Unfallstelle gefilmt
Polizei sieht Wassereinsatz gegen Gaffer kritisch

Weibersbrunn -

(Aktualisiert) Um Gaffer zu vertreiben, griff die Feuerwehr zu einer ungewöhnlichen Methode: Spontan setzte sie Wasser gegen Lastwagenfahrer ein, die Fotos und Videos von einem Unfall machen wollen. Die Polizei ist nicht begeistert von der Aktion. Doch auch in Münster und Umgebung sind Gaffer ein zunehmendes Problem.

Montag, 13.11.2017, 16:11 Uhr

Unfallstelle gefilmt: Polizei sieht Wassereinsatz gegen Gaffer kritisch
Feuerwehrleute stehen am Donnerstag auf der Autobahn 3 bei Weibersbrunn (Landkreis Aschaffenburg, Bayern) neben den verunfallten Lastwagen. Foto: dpa

Die Strafen steigen und mancherorts werden Sichtschutzwände in Stellung gebracht - doch durchschlagenden Erfolg zeigen die Maßnahmen gegen Gaffer bislang nicht. „Die Kollegen vor Ort haben immer häufiger mit Gaffern zu tun“, bestätigt Andreas Bode , Pressesprecher des Polizeipräsidiums Münster. Viele fotografierten oder filmten mit den Smartphone, häufig völlig „distanzlos“, so Bode.

Gaffer laufen durch Unfallstelle

Und dieses Phänomen greife immer weiter um sich. Häufig werden die Polizeibeamten dabei in ihrer Arbeit behindert, „die Leute laufen durch die Unfallstelle, um das beste Bild zu machen", sagt Bode. Zwar könnten Gaffer von der Unfallstelle verwiesen werden, wenn sie diese behindern. Doch damit es im besten Fall gar nicht erst zu solchen Vorfällen kommt, versucht die Polizei nach Angaben des Pressesprechers vor allem „ans Gewissen zu appellieren“.

Feuerwehr bespritzt Schaulustige

Ein Feuerwehrmann griff dagegen am Donnerstag zu einer anderen Maßnahme. Nach einem schweren Unfall auf der A3 in Unterfranken bespritzte er Schaulustige mit Wasser.

Die Polizei in Unterfranken kritisiert nun diese Aktion, die nicht abgesprochen gewesen sei. „Für die Unterbindung und Ahndung bei Verkehrsbehinderungen sind ausschließlich wir zuständig“, betonte ein Sprecher des unterfränkischen Präsidiums. Die Pressestelle des Polizeipräsidiums Münster wollte den Vorfall nicht direkt kommentieren.

Aufgabe der Polizei

Die Gewerkschaft der Polizei (GdP) dagegen sah es ähnlich wie das unterfränkische Präsidium. Die Feuerwehr habe Aufgaben übernommen, die eindeutig bei der Polizei lägen, sagte ein Sprecher. „Es muss klare Abläufe an der Unfallstelle geben.“ Eigentlich sind Feuerwehrleute für den Brandschutz verantwortlich, kümmern sich um Verletzte oder Eingeklemmte. Häufig unterstützen sie auch die Polizei bei der Sicherung der Unfallstelle und der Verkehrslenkung.

Dem Feuerwehrmann droht derweil wohl kein Strafverfahren. Bislang habe keiner der betroffenen Lastwagenfahrer Strafanzeige gestellt, teilte die Staatsanwaltschaft Aschaffenburg am Montag mit. Außerdem sieht die Behörde allein wegen der Medienberichterstattung über den Vorfall aktuell keinen Anlass, ein Verfahren von Amts wegen einzuleiten.

Auf Bildern und Videoaufnahmen sei ersichtlich, dass die Gaffer „in der sehr langsam fahrenden Fahrzeugkolonne mit dem Schlauch mit geringem Spritzdruck besprüht worden“ seien, hieß es. Das Wasser habe vor allem die geschlossenen Fenster der Beifahrerseite getroffen. Einen gefährlichen Eingriff in den Straßenverkehr könne die Behörde nicht erkennen.

