Kulturporträt: Matthias Davids aus Münster
„Größtmögliche Qualität erreichen“

Münster/Linz -

„Das hat mich immer interessiert!“ Matthias Davids (55) lässt keinen Zweifel daran aufkommen, dass die Position, die er erreicht hat, einem erfüllten Traum gleichkommt. Der gebürtige Münsteraner, der 1983 am Paulinum sein Abitur ablegte, ist seit 2012 Künstlerischer Leiter der Sparte Musical am Landestheater Linz. Damit bekleidet er eine Position, die es sonst an keinem deutschsprachigen Theater gibt.

Freitag, 09.02.2018, 17:02 Uhr

Matthias Davids aus Münster: Vom Tänzer und Sänger zum gefeierten Musical-Regisseur und Leiter der Musicalsparte am Musiktheater in Linz.
Matthias Davids aus Münster: Vom Tänzer und Sänger zum gefeierten Musical-Regisseur und Leiter der Musicalsparte am Musiktheater in Linz. Foto: Peter Philipp

Vier bis fünf Produktionen stemmt Davids mit seinem ambitionierten Team pro Saison. Dass das Landestheater Linz über eine eigene Musicalsparte verfügt, hat einen Grund. Als die für gut 180 Millionen Euro errichtete Spielstätte am Volksgarten 2013 ihre Pforten öffnete, waren 1100 Plätze zu füllen, und da kam die Idee auf, dies neben Oper, Operette und Ballett auch mit einer Musicalsparte zu versuchen. Ein Versuch, der aufging, wie Matthias Davids betont. Die Auslastung dieser Sparte liegt bei 98 Prozent.

Matthias Davids’ künstlerische Wurzeln wurden in den 70er und 80er Jahren am Gymnasium Paulinum und der dortigen Theater-AG mit ersten Nährstoffen versorgt. Nach dem Abitur ging er auf Wanderschaft. „Man musste sich die Ausbildung damals etwas zusammensuchen“, so charakterisiert er seine Lehrjahre als Tänzer, Sänger, Student und Musicaldarsteller zwischen Hamburg, Amsterdam und dem Stadttheater Münster. 1987/88 wurde er „vom Fleck weg“ für die Berliner Kammerspiele engagiert. Am Saarländischen Staatstheater schuf er seine ersten Inszenierungen, die 1993/94 für den Durchbruch sorgten: „Fletsch“ (1993), „Snoopy – The Musical“ und die „Rocky Horror Show“ (1994). 1996 reüssierte er mit „ Sweeney Todd “ an den Städtischen Bühnen Münster. So ging das munter weiter: Nationaltheater Mannheim , Staatstheater Kassel, Musiktheater im Revier, Volksoper Wien. Apropos Volksoper: Die fällt Matthias Davids ein, wenn er an eines der nachdrücklichsten Erlebnisse zurückdenkt. Musical-Komponist Stephen Sondheim kam 2016 nach Wien und schaute sich sein Stück „Sweeney Todd“ in Davids’ Regie an – und war angetan, auch wenn Amerikaner mit europäischen Regie-Einfällen nicht immer etwas anfangen können.

Was ist in Österreich anders als in Deutschland? Matthias Davids hebt den Stellenwert der Kultur hervor. Während Theaterleute in Deutschland als arme Schlucker gelten und die annoncierte Mietwohnung sowieso nicht bekommen, sei die Reaktion in Österreich genau umgekehrt: „Sie sind am Theater? Ist ja hochinteressant. Ich habe drei Wohnungen. Welche möchten Sie?“ Ein Zeichen für die Wertschätzung, die man Künstlern entgegenbringe.

Matthias Davids pendelt zwischen Linz und Köln. Er spürt, dass es für seine Arbeit in Linz noch „Steigerungsmöglichkeiten“ gibt. „Wenn ich das Gefühl habe, ich werde zum Möbel, dann muss ich die Reißleine ziehen“, sagt der 55-Jährige, der seine Verträge immer nur um ein Jahr verlängert, was ihm Flexibilität ermöglicht.

Seine Sparte, das Musical, verteidigt er engagiert. Diese habe gewissermaßen die Operette abgelöst: „Grafen, die durchs Schlüsselloch gucken, sind ja wohl nicht der Hit.“ Am ehesten noch vergleicht Davids das Musical mit der Barockoper, die auch einen rein unterhaltenden Charakter für sich beanspruchte. Davids ist zugleich im klassischen Repertoire unterwegs. Im Herbst wird er an der Staatsoper Hannover ein selten gespieltes Werk von Jacques Offenbach in Szene setzen.

Den Traum von der Starkarriere, den junge Leute träumen, relativiert Davids: „Was bitte sind denn eigentlich Musical-Stars? Das ist wirklich harte Arbeit.“ Zur Zeit kämen vor allem Sängerinnen und Sänger aus den Niederlanden zum Vorsingen, da dort die Kulturbudgets schrumpften. „Von 600 Bewerbern laden wir vielleicht 120 ein, zwei bekommen die Rolle.“ Ziel: „Größtmögliche Qualität erreichen!“

Matthias Davids

Matthias Davids ist seit Dezember 2012 Künstlerischer Leiter der Sparte Musical am Landestheater Linz, die anlässlich der Errichtung des neuen Musiktheaters Linz gegründet wurde – eine bislang einzigartige Konstruktion an einem deutschsprachigen Theater. Mit zurzeit zehn fest angestellten Musicalsolisten, Kollegen anderer Sparten und Gastdarstellern werden jährlich mindestens vier Inszenierungen vom Klassiker bis zum modernen Rockmusical erarbeitet, dazu kommen Konzerte und Galaauftritte.

Neben seiner Tätigkeit in Linz inszeniert Davids an großen Theatern überall im deutschsprachigen Raum. Er erhielt den Österreichischen Musiktheaterpreis 2015 für „Sweeney Todd“ (Volksoper Wien) als beste Gesamtproduktion und den Deutschen Musicaltheaterpreis 2017 für die Uraufführung „In 80 Tagen um die Welt“.

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Fleiß und Disziplin sind für Davids zentrale Forderungen für Musicaldarsteller. So mancher habe sich schon im Rummel verzettelt, sein Honorar verbraten und die Stimme ruiniert. Typisch westfälisch: Matthias Davids ist, obwohl er die Glitzerwelt der Bühne kennt, als Münsteraner auf dem Teppich geblieben.

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