Skulptur Projekte
Auftakt der Ausstellung: Ist die Kunst noch öffentlich oder schon privat?

Münster -

„Tiefenbohrung“ nennt Kasper König die Skulptur-Projekte gerne. Weil diese Ausstellung nur alle zehn Jahre stattfindet und mithin Distanz zur Zeitgeschichte aufnehmen kann und will. Also kein Event und kein Skandal sein möchte.

Samstag, 10.06.2017, 16:06 Uhr

Performative Arbeiten wie die Performance „Leaking Territories (Undichte Territorien)“ der Rumänin Alexandra Pirici im Friedenssaal sind ein Schwerpunkt der Skulptur-Projekte 2017.
Performative Arbeiten wie die Performance „Leaking Territories (Undichte Territorien)“ der Rumänin Alexandra Pirici im Friedenssaal sind ein Schwerpunkt der Skulptur-Projekte 2017. Foto: Gerhard H. Kock

Im Mittelpunkt steht das Verhältnis von privatem und öffentlichem Raum und was die Kunst damit macht. Die Dekade macht Veränderungen deutlich. Und ein erster Blick auf die fünfte Ausgabe seit der Erfindung der Projekte im Jahr 1977 deutet an, auf was diese Tiefenbohrung stößt.

Das Private mischt sich mit dem Öffentlichen auf diffuse Weise. Es wird gleichsam unsichtbar, unfassbar, unangenehm. So implementiert Gregor Schneider in das öffentliche Landesmuseum eine Privatwohnung (erreichbar von außen über einen Notausgang), in der sich der Besucher wie ein Eindringling vorkommt. Das Private wirkt hier leer, kühl, aseptisch.

Skulptur-Projekte: Alle Künstler - alle Werke

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  • Bei den fünften Skulptur-Projekten im Jahr 2017 sind 35 Werke zu sehen. Hier alle beteiligten Künstler und sämtliche Projekte im Kurzporträt:

    Bei den fünften Skulptur-Projekten im Jahr 2017 sind 35 Werke zu sehen. Hier alle beteiligten Künstler und sämtliche Projekte im Kurzporträt:

    Foto: Matthias Ahlke
  • Ei Arakawa:

    Ein Mini-Museum mit sieben Gemälden plus Musik auf grüner Wiese vor Haus Kump – vor allem abends schön.

    Foto: Gerhard H. Kock
  • Nairy Baghramian:

    pseudounfertige Skulpturen auf Schraubenschlüsseln finden sich am Erbdrostenhof.

    Foto: Gerhard H. Kock
  • Aram Bartholl:

    Lagerfeuer-Feeling in gedachter Endzeit gibt es an drei Standorten: H1-Tunnel, Pumpenhaus und Fernsehturm.

    Foto: Henning Rogge
  • Cosima von Bonin/Tom Burr

    Die schwere Moore-Plastik am Landesmuseum wird scheinbar vom Tieflader abgeholt. Auf der Kiste steht „Fragile“ für „Zerbrechlich“.

    Foto: Wilfried Gerharz
  • Andreas Bunte:

    hängt am H1-Vorplatz, Stadthaus-1-Innenhof und bei der VHS Plakate mit Fotos einer Installation auf. Via QR-Code gibt es Töne und Bilder.

    Foto: Gerhard H. Kock
  • Gerard Byrne

    Gerard Byrne setzt im Klaviersaal der Stadtbücherei das Verhältnis von Musik, Sprache und Bild in Szene.

    Foto: Matthias Ahlke
  • Camp:

    (Shaina Anand und Ashok Sukumaran) spannt an der Theaterruine ein Netzwerk, das Informationen über das Theater und die Umgebung vermittelt.

    Foto: Wilfried Gerharz
  • Michael Dean

    Michael Dean verhängt den Lichthof des Landesmuseums mit transparenter Folie und zeigt darin Schriftzeichen-Skulpturen.

    Foto: Gerhard H. Kock
  • Jeremy Deller:

    hat Kleingärtner zehn Jahre lang Tagebuch schreiben lassen. Respektable 33 Bücher werden ausgestellt.

    Foto: Matthias Ahlke
  • Nicole Eisenman:

    hat einen Brunnen für die Kreuzschanze schaffen, der aus unbekleideten Frauen besteht.

