Skulptur Projekte Auftakt der Ausstellung: Ist die Kunst noch öffentlich oder schon privat?

Münster -

„Tiefenbohrung“ nennt Kasper König die Skulptur-Projekte gerne. Weil diese Ausstellung nur alle zehn Jahre stattfindet und mithin Distanz zur Zeitgeschichte aufnehmen kann und will. Also kein Event und kein Skandal sein möchte.

Von Gerhard H. Kock
Performative Arbeiten wie die Performance „Leaking Territories (Undichte Territorien)“ der Rumänin Alexandra Pirici im Friedenssaal sind ein Schwerpunkt der Skulptur-Projekte 2017.
Performative Arbeiten wie die Performance „Leaking Territories (Undichte Territorien)“ der Rumänin Alexandra Pirici im Friedenssaal sind ein Schwerpunkt der Skulptur-Projekte 2017. Foto: Gerhard H. Kock

Im Mittelpunkt steht das Verhältnis von privatem und öffentlichem Raum und was die Kunst damit macht. Die Dekade macht Veränderungen deutlich. Und ein erster Blick auf die fünfte Ausgabe seit der Erfindung der Projekte im Jahr 1977 deutet an, auf was diese Tiefenbohrung stößt.

Das Private mischt sich mit dem Öffentlichen auf diffuse Weise. Es wird gleichsam unsichtbar, unfassbar, unangenehm. So implementiert Gregor Schneider in das öffentliche Landesmuseum eine Privatwohnung (erreichbar von außen über einen Notausgang), in der sich der Besucher wie ein Eindringling vorkommt. Das Private wirkt hier leer, kühl, aseptisch.

Was auffällt: Im Vergleich zu den früheren Jahren tummeln sich viele Künstler nahe am oder gar im Museum. Das liegt sicher auch daran, dass die Herrschaftlichkeit des Neubaus den kritische Geist provoziert. So versucht Nora Schultz mit Wackel-Videos und weichem Teppich die Monstrosität dieser architektonischen Modernität zu brechen und zu mildern.

Für – im Vergleich zu den Vorjahren – erstaunlich bis erschreckend viele Projekte gibt es Öffnungszeiten: Das ist der Art von öffentlichem Raum geschuldet. Bei der Unterwasserbrücke von Ayse Erkmen in Münsters Hafen ist es die Sicherheit, für die die Organisatoren Verantwortung tragen. Weil Wasser als öffentlicher Raum gefährlich ist. Bei vier Rettungsschwimmern lässt sich die Rundum-Sicherheit nicht Tag und Nacht gewährleisten. Installationen in der Diskothek „Elephant“ oder im Museum können dem Publikum nicht 24 Stunden zur Verfügung stehen.

Gut ein Drittel der Projekte hat eine performative Struktur. Dabei ist die Arbeit von Xavier Le Roy und Scarlet Yu zugleich interaktiv und subversiv: In Workshops wurden und werden Menschen ausgebildet, die sich im öffentlichen Raum pantomimisch als Skulptur zeigen sollen, um darüber mit Fremden ins Gespräch über Kunst und die Welt zu kommen.

Körper – Zeit – Ort: Das sind die drei großen Themen, die die beiden Kuratorinnen Britta Peters und Marianne Wagner vorgegebenen haben. Die finden sich zum Beispiel im schelmischen Tattoo-Angebot von Michael Smith: Über 65-Jährige dürfen sich kostengünstig ein Motiv stechen lassen. Das befragt das Verhältnis zum eigenen Körper, das Zeit-Verhältnis von Alter und Jugend, und es bringt Senioren an einen Ort, den sie vermutlich noch nie zuvor betreten haben: den Laden „Tätowiersucht“.

Ein weiteres Beispiel ist die Performance „Leaking Territories (Undichte Territorien)“ der Rumänin Alexandra Pirici. Die sechs Sänger und Tänzer verkörpern mal abstrakt das Nahen und Distanzieren oder bilden bekannte Szenen der Geschichte zum Thema Krieg und Frieden nach. Mit dem historischen Saal des Westfälischen Friedens finden körperliche und zeitliche Ausdrucksformen hier einen präzisen sowohl auratischen als auch authentischen Ort, um sich den schwierigen politischen Fragen zu widmen.

In dieser Performance ist ein zentraler Moment die konzentrierte Ruhe der Agierenden. Damit stehen sie symbolisch für den gesamten Ansatz der Skulptur-Projekte. Die sagen Nein zu Hektik und Informationsflut, versuchen, die Besucher nicht mit Kunst zu attackieren. Die überwiegende Zahl der Skulptur-Projekte ist ruhig und unaufgeregt. Zudem ist die Zahl von 35 überschaubar, so dass eben keine Gefahr der Reizüberflutung besteht. Und für ein bisschen Unterhaltung ist ebenfalls gesorgt, beim Barfuß-Kneipp-Gang über die Unterwasser-Brücke von Ayşe Erkmen.

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