Therapie mit Tieren Mehr Mut durch Meerschweinchen

Greven -

Smartie ist neugierig. Mohammed ist scheu. Smartie hat Freunde. Mohammed ist oft allein. Smartie hat Hunger. Mohammed hat Futter. Seit ein paar Wochen sind Smartie, das Meerschweinchen, und Mohammed, der Flüchtlingsjunge, Freunde. Therapiehunde? Therapiedelfine? Therapiepferde? Alles schon mal da gewesen. Aber Therapiemeerschweinchen?

Von Stefan Werding
Mohammed und das Meerschweinchen Smartie sind nicht nur gute Freunde geworden. Der Junge ist durch den Kontakt auch offener und gespächiger geworden.
Mohammed und das Meerschweinchen Smartie sind nicht nur gute Freunde geworden. Der Junge ist durch den Kontakt auch offener und gespächiger geworden. Foto: Gunnar A. Pier

Die vier Nagetiere sind sozial, ausgeglichen und überhaupt nicht aggressiv, so lange sie richtig behandelt werden, erklärt die angehende Tiertherapeutin Rabea Hustermeier (30). Sie sind hin- und hergerissen zwischen ihrer Angst vor Angreifern auf der einen Seite – es kann passieren, dass sie sich bei unerwartetem Lärm zu Tode erschrecken und leblos im Gehege liegen – und ihrer Neugierde gepaart mit ihrer „Futterbestechlichkeit“ auf der anderen. Für ein Stück Apfel riskieren sie sogar ihr Leben.

Das macht sie zu idealen Begleitern von Mohammed. Bis vor wenigen Wochen hatte das Flüchtlingskind in der Regenbogengruppe des St.-Josef-Kindergartens in Greven so recht keinen Anschluss – besonders, nachdem sein großer Bruder in die Schule gewechselt war. „Mohammed hatte es anfangs sehr schwer“, sagt seine Erzieherin Natalie Minter : „Bis vor kurzem ist er hier nicht richtig angekommen.“ Er sprach wenig Deutsch, kannte sich nicht aus, war deswegen viel allein, brauchte immer die Hilfe anderer.

Ist er aber mit den Tieren zusammen, ist es genau umgekehrt: Er entscheidet, welches Tier gestreichelt wird, wer was zu fressen bekommt. Er muss dafür sorgen, dass es den Tieren gut geht, dass ihr Gehege aufgeräumt ist und dass sein Kumpel Alex auch mal ein Tier auf den Schoß nehmen darf.

Plötzlich ist es also das Flüchtlingskind Mohammed, das seinem Freund aus dem Kindergarten etwas beibringt. Und nicht umgekehrt. Mohammed kennt sich aus, weiß, dass Smartie in ein Körbchen gehört, bevor er auf seinen Schoß darf. Das verhindert, dass das Tier die Hose des Kindes verdreckt und auch nicht zu fest gedrückt wird. Und wenn Smartie unruhig wird, lässt der Fünfjährige ihn wieder laufen. So ist der Junge auch noch ein Tierschützer geworden.

Seitdem Smartie und die anderen Meerschweinchen Johnny, Holly und Stella regelmäßig in die Kita kommen, ist Mohammed offener und präsenter geworden. Weil er immer ein anderes Kind aussuchen darf, das ihn zu den Meerschweinchen begleitet, ist er in der Beliebtheitsskala der anderen deutlich nach oben geschnellt. Im Gegenzug ist sein Selbstbewusstsein gestiegen und seine Persönlichkeit gestärkt.

Tiergestützte Integration

Mit Tieren können Pädagogen und Therapeuten Kinder erreichen, die die deutsche Sprache nicht beherrschen. Flüchtlingskinder können so Freundschaften schließen und haben das Gefühl dazuzugehören. „Dadurch können sich die Flüchtlingskinder schneller in unserem System wohlfühlen. So ist der Grundstein für einen motivierten Zugang zur Sprache gelegt,“ sagt die angehende Tiertherapeutin Rabea Hustermeier.

Gleichzeitig hat Mohammeds Sprechen erhebliche Fortschritte gemacht. Rabea Hustermeier achtet darauf, dass der Junge nicht nur das Meerschweinchen im Blick hat. Er muss mit seinem Freund Alex das Futter vorbereiten, Apfel, Gurke und Möhre nicht nur in Stücke schneiden, sondern sie auch beim Namen nennen. Und er weiß mittlerweile, warum die Tiere immer ein Dach über dem Kopf brauchen („Weil sie Angst vor großen Vögeln haben.“).

Mohammed sitzt so sehr zufrieden und stolz zwischen den Tieren. Rabea Hustermeier und Smartie haben damit ihr wichtigstes Ziel schon erreicht: „Dass sich das Kind wohlfühlt und Frieden findet“.

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