Kameraden gesucht
Feuerwehr sorgt sich um Personalmangel

Münsterland -

Stell dir vor, es brennt, und keiner kommt löschen: Die Feuerwehr sorgt sich um ihren Nachwuchs. Es mehren sich die Nachrichten von Einsätzen, zu denen nicht mehr ausreichend Helfer ausgerückt sind. Im Münsterland scheint die Situation noch weitgehend entspannt zu sein, doch viele Löschzüge sorgen sich um die Zukunft und werben um neue Kameraden – mit sehr unterschiedlichen Konzepten.

Samstag, 30.12.2017, 20:12 Uhr

Unterbrandmeister Ingo Klaas ist seit fast 40 Jahren bei der Feuerwehr Nordkirchen-Südkirchen aktiv. Heute rückt er auch in Ascheberg aus.
Unterbrandmeister Ingo Klaas ist seit fast 40 Jahren bei der Feuerwehr Nordkirchen-Südkirchen aktiv. Heute rückt er auch in Ascheberg aus. Foto: Gunnar A. Pier

Ingo Klaas (52) ist ein richtig typischer Feuerwehrmann. Vor fast 40 Jahren trat er in die neu gegründete Jugendfeuerwehr im Nordkirchener Ortsteil Südkirchen ein. Sein Vater war bei der Feuerwehr , sein bester Freund kam gleich mit. „Die Kameradschaft“ nennt er als Hauptgrund, warum er dabeiblieb. Freiwillige Feuerwehr – das ist eben mehr als das sprichwörtliche Retten-Löschen-Bergen-Schützen: „Man muss sich aufeinander verlassen können.“ Das schweißt zusammen.

Alle 14 Tage kommt Klaas zum Dienstabend im Feuerwehrgerätehaus. Theorie auffrischen, die praktische Arbeit trainieren, damit im Einsatzfall jeder Handgriff sitzt. „Man lernt immer noch dazu – auch mit 52“, sagt er.

Tag und Nacht im Einsatz: Den Mitgliedern der Freiwilligen Feuerwehr wird einiges abverlangt - wie hier in dieser Woche bei einem Brand in Ahlen.

Tag und Nacht im Einsatz: Den Mitgliedern der Freiwilligen Feuerwehr wird einiges abverlangt - wie hier in dieser Woche bei einem Brand in Ahlen. Foto: Christian Wolff

85.000 ehrenamtliche Feuerwehrleute in NRW

Doch es gibt zu wenig Menschen, die sich von dieser Begeisterung anstecken lassen. Rund 85 000 ehrenamtliche Feuerwehrleute sind in Nordrhein-Westfalen aktiv. „Die Zahlen sind stabil, sogar leicht steigend“, sagt Christoph Schöneborn vom Verband der Feuerwehren in Nordrhein-Westfalen zwar. Trotzdem reiche das nicht. Ein großes Problem: die stetig steigende Zahl der Pendler. Wer tagsüber in einer anderen Stadt arbeitet, kann nicht mit ausrücken, wenn es zu Hause brennt. „Wir brauchen mehr Mitglieder, um das auszugleichen.“

Ein Weg: Jugendarbeit

Deshalb setzen viele Wehren zunehmend auf Jugendarbeit, um Menschen wie Ingo Klaas zu gewinnen, der ja als Jugendlicher einstieg und bis heute aktiv ist. Jugendfeuerwehren sind weit verbreitet, spielerisch bereiten sie auf den Ernstfall vor. Getreu der Erkenntnis: Wer sich früh für ein Hobby entscheidet, bleibt lange dabei.

Gute Laune unterm Blaulicht: Die Ostbeverner „Löschbiber“ werden spielerisch an Feuerwehrthemen herangeführt.

Gute Laune unterm Blaulicht: Die Ostbeverner „Löschbiber“ werden spielerisch an Feuerwehrthemen herangeführt. Foto: Gunnar A. Pier

Doch die Jugendarbeit ist nicht mehr so einfach wie einst. Seit der Schulunterricht bis weit in den Nachmittag geht, geraten Freizeitangebote wie Jugendverbände, Musikunterricht und Sportvereine unfreiwillig in Konkurrenz. Wer da, wie die Jugendfeuerwehren, erst ab zehn Jahren einsetzt, kommt zu spät.