    Foto: Oliver Werner
  • Ayşe Erkmen:

    lässt Menschen im Hafen über eine Brücke unter Wasser gehen.

    Foto: Oliver Werner
  • Lara Favaretto:

    stellt am Ludgeriplatz gegenüber ein Denkmal für Kolonialkriegsopfer einen Spardosen-Monolithen für Flüchtlinge auf.

    Foto: Gerhard H. Kock
  • Hreinn Friðfinnsson:

    platziert auf einer Wiese im Sternbuschpark sein Edelstahl-Hausskelett.

    Foto: Wilfried Gerharz
  • Ludger Gerdes:

    hat 1989 über dem Ordnungsamt Marl das Leuchtschild „Angst“ anbringen lassen; bis zum 1. Oktober hängt es am Aegidiimarkt.

    Foto: Gerhard Kock
  • Pierre Huyghe:

    stellt die ehemalige Eissporthalle auf den Kopf für ein Habitat.

    Foto: Oliver Werner
  • John Knight:

    vermisst das neue Landesmuseum mit einer überdimensionierten Wasserwaage.

    Foto: Gerhard H. Kock
  • Justin Matherly:

    stellt den Nietzsche-Felsen in der Nähe des Hauptbahnhofs auf Gehhilfen und thematisiert dessen Erweckungserlebnis.

    Foto: Matthias Ahlke
  • Christian Odzuck:

    stellt eine dem Gebäude der Oberfinanzdirektion nachempfundene Architektur aus recyceltem Material der abgerissenen OfD auf die Brache.

    Foto: Gerhard H. Kock
  • Peles Empire:

    (Barbara Wolff, Katharina Stöver) machen den Archetyp des Prinzipalmarkt-Giebels gegenüber dem Aegidiimarkt begehbar.

    Foto: Gerhard H. Kock
  • Alexandra Pirici:

    lässt Tänzer im Friedenssaal Bewegungen zum Thema Frieden und Staaten aufführen.

    Foto: Oliver Werner
  • Mika Rottenberg:

    eröffnet gegenüber dem Gefängnis in einem ehemaligen Asia-Laden einen Asia-Laden mit Videos.

    Foto: Gerhard H. Kock
  • Xavier Le Roy mit Scarlet Yu:

    lassen Münsteraner in der Innenstadt pantomimisch Skulpturen darstellen, um mit Fremden ins Gespräch zu kommen.

    Foto: Gerhard H. Kock
  • Sany:

    (oder besser: Samuel Nyholm) zeigt seine fallenden Figuren als Brennmalerei auf Holz an mehreren Stellen in der City.

    Foto: Gerhard H. Kock
  • Gregor Schneider:

    hat im Landesmuseum die Wohnung von N. Schmidt eingerichtet.

    Foto: Henning Rogge
  • Thomas Schütte:

    zeigt auf dem ehemaligen Zoo-Gelände die Reinform des Tempels in Rostrot.

    Foto: Gerhard H. Kock
  • Nora Schultz:

    will mit Installation und Videos die Wucht der Architektur des neuen Landesmuseums brechen.

    Foto: Wilfried Gerharz
  • Emeka Ogboh macht die Weltmusik des in Münster begrabenen Komponisten Moondog im Hamburger Tunnel hörbar und ließ in Belgien Bier unter dem Einfluss von Musik aus Lagos brauen.

    Foto: Gerhard H. Kock
  • Michael Smith:

    lädt über 65-Jährige ein, sich kostengünstig Tattoos von Arbeiten internationaler Künstler stechen zu lassen.

    Foto: Martin Kalitschke
  • Hito Steyerl:

    stellt „Hell-YeahWeFuckDie“ als Leuchten in die LBS – Wörter, die in Popsongs der Gegenwart häufig sind – und thematisiert zudem, wie Menschen mit Robotern umgehen.

    Foto: Gerhard H. Kock
  • Koki Tanaka:

    zeigt in der Johannisstraße 18/20 Videos von Workshops mit Münsteranern, die darüber nachgedacht haben, wie Menschen zusammenleben und Unbekanntes teilen.

    Foto: Henning Rogge
  •  Oscar Tuazon:

    bereichert eine Industriebrache am Stadthafen mit einer Art öffentlichem Betonkamin.

