Interview mit der Vorsitzenden der Kaufmannsgilde Perspektiven für den Handorfer Ortskern

Münster-Handorf -

Haus Münsterland ist insolvent, Gaststätten schließen, für den Einzelhandel wird es eng – 2017 war kein gutes Jahr für Handorf. Die Vorsitzende der Handorfer Kaufmannsgilde erklärt im Interview, warum sie dennoch optimistisch in die Zukunft blickt.

„Glücksquelle“ heißt der Brunnen im Handorfer Ortskern. Das kann der 2017 arg gebeutelte Stadtteil gut gebrauchen.
„Glücksquelle“ heißt der Brunnen im Handorfer Ortskern. Das kann der 2017 arg gebeutelte Stadtteil gut gebrauchen. Foto: Oliver Werner

Das Jahr 2017 war für Handorf von schlechten Nachrichten geprägt: Deutscher Vater und Haus Münsterland sind Geschichte, der Sudmühlenhof stellte seinen Betrieb vor Kurzem ein – und nach wie vor ist unklar, was aus Edeka Rotthowe und dem Wersehof wird. Wenn Handel und Gastronomie unter Druck geraten, ist das schlecht für die Selbstständigkeit des Ortes – der mehr sein will als nur ein Vorort Münsters. Darüber sprach Redakteur Lukas Speckmann mit Angelika Schwakenberg , der Vorsitzenden der Handorfer Kaufmannsgilde.

Hat Sie die dramatische Entwicklung in Handorf überrascht?

Schwakenberg: Ja. Wir wussten zwar von befristeten Pachtv Angelika Schwakenberg Foto: Matthias Ahlke erträgen, aber dass es sich so entwickeln würde, war nicht absehbar. Als Treffpunkt im Ort gibt es derzeit nur noch den Wersehof, das betrifft viele Vereine und Institutionen: Politik, Sänger, Doppelkopf-Spieler oder Familien, die zum Kaffee nach einer Beerdigung bitten. Gerade dieses gesellschaftliche Leben bindet ja an den Ort. Und durch die Schließung von Haus Münsterland fällt der ganze Veranstaltungsblock weg.

Ist das für einen Ort wie Handorf nicht überlebenswichtig?

Schwakenberg: Nicht unbedingt. Die Frage ist doch, ob sich die Menschen für diese Strukturen noch interessieren. Das Vereinsleben ist doch längst nicht mehr so stark wie früher. Das Gaststättensterben ist natürlich bedauerlich, aber es ist auch die Folge sehr gründlicher Erwägungen: Was soll ein Gastronom denn machen, wenn weniger Gäste kommen und kein Personal zu finden ist? Kein Selbstständiger kann mehr als arbeiten . . .

Eine Entwicklung, die nicht mehr rückgängig zu machen ist?

Schwakenberg: Es geht um Angebot und Nachfrage. Wenn das Angebot attraktiv ist, kommen auch mehr Menschen nach Handorf und identifizieren sich mit ihrem Ort. Den „Deutschen Vater“ gibt es nicht mehr, aber im Neubau soll auch Gastronomie untergebracht werden. Vielleicht etabliert es sich ja. Ich finde, wir sollten optimistisch sein.

Die Kaufmannsgilde hat ein Interesse, möglichst viele Menschen in den Ortskern zu bringen . . .

Schwakenberg: Grundsätzlich sollten wir mehr Geschäfte und ein größeres Angebot haben. Damit die Menschen in Handorf einkaufen, muss aber vor allem die Nahversorgung im Ortskern gewährleistet sein. Der Lebensmittelmarkt ist deshalb das A und O.

Warum eigentlich?

Schwakenberg: Weil es an Lebensmitteln einen täglichen Bedarf gibt, nichts kauft man so oft ein. Und wer den Wagen einmal im Ortskern abgestellt hat, erledigt auch noch mehr Besorgungen. Deshalb spricht man zu Recht von „Frequenzbringer“.

Hat Handorf denn insgesamt genug zu bieten?

Schwakenberg: Wir sind relativ gut aufgestellt. Es gibt viel Einzelhandel, nicht nur für den täglichen Bedarf, es gibt Ärzte, Apotheken, Banken, Sportstätten, das Bürgerbad, den Boniburger Wald, die Kirchen – und mit der Bezirksverwaltung sogar eine Niederlassung des Rathauses. Nicht viele Stadtteile Münsters haben solch ein Angebot. Das zeigen wir jedes Jahr beim Handorfer Herbst, und das beeindruckt auch viele Auswärtige.

