Vorwurf: Beihilfe zu hundertfachem Mord Anklage gegen zwei SS-Wachmänner

Münster -

(Aktualisiert) Gegen zwei ehemalige SS-Wachmänner hat die Staatsanwaltschaft Dortmund Anklage wegen Beihilfe zu hundertfachem Mord erhoben. Einer der Angeklagten kommt aus dem Kreis Borken.

Von Hilmar Riemenschneider
Das Landgericht Münster entscheidet über die Eröffnung eines Verfahrens gegen einen heute 93-Jährigen aus dem Kreis Borken.
Das Landgericht Münster entscheidet über die Eröffnung eines Verfahrens gegen einen heute 93-Jährigen aus dem Kreis Borken. Foto: Friso Gentsch, dpa

Wie unsere Zeitung aus Justiz-Kreisen erfuhr, sollen ein 93-Jähriger aus dem Kreis Borken und ein 92 Jahre alter Mann aus Wuppertal als SS-Angehörige im Konzentrationslager Stutthof bei Danzig ab 1944 an der Ermordung jüdischer und polnischer Häftlinge beteiligt gewesen sein. Die Anklage legt ihnen nicht nur Beihilfe zur Tötung der Opfer in der Gaskammer und in Waggons zur Last.

Nach Schilderung der Dortmunder Staatsanwälte, die in NRW Nazi-Verbrechen verfolgen, brachten SS-Schergen in dem Lager unzählige Opfer auf grausame Arten um – durch Genickschüsse bei einer vorgetäuschten Untersuchung oder indem sie sie erfrieren ließen.

Der Angeklagte aus dem Kreis Borken sei von Juni 1942 bis September 1944 in Stutthof eingesetzt gewesen und dort – zuletzt nach seiner Beförderung als SS-Sturmmann – als Mitglied der 3. Kompanie des SS-Totenkopfsturmbanns sowohl für die Bewachung des Lagers als auch die Begleitung und Beaufsichtigung der Arbeitskommandos außerhalb des Lagers zuständig gewesen.

Die gleichen Aufgaben soll auch der Angeschuldigte aus Wuppertal von Juni 1944 bis Kriegsende übernommen haben. Weil beide damals unter 21 Jahre waren, entscheidet eine Große Strafkammer des Landgerichts Münster als Jugendkammer über die Eröffnung des Verfahrens.

Vorwürfe im Detail

Durch ihre Tätigkeiten während ihrer jeweiligen Zeit als Angehörige der Wachmannschaft im Konzentrationslager Stutthof sollen die Angeschuldigten laut Anklage der Staatsanwaltschaft Dortmund insbesondere zu folgenden Tötungshandlungen Beihilfe geleistet haben:

  • Am 21./22.6.1944 töteten SS-Angehörige mehr als 100 polnische Häftlinge in der Gaskammer durch den Einsatz des Giftgases Zyklon B. Mindestens 77 verwundete sowjetische Kriegsgefangene starben im Sommer 1944 auf die gleiche Weise. Im Rahmen der sogenannten „Endlösung der Judenfrage“ töteten SS-Angehörige ab August bis Ende 1944 eine unbekannte Anzahl – wohl mehrere hundert – jüdische Häftlinge sowohl in der Gaskammer als auch in den Waggons der Kleinbahn, die in das Lager hineinführte. Bei der Zuführung zu den Eisenbahnwaggons wurde den Häftlingen vorgespielt, dass sie zu Arbeitseinsätzen gebracht werden sollten.
  • Die Lebensverhältnisse im Konzentrationslager – u.a. ungenügende Unterbringungsverhältnisse, unzureichende Nahrung trotz schwerster körperlicher Zwangsarbeit, keine den Witterungsverhältnissen angepasste Kleidung, mangelhafte hygienische Verhältnisse – waren auf das Betreiben der SS-Führung und Lagerleitung gezielt so schlecht gestaltet, dass mehrere hundert Gefangene durch die hierdurch verursachten Krankheiten (z.B. Typhus und Fleckfieber) und die fehlende medizinische Versorgung ums Leben kamen.
  • Von Anfang Juni 1944 bis Ende April 1945 töteten SS-Angehörige mehrere hundert als nicht mehr „arbeitsfähig“ eingestufte antisemitisch Verfolgte durch Genickschüsse in einem Nebenraum des Krematoriums. Dazu wurde bei den Häftlingen der Eindruck einer ärztlichen Untersuchung hervorgerufen. In deren Zuge mussten sie sich mit dem Rücken vor eine an der Wand angebrachte Messlatte stellen, in der sich eine von oben nach unten laufende, etwa zwei Zentimeter breite, schlitzartige Öffnung zum Nebenraum befand. Die Messlatte war mit einer Auflage für eine schallgedämpfte Pistole im Nebenzimmer verbunden. Je nach der Einstellung der Messlatte befand sich die Auflage auf der Höhe des Genicks des jeweiligen Opfers.
  • Von 1942 bis Ende 1944 töteten SS-Ärzte und SS-Sanitäter in den Krankenrevieren nach vorangegangenen Selektionen mehr als 140 Gefangene – ab 1944 vorwiegend jüdische Frauen und Kinder – durch die Injektion von Benzin und Phenol direkt in das Herz des jeweiligen Häftlings.
  • Eine unbekannte Anzahl von Gefangenen wurde zudem auf vielfältige andere Arten – so z.B. im Winter 1943/44 durch bewusstes Erfrierenlassen – getötet. 

Die Angeschuldigten sollen Kenntnis von sämtlichen Tötungsmethoden gehabt haben. Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass ihnen bewusst war, dass sie bei einer Vielzahl von Menschen angewandt wurden und dass auf diese Weise und mit dieser Regelmäßigkeit nur getötet werden konnte, wenn die Opfer durch Gehilfen wie sie bewacht wurden. Die Angeschuldigten hätten mit ihrer Wachdiensttätigkeit die mehreren hundertfachen Tötungen der Lagerinsassen durch die Haupttäter willentlich gefördert.  

Die Anklage vom 6.11.2017 ist den Angeschuldigten inzwischen zur Stellungnahme binnen drei Wochen zugestellt worden. Innerhalb dieser Frist können sie die Vornahme einzelner Beweiserhebungen vor der Entscheidung über die Eröffnung des Hauptverfahrens beantragen oder Einwendungen gegen dessen Eröffnung vorbringen.

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