Die Apostelkirche steckt voller Geschichten von Krieg und Frieden Rätselhafte Reihen

Münster -

Die Apostelkirche scheint auf den ersten Blick nicht jene Opulenz vieler alter katholischer Kirchen aufzuweisen. An Geschichten indes ist sie nicht ärmer. „Vier Säulen für ein Halleluja“ fallen aus dem Rahmen, vier Evangelisten tanzen aus der Reihe, und es wimmelt von Vögeln, die kaum zu sehen sind.

Von Gerhard H. Kock
Die vier glatten Säulen (hinten) in der evangelischen Apostelkirche haben einen Protestanten feindlichen Bauherrn: „Bomben-Bernd“.
Die vier glatten Säulen (hinten) in der evangelischen Apostelkirche haben einen Protestanten feindlichen Bauherrn: „Bomben-Bernd“. Foto: Gerhard H. Kock

Die Apostelkirche scheint auf den ersten Blick nicht jene Opulenz vieler alter katholischer Kirchen aufzuweisen. An Geschichten indes ist sie nicht ärmer. „Vier Säulen für ein Halleluja“ fallen aus dem Rahmen, vier Evangelisten tanzen aus der Reihe, und es wimmelt von Vögeln, die kaum zu sehen sind.

Johannes (l.) und Markus

Dafür fallen rasch die Säulen auf. Auf der einen Seite sind sie „kantoniert“: Vier Säulchen im Quadrat fassen jeweils die dicke Säule ein. Schließlich gilt die Apostelkirche als erste rein gotische Hallenkirche in Westfalen. Aber: Die Säulen auf der anderen Seite sind simpel glatt. Daran sind die Franziskaner schuld und „Bomben-Bernd.“ Die Ordensleute mit dem konsequenten Armutsgelübde erbauen das Gotteshaus vor rund

Matthäus (l.) und Lukas schauen von links auf Jesus.

750 Jahren. Aber mit nur einem Seitenschiff im Süden, wo auch heute der Eingang ist. Vor genau 510 Jahren trifft sich das Provinzkapitel der Mönche. Das ist Anlass für eine Erweiterung: Es wird hinten eine ordentliche Ecke drangebaut. Warum das nördliche Schiff nicht gleich dem südlichen harmonisch angepasst wird? Ein Rätsel. Hinten dreischiffig, in der Mitte zweischiffig, die Chorraumwände unterschiedlich dick – für die Harmonie-Fans des Barock ein Graus. Daher lässt der päpstliche Abgesandte zu den Verhandlungen zum Westfälischen Frieden, Fabio Chigi , „Jammer und Klage“ hören, wünscht sich eine „ordentliche Proportion“ und verspricht wohl auch Besserung . . . Doch der persönliche Säckel des hohen Herrn öffnet sich nicht. Auch als Papst Alexander VII. bleibt Chigi das Einlösen schuldig.

Ausgerechnet Christoph Bernhard von Galen schafft Abhilfe. Mit „Mörsergranaten“ bombt er gegen die verhassten Calvinisten der Niederlande. Da die Münsteraner seine Kriege nicht mitfinanzieren wollen, belagert der Kanonenbischof selbst seine eigene Stadt. An seinem prachtvollen Grab im Dom steht: „Er hat Münster (zum Gehorsam) zurückgeführt.“ In der Apostelkirche baut der eifernde Katholik immerhin seine vier Säulen, die den Bau nun harmonisch werden lassen. Ein Wappenstein des Fürstbischofs an der Ostwand „singt“ bis heute ein Halleluja auf ihn. Die Apostelgemeinde platziert 1998 zur 350-Jahr-Feier des Westfälischen Friedens darunter gleichsam als Ausgleich einen Friedenssandstein des Bildhauers Ulf Lebahn mit 1001 Mal dem Wort „Friede“.

In den Glasfenstern sind viele Vögel versteckt.

Ungünstig verortet sind heute die Holztafeln von Aloys Röhr. Jesus und seine vier Evangelisten gehören an die frühere Kanzel. Seit wann? Nach dem Zweiten Weltkrieg wird vermutet.

Doch dann ersteigert Dr. Ulrich Bartels bei Ebay das Foto der Hochzeit eines Offiziers der Waffen-SS in der Apostelkirche. Das Foto von 1940 zeigt, dass bereits an der Holzkanzel von 1937 die Holzreliefs hängen. Der Widerständler Röhr (er weigert sich, in die Nazipartei einzutreten) hinterlässt ein Rätsel: Der meisterhafte Holzschnitzer wählt die Reihenfolge Matthäus, Lukas, Johannes und Markus. Üblich wird „historisch“ geordnet: „Mt-Mk-Lk-Joh“ (wobei heute das Markus-Evangelium als das älteste gilt). Aber auch die „apostolische“ Reihe gibt es: Matthäus und Johannes als Apostel zuerst, Lukas und Johannes als Apostelschüler schön dahinter. Das alles ist arg lange her. Perfekt für schriftgelehrte Debatten. Immerhin: Johannes ist stets der Jüngste, sein Evangelium ist das „neuste“, höchst eigenständig und meditativ. Sein Symbol ist der Adler.

Ein Bogenschütze zielt auf das Nest mit der Henne und ihren Küken.

An Vögeln mangelt es in der Apostelkirche nicht. In den wertvollen Gewölbemalereien (entdeckt 1936, keine zehn Jahre später durch Krieg fast vernichtet) findet sich gar eine komplette Hühnerfamilie mit Gockel, Henne und Küken. Beliebt sind die drei Fenster von Paul Weigmann, denn der Glaskünstler hat in dem floralen Wimmelbild zahlreiche Vögelein versteckt: Felizitas und Ulrich Bartels sind bislang auf 18 gekommen . . .

Der Hahn kräht auf dem leeren Nest, und Fortuna dreht das Rad.

Zum Thema

Vom 9. bis 13. Mai findet in Münster der 101. Katholikentag statt. Die Westfälischen Nachrichten nehmen dies zum Anlass, sich von Kunst in Kirchen zu Geschichten inspirieren zu lassen. | Wird fortgesetzt

Leserkommentare
http://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/5420323?categorypath=%2F2%2F84%2F61%2F92%2F646285%2F