Studenten mit Finanzproblemen Präsident des Studentenwerks fordert Reformen

Münster -

Das Abitur ist bestanden, der Studienplatz in trockenen Tüchern und der Mietvertrag für das erste WG-Zimmer nach schier endloser Suche endlich unterschrieben. Wer glaubt, sich jetzt endlich voll und ganz auf das Studium konzentrieren zu können, hat seine Rechnung ohne das Bafög-Amt gemacht.

Von Mirko Heuping
Das Ausfüllen eines Bafög-Antrags nimmt einige Zeit in Anspruch. Neben detaillierten Auskünften über Erspartes muss auch das Einkommen der Eltern offengelegt werden.
Das Ausfüllen eines Bafög-Antrags nimmt einige Zeit in Anspruch. Neben detaillierten Auskünften über Erspartes muss auch das Einkommen der Eltern offengelegt werden. Foto: dpa

Obschon viele Studenten von ihren Eltern gar nicht oder nur in geringem Umfang ­finanziell unterstützt werden, können sie sich längst nicht immer darauf verlassen, dass der Staat in aus­reichender Höhe einspringt.

Deshalb kritisierte Dieter Timmermann die jüngste Bafög-Erhöhung zum Wintersemester 2016/2017 am Mittwoch als unzureichend. „Die Bedarfssätze sind zu niedrig.“ Das gilt auch für die Elternfreibeträge, sagte der Präsident des Deutschen Studentenwerks. Mangels ausreichenden Bafögs würden die Studierenden gezwungen, immer mehr Geld nebenher zu verdienen. Viele müssten sich aufgrund steigender Mieten in den ­beliebten Studentenstädten sogar zusätzlich einen Kredit aufnehmen.

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Die Bedarfssätze sind zu niedrig.

Dieter Timmermann

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Kritik an der jüngsten Bafög-Erhöhung

Ein weiteres Problem sei, die unzureichende Aufklärung über die Vorteile des Bafögs. 37 Prozent der Studenten mit niedriger Bildungsherkunft würden aus Angst vor Verschuldung erst gar keinen Antrag stellen, erklärte Timmermann.

Auf Anfrage verwies das Bundesbildungsministerium auf die Forderung nach ­höheren Leistungen auf die letzte Bafög-Erhöhung im Sommer 2016. „Die Weiterentwicklung ist ein Thema für die noch zu bildende nächste Bundesregierung“, ergänzte Sprecherin Sibylle Quenett mit Blick auf die laufenden Sondierungs­gespräche in Berlin.

Immer weniger Bafög-Bezieher

Generell lassen sich die Probleme anhand aktueller Zahlen belegen. Demnach bekommen nur 18 Prozent aller Studierenden überhaupt Bafög – so wenig wie noch nie zuvor. In Münster ging die Anzahl der Bezieher beispielsweise innerhalb eines Jahres um 5,9 Prozent von 10.600 (2016) auf 10.000 (2017) zurück. „Die letzte Bafög-Erhöhung kam Jahre zu spät“, kritisierte Katrin ­Peter, Sprecherin des Studierendenwerks Münster. „Zudem muss die Bemessungsgrenze für Elternfreibeträge erhöht werden, damit wieder mehr Leute zugreifen“, fordert sie.

Bundesbildungsministerin Johanna Wanka beurteilt die Entwicklung wesentlich positiver: Sie führt die gesunkene Empfängerzahl auf die gute Entwicklung der Einkommen und die hohe Erwerbstätigenquote zurück. Mehr Eltern könnten dadurch ihre Kinder unter­stützen.

Die steigende Anzahl an Studenten zeige zudem, dass niemand aus finanziellen Gründen von einer quali­fizierten Ausbildung ab­gehalten werde.

Kommentar

Keine Chancengleichheit: Weniger Bafög-Empfänger

Von Mirko Heuping

Das Bundesausbildungsförderungsgesetz muss dringend reformiert werden. Obwohl es eigentlich Barrieren abbauen sollte, wartet auf Bezugsberechtigte schon beim Antrag eine hohe Hürde. Bei dem bürokratischen Kraftakt, alle Nachweise zu sammeln und entsprechende Formulare korrekt aus­zufüllen, dürften so manche Erstsemester bereits größere Schwierigkeiten haben.

Das noch größere Pro­blem besteht aber darin, dass ein Großteil der Studierenden von der staat­lichen Förderung gänzlich ausgeschlossen wird. Zumal längst nicht jeder der Betroffenen das Glück hat, finanziell von seinen Eltern unterstützt zu werden. Wenn der eine Teil der Studenten nebenbei hart arbeiten muss, während sich die Kommilitonen auf das Studieren konzentrieren können, herrscht keine Chancengleichheit. Abgesehen von der fehlenden Zeit steigt bei der ersten Gruppe besonders in lernintensiven Studiengängen das Risiko der Überbelastung und sogar psychischer Erkrankungen.

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