Neu in NRW: Kinderfeuerwehren

Deshalb können seit Jahresbeginn in NRW Kinderfeuerwehren gegründet werden. Wie in Ostbevern: 25 Kinder gehören zu den „Löschbibern“. „Wir bieten einen spielerischen Umgang mit Feuerwehrthemen“, erklärt die Leiterin, Unterbrandmeisterin Claudia Wiewel (25). Alle zwei Wochen treffen sich die „Löschbiber“. Sie spielen, probieren die Kübelspritze aus oder backen einfach Weihnachtsplätzchen in Feuerwehrautoform. Das Angebot richtet sich an Kinder ab sechs Jahren. Mit Erfolg: In Ostbevern gibt es eine Warteliste.

Dülmener Wehr wirbt mit einem Film

An Erwachsene richtet sich ein Imagefilm, mit dem die Dülmener Wehr auf Kameradensuche geht. „Wir haben den professionell erstellen lassen“, erklärt Löschzugführer Daniel Niehues. Das gut siebeneinhalb Minute lange Video „Auch du kannst helfen“ erzählt die Geschichte eines Wohnhausbrands, bei dem die Feuerwehrleute eine Familie retten. Über 110 000-mal wurde er bei Youtube geschaut. „Mindestens zwei neue Mitglieder sind dadurch zu uns gekommen“, resümiert Niehues. Nicht messbar freilich ist der Imagegewinn.

Ausrücken am Arbeitsort

Zurück nach Südkirchen, zurück zu Ingo Klaas: Der 52-Jährige arbeitet seit zehn Jahren im zwölf Kilometer entfernten Ascheberg – das Pendlerproblem also. Doch der altgediente Unterbrandmeister rückt tagsüber dennoch aus: mit der Feuerwehr Ascheberg. Das ist seit 15 Jahren möglich. Im Schnitt lässt er – wie vier seiner direkten Kollegen auch – alle zwei Tage das Schweißgerät für einen Einsatz fallen. Damit doch einer kommt, wenn es brennt.

 

Die Löschbiber der Freiwilligen Feuerwehr Ostbevern

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    Selbst bei spielerischen Aktionen wie dem vorweihnachtlichen Backen geht es irgendwie um Feuerwehr: Sie Plätzchen werden später aussehen wie Einsatzfahrzeuge.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Tolle Ausstattung: Die Kinderfeuerwehr "Löschbiber" der Freiwilligen Feuerwehr Ostbevern bekam im Dezember ein eigenes Fahrzeug.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Neben dem richtigen Fahrzeug überreichte NRW-Innenminister Herbert Reul auch vier Tretautos im Feuerwehr-Look.

    Foto: Gemeinde Ostbevern
  • Innenminister Herbert Reul überreichte im Dezember ein neues Fahrzeug.

    Foto: Gemeinde Ostbevern
  • Foto: Gunnar A. Pier
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Rechte und Pflichten: Das sagt das Gesetz

Das Gesetz über den Brandschutz, die Hilfeleistung und den Katastrophenschutz (BHKG) regelt das Rettungswesen in Nordrhein-Westfalen. Darin steht unter anderem:

► Aufgaben der Gemeinden: Für den Brandschutz und die Hilfeleistung unterhalten die Gemeinden den örtlichen Verhältnissen entsprechende leistungsfähige Feuerwehren als gemeindliche Einrichtungen.

Freiwillig: Die im Einsatzdienst tätigen Angehörigen der Freiwilligen Feuerwehr sind freiwillig und ehrenamtlich im Dienst der Gemeinde tätig.

Freistellung: Ehrenamtliche bei der Feuerwehr müssen für Einsätze, aber auch für Fortbildungen vom Arbeitgeber freigestellt werden. Der Lohn wird weiter gezahlt, Arbeitgeber können sich den Ausfall von der Gemeinde erstatten lassen.

► Jugendförderung: Jede Gemeinde „soll“ die Bildung einer Jugendfeuerwehr (ab zehn Jahren) und „kann“ eine Kinderfeuerwehr (ab sechs Jahren) fördern. (gap)

Das ganze Gesetz steht hier .

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