Dirigierkurs des Deutschen Musikrats mit dem Sinfonieorchester Münster
„War da was falsch?“

Münster -

„Es gibt hier kein Abschlusskonzert und auch keine Konkurrenzsituation“, sagt Golo Berg zu den vier Nachwuchsdirigenten im Probenraum des Theaters, „Sie sollen hier möglichst viele Fehler machen, um daraus zu lernen.“ Und in Richtung des Orchesters fügt er hinzu: „Für Sie gilt das natürlich nicht!“ Gelächter.

Mittwoch, 13.06.2018, 16:02 Uhr

Generalmusikdirektor Golo Berg beobachtet die vier Kandidaten (von oben) Yu Sugimoto, Niklas Benjamin Hoffmann, Johannes Marsovszky und Seung Hyun Baek und gibt ihnen Ratschläge. Foto: Jürgen Christ

Die Atmosphäre wirkt gelöst beim Dirigierkurs, den das Dirigentenforum des Deutschen Musikrats nach langer Zeit mal wieder in Münster veranstaltet – unter Will Humburg hatte es schon eine ähnliche Veranstaltung gegeben, aus der die Dirigentin Judith Kubitz erfolgreich hervorging. Gleichwohl spürt man bei den vier jungen Musikern – Frauen sind diesmal nicht dabei – die Anspannung: Müssen sie doch einerseits dem Orchester ihre Vorstellungen vermitteln, sich aber andererseits von Münsters Generalmusikdirektor korrigieren lassen.

Golo Berg preist im Pausengespräch den Luxus eines solchen Kurses, weil die Nachwuchsdirigenten hier mit einem professionellen und in diesem speziellen Fall auch äußerst hilfsbereiten Orchester praktische Erfahrung sammeln können. Deshalb sollten auch die Instrumentalisten Kritik und Nachfragen äußern („Wollen Sie, dass wir genau auf den Schlag spielen?“).

Zumeist aber agiert Berg, der hinter den Bläsern sitzt oder steht, als Sprachrohr der Musiker: „Ich weiß, dass Sie mitatmen, aber das sehen wir hier nicht“, erklärt er dem jungen Johannes Marsovszky, der sich die Einleitung zum Finalsatz der ersten Brahms-Sinfonie vorgenommen hat. Und kurz darauf fragt er den in Hamburg studierenden Yu Sugimoto zum selben Stück: „Warum widmen Sie sich an der Stelle mit dem schönen Oboensolo den Bratschen – war da was falsch“? Die wunderbare Antwort kommt prompt von den Bratschisten: „Im Gegenteil, ausgerechnet da waren wir richtig!“

Verbale Vermittlung bei der Probe

Zehn bis zwölf solcher Kurse im Jahr für Orchesterdirigenten bietet der Deutsche Musikrat an, erklärt Projektleiterin Eva Pegel. Die Kandidaten müssen vor einer fünfköpfigen Jury bestehen, um – wie die vier Stipendiaten des münsterischen Kurses – in die erste Stufe der Förderung zu kommen. Nach zwei Jahren können sie sich für eine zweite Stufe qualifizieren, am Ende winken ein Abschlusskonzert und der Deutsche Dirigentenpreis – hier findet natürlich, wie im anschließenden Berufsleben, Konkurrenz statt.

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Yu Sugimoto, Niklas Benjamin Hoffmann, Johannes Marsovzky und Seung Hyun Baek (im Uhrzeigersinn von links oben) Foto: Jürgen Christ

Aber nicht beim Dirigierkurs in Münster. „Wir nehmen uns auch immer vor: Über Interpretationen wird hier nicht gesprochen“, stellt Golo Berg klar. Sondern vor allem darüber, was ein Dirigent in der Probe zu tun hat. Während ihm im Konzert allein die Körpersprache zur Verfügung steht, sollte der Dirigent bei der Probe den Musikern auch verbal vermitteln können, welche Vorstellungen er umsetzen möchte. „Ungestüme Lebensfreude“ etwa möchte der junge Dirigent Niklas Benjamin Hoffmann in Leonard Bernsteins „Candide“-Ouvertüre umsetzen und vom Orchester entsprechend „nach vorn“ gespielt haben. „Gefühl oder Tempo nach vorn?“, fragen die Blechbläser zurück. Und Seung Hyun Baek, der in Nürnberg studiert, wird stellvertretend für alle von Berg ermahnt: „Alles, was Sie zu sagen haben, ist wichtig – also sagen Sie es laut.“

Videoanalyse am Nachmittag

Münsters Generalmusikdirektor bestätigt, dass er in einem solchen Kurs keinen eigentlichen Dirigierunterricht geben will, sondern eher auf die Kommunikation mit dem Orchester abzielt. Und doch gibt es handwerkliche Tipps: „Schlagen Sie die Viertel in einer anderen Amplitude als die Achtel“, empfiehlt er einem Kandidaten, einem anderen rät er bei den rhythmischen Widerhaken der Bernstein-Ouvertüre: „Nehmen Sie eine Struktur heraus, die übersichtlich ist“ – also etwa eine Passage mit nur zwei Orchestergruppen anstelle des ganzen Ensembles – „und machen Sie daran Ihr Tempo klar.“

Drei Tage hatten die vier Teilnehmer für ihre Proben Zeit, am ersten „nur“ mit Klavier, am zweiten und dritten mit dem Sinfonieorchester. Neben der sofortigen Manöverkritik gab es jeweils nachmittags eine Videoanalyse. Heute hatten sie es geschafft – eine kleine, aber wichtige Stufe auf dem Weg zum Dirigentenberuf. Man darf gespannt sein, ob man einen von ihnen mal am Pult des Sinfonieorchesters Münster wiedersieht – im Großen Haus oder gar in einem neuen Konzertsaal.

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