    Foto: Gerhard H. Kock
  • Bárbara Wagner und Benjamin de Burca:

    singen in der Uralt-Disco „Elephant Lounge“ Schmalz-Schlager mit kritischen Texten: „Bye Bye Deutschland! Eine Lebensmelodie.“

    Foto: Matthias Ahlke
  • Cerith Wyn Evans kühlt eine Glocke von St. Stephanus auf Winter-Temperatur. Zu den üblichen Gottesdienstzeiten (samstags um 17 Uhr und sonntags um 10.30 Uhr) können die Menschen hören, ob dies einen Unterschied macht - und wenn welchen.

    Foto: Gerhard H. Kock
  • Hervé Youmbi:

    hängt zwischen die Bäume des alten Überwasserfriedhofs über die Bronzefiguren Masken, die Motive aus Afrika mit dem Horrorgesicht aus den „Scream“-Filmen kombiniert – ein Maskenball der besondern Art.

    Foto: Gerhard H. Kock
  • Gintersdorfer/Klaßen starten im Pumpenhaus ihre öffentlichen Performance-Proben „Erniedrigung ist nicht das Ende der Welt“. (Symbolfoto)

    Foto: pd

Was auffällt: Im Vergleich zu den früheren Jahren tummeln sich viele Künstler nahe am oder gar im Museum. Das liegt sicher auch daran, dass die Herrschaftlichkeit des Neubaus den kritische Geist provoziert. So versucht Nora Schultz mit Wackel-Videos und weichem Teppich die Monstrosität dieser architektonischen Modernität zu brechen und zu mildern.

Für – im Vergleich zu den Vorjahren – erstaunlich bis erschreckend viele Projekte gibt es Öffnungszeiten: Das ist der Art von öffentlichem Raum geschuldet. Bei der Unterwasserbrücke von Ayse Erkmen in Münsters Hafen ist es die Sicherheit, für die die Organisatoren Verantwortung tragen. Weil Wasser als öffentlicher Raum gefährlich ist. Bei vier Rettungsschwimmern lässt sich die Rundum-Sicherheit nicht Tag und Nacht gewährleisten. Installationen in der Diskothek „Elephant“ oder im Museum können dem Publikum nicht 24 Stunden zur Verfügung stehen.

Gut ein Drittel der Projekte hat eine performative Struktur. Dabei ist die Arbeit von Xavier Le Roy und Scarlet Yu zugleich interaktiv und subversiv: In Workshops wurden und werden Menschen ausgebildet, die sich im öffentlichen Raum pantomimisch als Skulptur zeigen sollen, um darüber mit Fremden ins Gespräch über Kunst und die Welt zu kommen.

Körper – Zeit – Ort: Das sind die drei großen Themen, die die beiden Kuratorinnen Britta Peters und Marianne Wagner vorgegebenen haben. Die finden sich zum Beispiel im schelmischen Tattoo-Angebot von Michael Smith: Über 65-Jährige dürfen sich kostengünstig ein Motiv stechen lassen. Das befragt das Verhältnis zum eigenen Körper, das Zeit-Verhältnis von Alter und Jugend, und es bringt Senioren an einen Ort, den sie vermutlich noch nie zuvor betreten haben: den Laden „Tätowiersucht“.

Ein weiteres Beispiel ist die Performance „Leaking Territories (Undichte Territorien)“ der Rumänin Alexandra Pirici. Die sechs Sänger und Tänzer verkörpern mal abstrakt das Nahen und Distanzieren oder bilden bekannte Szenen der Geschichte zum Thema Krieg und Frieden nach. Mit dem historischen Saal des Westfälischen Friedens finden körperliche und zeitliche Ausdrucksformen hier einen präzisen sowohl auratischen als auch authentischen Ort, um sich den schwierigen politischen Fragen zu widmen.

In dieser Performance ist ein zentraler Moment die konzentrierte Ruhe der Agierenden. Damit stehen sie symbolisch für den gesamten Ansatz der Skulptur-Projekte. Die sagen Nein zu Hektik und Informationsflut, versuchen, die Besucher nicht mit Kunst zu attackieren. Die überwiegende Zahl der Skulptur-Projekte ist ruhig und unaufgeregt. Zudem ist die Zahl von 35 überschaubar, so dass eben keine Gefahr der Reizüberflutung besteht. Und für ein bisschen Unterhaltung ist ebenfalls gesorgt, beim Barfuß-Kneipp-Gang über die Unterwasser-Brücke von Ayşe Erkmen.

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