Ratsmitglied erinnert sich
Castor-Transport 1998: „Jetzt wird aufgeräumt“

Ahaus -

Freitag, 20. März 1998. Der Tag X in Ahaus. Als Dieter Homann an diesem Freitagmorgen aufsteht, ist der Castor-Transport schon nicht mehr aufzuhalten. Die Behälter mit Atommüll aus Neckarwestheim und Gundremmingen rollen seit der Nacht ihrem Ziel im Münsterland entgegen. Eine Rückschau auf das Ereignis vor 20 Jahren.

Dienstag, 09.01.2018, 06:01 Uhr

Der Ahauser Dieter Homann ist damals 36 Jahre alt und Mitglied der Unabhängigen Wählergemeinschaft (UWG), die von vielen als parlamentarischer Arm des Widerstands gegen das Brennelemente-Zwischenlager in Ahaus gesehen wird. Mitglied der Bürgerinitiative „Kein Atommüll in Ahaus“ ist Dieter Homann nicht.

Die Anspannung ist groß an diesem Freitag, noch größer als in den Tagen zuvor, als die Castor-Gegner ihr Camp zwischen Ahaus und Schöppingen aufbauen – und die Polizei ihrerseits Räumfahrzeuge, schweres Gerät und Hunderte Absperrgitter auffährt. Dieter Homann erinnert sich: „Das war wie eine Parade. Ich vermute, sie wollten uns damals darauf vorbereiten, was uns am Tag X erwarten könnte.“

Dieter Homann frühstückt kurz mit den drei Medienbeobachtern von Anti-Atom-Initiativen, die er bei sich einquartiert hat. Die Nacht war unruhig. Das Wohnzimmer ist mit Fernsehern und Monitoren vollgestellt. Das Trio zappte auf der Suche nach Nachrichten zum Castor-Transport durch die Programme.

Dieter Homann verlässt seine Wohnung ziemlich früh. Denkt er. Aber auf den Straßen sind schon viele Menschen unterwegs – ungewohnt viele für Ahauser Verhältnisse. Ebenfalls ungewohnt: Ahauser Straßen voller Pferdeäpfel. Die Hinterlassenschaften der Polizeipferde.

Homann geht zum Mahner an der Kirche St. Mariä-Himmelfahrt. Hunderte Menschen stehen dort, wollen wissen, was an diesem Tag in Ahaus passiert. An der Hindenburgallee soll es eine große Blockade und eingekesselte Demonstranten geben. Auch auf der Bahnhofstraße sei was los, heißt es. Dieter Homann und viele weitere Demonstranten wissen nicht so recht, wo sie zuerst gebraucht werden.

In einer Menschentraube zieht es den Ahauser zum Bahnübergang Hindenburgallee. „Plötzlich kommt von hinten ein Rettungswagen angefahren. Wir als brave Demonstranten haben den Weg freigemacht. Der Wagen war ein Trick der Polizei, um die Menschenmasse aufzulösen.“ Wie sich herausstellt, arbeitet die Polizei an diesem Tag noch des Öfteren mit solchen Tricks. Dieter Homann: „Wir fühlten uns den ganzen Tag verarscht.“

Schluss mit lustig ist spätestens, als die Polizei Schlagstöcke, Wasserwerfer und Reizgas einsetzt. Mit Letzterem kommt Dieter Homann erstmals auf der Bahnhofstraße in Kontakt. Dabei sitzt er dort mit weiteren Demonstranten nur friedlich auf der Straße.

50 Meter weiter stehen ihnen die „Robocops“ gegenüber. Polizeibeamte? Bundesgrenzschützer? Eine Sondereinheit? Aus der Entfernung sind sie nicht zu identifizieren. „Hartplastik am ganzen Körper.“ Die Beamten rennen auf die Demonstranten zu. Dieter Homann bekommt das erste Mal Angst an diesem Tag. Etliche Demonstranten stehen auf. Lieber die Straße verlassen, als weggeknüppelt zu werden.

An anderer Stelle machen es Dieter Homann und andere den Beamten nicht so einfach. Sie bleiben auf der Straße sitzen. Der Ahauser macht Bekanntschaft mit der polizeilichen Kunst des Wegräumens. „Die Beamten haben ja ihre Tricks und Kniffe, wie sie einen besonders gut wegbekommen und so anpacken, dass man nicht mehr bereit ist, Widerstand zu leisten.“ Am Café Logo ist die Lage ähnlich. Dort steht eine Hundestaffel der Polizei hinter der Absperrung zum Bahnhof. Natostacheldraht. Drohgebärden.

Dieter Homann: „Wenn so ein Schäferhund zähnefletschend einen Meter vor einem steht, dann macht man auch nicht mehr viel.“ Tausende Polizisten, Absperrungen, Polizeihunde, Polizeipferde, Wasserwerfer, eine Hubschrauber-Armada – all das wirkt. Das kennen die Menschen in dieser kleinstädtischen Idylle im Münsterland bis dato nur aus dem Fernsehen. Jetzt sind sie live dabei.

„Da sind viele wach geworden.“ Beteiligt sich das Ahauser Bürgertum zu einem Großteil zuvor nicht am Protest, so ist das am Tag X anders. Die ganze Stadt ist auf den Beinen. Singles, Familien, Nachbarschaften, jeder, der einigermaßen gut zu Fuß ist, macht sich auf den Weg. Ihr gemeinsames Ziel: die Schienenstrecke im Süden der Stadt. Der Zorn richtet sich nicht nur gegen den Castor-Transport. Er richtet sich auch gegen das, was mit Ahaus geschieht.

Am Bahnübergang an der Schorlemerstraße werden Demonstranten stundenlang eingekesselt. Am Bahnübergang bei Tobit geht es ebenfalls zur Sache. „Jetzt kommen die Berliner!“ warnen die Demonstranten. Sie ahnen: „Jetzt wird aufgeräumt. Das ist kein Spaß mehr.“ Die kampferprobten Berliner Großstadtpolizisten besetzen als erstes eine vom Wasserwerfer freigeschlagene Bresche. Dann wird geknüppelt.

Bis in den Abend hinein liefern sich Demonstranten und Polizisten vereinzelt Scharmützel. Stoppen können die Castor-Gegner den Transport nicht. Dieter Homann: „Wir hatten die Hoffnung, ihn so lange wie möglich hinauszuzögern, möglichst über den 20. März hinaus. Dass wir ihn stoppen können oder dass er zurückfährt, das war klar, dass das nicht passieren würde.“

Heute, fast 20 Jahre nach dem Tag X, ist Dieter Homann trotzdem stolz. Stolz, dass er damals dabei war. Einer von vielen Tausend Demonstranten gewesen zu sein, die für eine gute Sache auf die Straße gingen. „Das war eine wichtige Erfahrung.“

Wäre der Castor-Transport nach Ahaus anders verlaufen, wäre er aufgrund des massiven Polizeieinsatzes – des bis dahin größten in der bundesdeutschen Geschichte – nicht zum politischen Fiasko für die Staatsmacht geworden, „dann wäre das Zwischenlager heute voll“, vermutet Homann. das Ratsmitglied findet: „Wir haben damals ein Umdenken in der Politik erreicht: Es geht nicht nur um uns. Es geht auch um die Generationen nach uns.“

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