Die letzten Bewohner ziehen aus Flüchtlingsheim Kirschgarten: Das Provisorium hat ausgedient

Münster-Ost -

Schneller als gedacht werden die provisorischen Flüchtlingsunterkünfte in Handorf aufgegeben. Doch nach wie vor leben Geflüchtete in Handorf, die Hilfe bei der Integration brauchen. Den ehrenamtlichen Helfern fehlen dafür nun die geeigneten Räume.

Von Lukas Speckmann
Die Wohn-Container am Kirschgarten werden derzeit freigeräumt, berichten Hans-Dieter Sauer von der Flüchtlingshilfe und Anne-Mieke Mergenthaler von der Diakonie. Wann sie endgültig abgebaut werden, steht noch nicht fest.
Die Wohn-Container am Kirschgarten werden derzeit freigeräumt, berichten Hans-Dieter Sauer von der Flüchtlingshilfe und Anne-Mieke Mergenthaler von der Diakonie. Wann sie endgültig abgebaut werden, steht noch nicht fest. Foto: spe

Rund drei Jahre nach ihrer Inbetriebnahme hat die provisorische Flüchtlingsunterkunft am Kirschgarten ausgedient: Die letzten Bewohner – eine sechsköpfige Familie, die seit zweieinhalb Jahren hier lebt – packten am Montag ihre Sachen. Auch auf dem Hof Wietkamp an der Gildenstraße steht der Auszug der Bewohner unmittelbar bevor. Die Unterkunft in der Lützow-Kaserne war bereits im August geschlossen worden.

Damit gibt es zumindest in Handorf vorerst kein Flüchtlingsheim mehr. Von den 280 Flüchtlingen, die noch vor zwei Jahren hier untergebracht waren, wohnen viele inzwischen in anderen Städten oder Stadtteilen, manche haben das Land verlassen. Einige jedoch haben in Handorf eine feste Bleibe gefunden; um etwa 30 Familien kümmern sich die ehrenamtlichen Helferinnen und Helfer weiterhin, auch die insgesamt 80 Bewohner der festen Einrichtungen Im Sundern und Gelmer werden betreut, berichtet Hans-Dieter Sauer von der Flüchtlingshilfe Münster-Ost.

Die Arbeit des vor knapp drei Jahren gegründeten Netzwerks habe sich gründlich verändert – aus der Flüchtlingshilfe sei eine Integrationshilfe geworden. Von den ursprünglich 70 oder 80 Ehrenamtlichen sind etwa 35 weiterhin aktiv, etwa als Sprachlehrer oder Paten. Das Engagement sei nach wie vor stark, betont Sauer.

Das große Problem: Mit der Schließung der provisorischen Flüchtlingsheime fehlen die Gemeinschaftsräume für Sprachunterricht, Lernhilfen, Nähcafé oder Frauentreff, und die Raumkapazität der Kirchengemeinden sei erschöpft. In einem Brandbrief an Politik und Stadtverwaltung hat die Flüchtlingshilfe das Thema vor Kurzem zur Sprache gebracht.

Gibt es eine rasche Lösung? „Ich fürchte nicht“, sagt Heinz Lembeck vom städtischen Sozialamt auf Anfrage der Redaktion, „in Handorf gibt es wenig Möglichkeiten.“ Gemeinschaftsräume sind allenfalls im neuen dauerhaften Flüchtlingsheim am Willingrott in Dorbaum vorgesehen, das im Sommer 2018 eröffnet werden soll. Auch sei mit einer weiteren festen Einrichtung in Handorf zu rechnen, deren Bau allerdings von der Entwicklung des neuen Wohngebiets am Kirschgarten und vom Umzug des TSV abhängen wird. Der Standort sei noch nicht endgültig festgelegt, betont Lembeck.

Mit Schließung der provisorischen Heime in Handorf verabschiedet sich auch die Diakonie Münster aus deren Trägerschaft. Die mit der Stadt vereinbarten Zwei-Jahres-Verträge laufen aus, so dass auch die Betreuung der Einrichtung Im Sundern in Kürze ans städtische Sozialamt zurückgegeben wird. Diakonie-Bereichsleiter Jochen Kriegeskorte betont, dass man weiterhin in der Flüchtlingsarbeit tätig sein wolle: „Integration ist eine langfristige gesellschaftliche Aufgabe.“ Er hofft auf eine Perspektive für seine Mitarbeiter; weiß aber, dass der Arbeitsmarkt besonders für den technischen Bereich leider eng ist. Die Diakonie bleibe in Handorf präsent, etwa in der Sozialberatung, im Familienzentrum und nicht zuletzt durch den Handorfer Hof. 

Kommentar: Der Platzbedarf bleibt

ls das Flüchtlingsheim am Kirschgarten vor drei Jahren eröffnet wurde, war die Aufmerksamkeit riesig. Erstaunlich, dass die Schließung nun in aller Stille vor sich geht. Es spricht vor allem dafür, dass der Containerbau seinen Zweck erfüllt hat: Er bot seinen Bewohnern eine akzeptable Bleibe und zudem genügend Raum für die Integrationsarbeit; weshalb auch das Verhältnis zur Nachbarschaft alles in allem gut war. Dass mit der Schließung der provisorischen Flüchtlingsheime – Kirschgarten, Lützow-Kaserne, Hof Wietkamp – zugleich auch die Treffpunkte sowie Unterrichtsräume für Kurse und Sprachunterricht verschwinden, stellt die ehrenamtlichen Helfer vor enorme Herausforderungen. Denn nach wie vor leben viele Geflüchtete und Menschen mit Migrationshintergrund in Münster-Ost, die Hilfe bei der Integration brauchen. Die Stadt sollte das Problem nicht allein der Flüchtlingshilfe überlassen. Und zum Beispiel Räume in Schulen und Kitas anbieten, die nachmittags oder abends nicht benötigt werden.  Lukas Speckmann

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