"Keine geplante Aktion"

„Das war natürlich keine geplante Aktion“, erklärte Otto Hofmann , der den Einsatz der Freiwilligen Feuerwehren bei Weibersbrunn im Landkreis Aschaffenburg geleitet hatte. „Dem Feuerwehrmann ist der Kragen geplatzt.“ Ungefähr jeder dritte Lastwagenfahrer habe versucht, Bilder von den Toten und der Unfallstelle zu machen.

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In einem Fall lag ein Fahrer laut Polizei sogar quer im Führerhaus, um bessere Aufnahmen machen zu können. Schließlich habe der Brandschützer den Schlauch eingesetzt. Er bespritzte die Seitenfenster der Fahrzeuge, die sehr langsam an der Unfallstelle vorbeifuhren oder gar stehenblieben.

Außergewöhnlicher Einsatz

Für Feuerwehrmann Hofmann und seine Truppe war es ein außergewöhnlicher Einsatz. Bei dem schweren Unfall starben drei Menschen. Fast zwölf Stunden am Stück arbeiteten manche der ehrenamtlichen Feuerwehrleute an der Unfallstelle.

Der Sprecher der Polizei Unterfranken lobte insgesamt die Zusammenarbeit. Die Spritzaktion sei eine Ausnahme gewesen, die er zuvor in seiner Laufbahn auch noch nie erlebt habe. Grundsätzlich funktioniere die Arbeitsteilung, betonte auch der GdP-Sprecher. „Polizei, Rettungskräfte und Feuerwehr haben an der Unfallstelle ja das gleiche Ziel: Menschenleben retten.“ Und sie alle leiden unter den Schaulustigen, die den Verkehr behindern oder mit ihrem Verhalten sogar weitere Unfälle provozieren.

Smartphones verstärken Problem

Das Problem habe sich durch Smartphones verstärkt, darüber sind sich alle Befragten einig. Die Politik hat bereits darauf reagiert: Seit Mai gilt es als Straftat, bei Unglücksfällen vorsätzlich Einsatzkräfte zu behindern, die Hilfe leisten wollen. Darauf stehen nun Geldstrafen oder bis zu ein Jahr Haft.

Seit rund drei Monaten testet die Polizei in Bayern spezielle Sichtschutzwände, die Unfallstellen vor neugierigen Blicken abschirmen sollen. Die Konstruktionen sind allerdings bislang nur auf der A6 und A9 im Einsatz, wie ein Sprecher des bayerischen Innenministeriums mitteilte. Auch im Münsterland nutzt die Polizei diese Wände, die sie von der Autobahnmeisterei anfordern können. "Die haben uns schon sehr gute Dienste erwiesen", sagt Pressesprecher Bode.

Beim Innenministerium schätzt man den Zwischenfall auf der A3 als Notlösung ein - unkonventionell obendrein. Nach dem Bayerischen Feuerwehrgesetz haben Einsatzkräfte allerdings die Befugnis, Personen von Unfallstellen zu verweisen - auch unter Einsatz unmittelbaren Zwangs, sagte ein Sprecher.

Aktion "menschlich nachvollziehbar"

Nach dem Vorfall habe Einsatzleiter Hofmann das Gespräch mit seinem Feuerwehrmann gesucht. „Solche Aktionen dürfen auf keinen Fall Schule machen“, sagte er - auch wenn dieser Fall bei Kollegen und in der Bevölkerung durchaus auf Sympathie traf. Hofmann stellte klar, es sei zwar menschlich nachvollziehbar, gegen Gaffer einschreiten zu wollen, aber „die gehen uns eigentlich nichts an“.

Von mehr als zehn Lastwagenfahrern hatten Polizeibeamte schon während der Unfallarbeiten die Personalien aufgenommen. Im Anschluss wurden noch Videoaufnahmen gesichtet, um weitere mutmaßliche Täter zu überführen, erklärte der Sprecher. „Um alle direkt anzuhalten, haben wir nicht genug Leute.“

Auch die GdP beklagte, dass Gaffer die Beamten zunehmend von ihrer eigentlichen Arbeit an Unfallstellen abhielten. Dass die Vergehen nun stärker geahndet werden, sei nicht nur ein gutes Mittel zur Abschreckung, sondern ein wichtiges Zeichen. Denn nötig sei vor allem ein Umdenken in der Gesellschaft.

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