„Andorra“ von Max Frisch in Münsters Kleinem Haus
Eine Zombie-Gemeinschaft

Münster -

Das Mädchen Barblin muss weißeln. Nicht nur, weil der Sanktgeorgstag bevorsteht, sondern aus Prinzip. Die geweißelten Häuser symbolisieren die sprichwörtliche Weiße Weste des Kleinstaats Andorra – den Max Frisch symbolisch als Mini-Biotop wählte, in welchem Selbstgefälligkeit, Feigheit und Diskriminierung wie Unkraut wuchern. Mit dieser zeitlosen Parabel kam Frisch in die Schulbücher; und genau das ist das Problem.

Dienstag, 26.12.2017, 16:12 Uhr

Andri (Garry Fischmann, M.) ist ein Außenseiter in der Gemeinschaft. Seine Schwester Barblin (Natalja Joselewitsch, l.) weißelt unermüdlich die Häuser (daneben Christian Bo Salle, Jonas Riemer, Ilja Harjes, Gerhard Mohr und Bálint Tóth).
Andri (Garry Fischmann, M.) ist ein Außenseiter in der Gemeinschaft. Seine Schwester Barblin (Natalja Joselewitsch, l.) weißelt unermüdlich die Häuser (daneben Christian Bo Salle, Jonas Riemer, Ilja Harjes, Gerhard Mohr und Bálint Tóth). Foto: Oliver Berg

Soll man diese Zeitlosigkeit der Diskriminierung betonen, die Frisch 1961 verständlicherweise am Antisemitismus festmachte? Oder soll man auf ähnliche Ausgrenzungen Bezug nehmen – die dann unweigerlich den thematischen Kern beschädigen würden? Ein Dilemma, das auch die Inszenierung von Laura Linnenbaum (erstmals am Theater Münster ) nicht auflöst. Sie punktet jedoch mit ästhetischer Stringenz und pendelt überzeugend zwischen Kälte und Sarkasmus. Diese Kälte ist in der weißen Fassade Andorras bereits angelegt (Bühne: David Gonter). Die Scheinwerfer wechseln nur zwischen eisig und steril. Auch die Gesichter sind leichenweiß, lassen die Andorraner wie eine Zombie-Gemeinschaft wirken. Und wenn sie gleich einer stummen Beerdigungs-Kapelle vor der Bühne vorbeihumpeln, ist die tödliche Metapher klar: Andorra – „The Walking ­Dead“.

„Du sollst dir kein Bildnis machen“ lautet der quasi-religiöse Appell. Denn hier wird psychologisch vorgeführt, wie Außenseiter oft jenes Bild verinnerlichen, das die Mehrheit von ihnen zeichnet. So erkennt auch die Hauptfigur Andri ( Garry Fischmann ) Stück für Stück bei sich selbst jene antisemitischen Klischees, die man ihm seit der Kindheit unterschiebt: Etwa die Geldgier oder das „mangelnde Gemüt“. So wird sein Wunsch, Tischler zu werden, mit rassistischer Nonchalance abgewehrt („wenn’s einer nicht im Blut hat“). Dass Andri in Wahrheit gar keiner „von denen“ ist, sondern ein verheimlichter Fehltritt seines Vaters, ist mehr als eine bittere Pointe.

Andri ist mit Garry Fischmann auf den Punkt besetzt. Ein ängstlicher Rebell, der irgendwo zwischen Shylock und James Dean seinem Ende zusteuert. Ein Bündel Angst ist auch sein Vater, dem Frank-Peter Dettmann ein berührendes Fünkchen Würde lässt. Jonas Riemer (der Soldat) und Ilja Harjes (der Wirt) glänzen als Fieslinge, während Natalja Joselewitsch (Andris Schwester Barblin) melancholisch die Schablonenhaftigkeit der Andorraner durchbricht.

Und der Antisemitismus? Max Frisch wurde durchaus zu Recht vorgeworfen, dessen ureigenes Wesen zu verwässern. So liest am Ende jeder aus „Andorra“, was ihm beliebt. Jene, die eben noch vor dem Brandenburger Tor Israel-Fahnen verbrannten, dürften sich jedenfalls kaum gemeint fühlen.

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