Was könnte man sich noch wünschen?

Schwakenberg: Ein Drogeriemarkt wäre das i-Tüpfelchen. Aber am wichtigsten sind Lebensmittel: Am liebsten ein größeres Angebot am alten Standort.

Es war doch auch mal die Rede von einem Lebensmittelmarkt am Borggreveweg?

Schwakenberg: Das ist nicht mehr in der Diskussion, die Stadt will es nicht. Wenn dort ein großer Markt eröffnet wird, ist der Ortskern tot – und ohne diese gewachsene Mitte fehlen Farbe und Bewegung.

Gerade in Dorbaum gibt es doch außer dem Discounter kein Angebot . . .

Schwakenberg: Aber der Einzelhandel am Wacholderweg ist verschwunden, weil es zu wenig Umsatz gab.

Wird der Ausbau der Umgehungsstraße auf die Frequenz im Ort Einfluss nehmen?

Schwakenberg: Es ist gut, wenn der Schwerlastverkehr verschwindet, der ist hier auch nicht mit Tempo 30 unterwegs. Gerade ältere Handorfer lassen mitunter das Fahrrad stehen, weil sie Respekt vor der Handorfer Straße haben. Aber wir möchten nicht den kompletten Durchgangsverkehr verlieren, die Menschen sollen Handorf wahrnehmen. Schon der Ausbau der Hobbeltstraße vor einigen Jahren war im Ortskern zu spüren, was die Frequenz betrifft. Wichtig sind deshalb auch genügend Parkmöglichkeiten: Wir haben zwar den Hugo-Pottebaum-Platz in der Ortsmitte, aber dort stehen oft Dauerparker. Ich würde mir mehr Kurzzeitparkplätze wünschen.

Die Politik hat Anfang des Jahres überraschend schnell auf die Entwicklung in Handorf reagiert und den Bebauungsplan geändert.

Schwakenberg: Die Stadt hat ein großes Interesse daran, den Ortskern zu erhalten. Nach wie vor werden mit alle Akteuren Gespräche geführt, um das Beste zu erreichen. Wir verfolgen die Entwicklung aufmerksam, wir sind am Ball.

Ihre Prognose?

Schwakenberg: Ich bin zuversichtlich. Der Ort wächst, er ist auch wegen seiner schönen Lage und der guten Infrastruktur attraktiv. Langfristig rechne ich mit einer positiven Entwicklung.

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Kommentar: Möglichst viel im Dorf lassen

in für Handorf bedenkliches Jahr ist zu Ende gegangen. Eine beispiellose Welle von Schließungen und Stilllegungen bedroht das öffentliche Leben im Ort. Immer weniger Eigenständigkeit, immer mehr lukrativer Wohnraum für die wachsende Großstadt Münster: In Handorf ist damit in kürzester Zeit eine Entwicklung angekommen, die in Gelmer schon seit geraumer Zeit zu spüren ist – und die Dorbaum als Vor-Vorort längst vor vollendete Tatsachen gestellt hat.Als relativ großer und selbstbewusster Stadtteil hat sich Handorf lange ans Große-Kaffeekannen-Image klammern können. Doch die Entwicklung war nicht aufzuhalten: Wenn das Vereinsleben allmählich an Bedeutung verliert, die Gaststätte eben nicht mehr der Treffpunkt der Nachbarschaft ist, der große Wochenendeinkauf mit dem Auto im Center am Stadtrand erledigt wird – dann streichen Gastronomen und Händler entweder die Segel oder sehen sich nach besseren Verdienstmöglichkeiten um. Wer es anders möchte, sollte konsequent sein und nicht nur die Kirche im Dorf lassen.Die gute Nachricht: Handorf hat nach wie vor gute Chancen. Die Strukturen sind immer noch vielfältiger als in anderen Stadtteilen, es gibt nach wie vor einen bemerkbaren Ortskern mit gutem Angebot, die Umgebung ist attraktiv. Vor allem aber: Handorf wächst. Wenn in wenigen Jahren ein paar Hundert neue Häuser in der Mitte des Ortes entstehen, werden die Karten neu gemischt. Wachstum kann Strukturen schaffen oder bewahren. Das gilt schon für Gelmer; für Handorf erst recht. Lukas Speckmann

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