzept für Opfer der Colonia Dignidad
Auch Hilfskonzept kein Ruhmesblatt

Die Bundesregierung ist der Auffassung, dass aus den Geschehnissen in der Colonia Dignidad keine rechtlichen Ansprüche gegen die Bundesrepublik Deutschland entstanden sind.“ So steht es wörtlich in dem Entwurf für ein Hilfskonzept für die Opfer der menschenverachtenden Sektensiedlung im Süden Chiles. Für die Opfer, die jahrzehntelang in der Siedlung gequält wurden, ist das nur schwer zu verdauen.

Samstag, 11.08.2018, 09:20 Uhr

Eine bundesweite Beratungshotline für Opfer der Colonia Dignidad wird in dem Entwurf für ein Hilfskonzept als Maßnahme erwogen. Geldzahlungen an Einzelpersonen sind dagegen ausdrücklich nicht vorgesehen. Foto: Heinrich Schwarze-Blanke

Sicherlich: Die von dem Wanderprediger Paul Schäfer verblendeten Menschen gingen freiwillig ins Exil nach Chile. Schäfer konnte sich dort den Ermittlungen der deutschen Staatsanwaltschaft wegen Kindesmissbrauchs entziehen und in der isolierten Siedlung ein Schreckensregime errichten. Es mag sein, dass den Angehörigen der Deutschen Botschaft in Chile zunächst alles in Butter schien in dieser angeblichen Mustersiedlung deutscher Gründlichkeit und Sauberkeit. Die Führungskaste der Sekte war geschickt, hatte Verbindungen zu deutschen Politikern bis hin zu Franz-Josef Strauß, der die Colonia sogar besuchte. Doch spätestens, als es den ersten Eingesperrten gelang zu fliehen, hätten die Botschaftsangehörigen hellhörig werden müssen. Zumal auch sie doch eigentlich von den Ermittlungen gegen Schäfer in Deutschland hätten wissen müssen.

Doch sie ließen sich vom schönen Schein und sauberen Kulissen beeindrucken, statt den Hinweisen auf Verbrechen nachzugehen. Dabei häuften sich im Laufe der Jahre die Indizien, dass die Colonia ein Ort des Schreckens und der Folter war. Der Vater des Gronauer Colonia-Opfers Gerd-Peter Rahl hatte sich mehrfach ans Außenministerium gewandt, um seinen Sohn frei zu bekommen.

Der damalige Außenminister Frank-Walter Steinmeier gab im April 2016 zu, dass die deutsche Diplomatie zu wenig unternommen habe, um den Opfern der „Colonia Dignidad“ zu helfen. Der Umgang mit der Siedlung sei „kein Ruhmesblatt in der Geschichte des Auswärtigen Amtes“, sagte er. Und der damalige Bundespräsident Joachim Gauck verurteilte im Juli 2016 bei einem Staatsbesuch in Chile die Verbrechen der Sektenkolonie Colonia Dignidad und das lange Schweigen des deutschen Staates dazu. „Natürlich machen auch demokratisch verfasste Staaten Fehler. Und manchmal laden auch sie Schuld auf sich“, sagte er. Deutsche Diplomaten hätten jahrelang weggeschaut, wenn in der Siedlung „Menschen entrechtet, brutal unterdrückt und gefoltert wurden“.

Die Menschen sind damals freiwillig nach Chile gegangen, ohne zu ahnen, was sie erwarten würde. Daran trägt der deutsche Staat keine Schuld. Dennoch hat er für sie meines Erachtens eine Verantwortung. Diese Einsicht hatte der Bundestag schon vor über einem Jahr: Fraktionsübergreifend stimmten sie für einen Antrag, die Verbrechen in der Colonia aufzuarbeiten und den Opfern Hilfe zuzusprechen. Ein Jahr später fällt das Ergebnis ernüchternd aus. Für die wieder in Deutschland lebenden Opfer werden „Beratungs- und Betreuungsangebote“ angedacht und „Veranstaltungen, die der gemeinsamen Aufarbeitungen dienen“. Hilfe für Neuankömmlinge bei der Eingliederung in den deutschen Arbeitsmarkt. Auch „Maßnahmen der ideellen Wertschätzung – Einladung von Vertretern der Betroffenen oder engagierter Bürger zu geeigneten Anlässen auf Bundesebene“ werden genannt. Solche Angebote mögen als flankierende Maßnahmen sinnvoll sein – die existenziellen Nöte, denen sich die Betroffenen ausgesetzt sehen, werden ignoriert.

Der Entwurf sieht auch Hilfsmaßnahmen für in Chile gebliebene Opfer vor, die aber ebenfalls keine individuellen Maßnahmen an Einzelpersonen vorgesehen. Bei mir entsteht der Eindruck, dass sich die Bundesregierung aus der Verantwortung stehlen will. „Steuerrechtlich begünstigte Sterbehilfe“ nannte das Gerd-Peter Rahl die Vorschläge. Ein treffender Vergleich.

Auch mir ist klar, dass ein Hilfskonzept Fallstricke birgt. Zum Beispiel haben einige wenige Colonia-Insassen, die wieder nach Deutschland gezogen sind, offenbar Dreck am Stecken, waren selbst an Übergriffen beteiligt. Das muss aufgearbeitet werden. Dazu gehört meines Erachtens, dass die Opfer an der Aufklärung mitwirken. Aber das Gegenteil ist der Fall, scheint mir: Die meisten von ihnen wollen offenbar ganz einfach ihre Ruhe haben. Denen, die Schuld auf sich geladen haben, kommt diese Haltung natürlich zugute. So wurde bereits im September 2005 in Chile ein internationaler Haftbefehl gegen einen mittlerweile in Gronau lebenden Mann wegen des Straftatbestandes der Entführung ausgestellt. Der deutsche Staatsbürger lebt im Gronauer Stadtosten – weitgehend unbehelligt von der deutschen Justiz.

Gäste aus Chile, die dubiose Rollen in der Colonia ausgeübt haben sollen, besuchen unbehelligt Verwandte in Gronau. Fragt man nach, werden diese Personen abgeschirmt. So sehr auch der Wunsch nach Vergessen verständlich sein mag – mutmaßlichen (Mit-)Tätern sollten die Opfer nicht auch noch Schutz angedeihen lassen.

Die wirklichen Opfern wollen nach einem Leben voller Angst und Ausbeutung nicht auch noch im Alter gedemütigt werden. Hohe finanzielle Forderungen stellen sie dabei nicht.

Das letzte Wort ist noch nicht gesprochen. Eine Kommission mit Vertretern der Bundesregierung und des Bundestags soll Richtlinien und konkrete Leistungen festlegen. Der Inhalt des vorgelegten Entwurfs kann dabei meines Erachtens nicht das letzte Wort sein.

 

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