Hito Steyerl thematisiert in der Kunsthalle Münster Macht und Ohnmacht
Freiheit in Fesseln

Münster -

In der „MeToo“-Debatte über Übergriffe gegen Frauen geht es nicht um Sex, es geht um Macht. Männliche Macht. Und weibliche Ohnmacht der vergangenen Jahrzehnte. Das Video „Love­ly Andrea“ (2007) nimmt nicht dezidiert Männer in den Blick, es fasst das Thema weiter, politischer. Hito Steyerl beschäftigt sich darin mit einer persönlichen Suche, die sich in und zwischen klebrigen Netzen aus intimen und weltpolitischen Welten bewegt.

Freitag, 22.12.2017, 07:12 Uhr

Hito Steyerl geht in ihrem Video „Lovely Andrea“ (2007) ihrer eigenen Vergangenheit nach und verknüpft sie mit politischen und gesellschaftlichen Fragen. Die Antwort auf die Frage eines Mannes, worum es in ihrem Film geht, bleibt sie schuldig.
Hito Steyerl geht in ihrem Video „Lovely Andrea“ (2007) ihrer eigenen Vergangenheit nach und verknüpft sie mit politischen und gesellschaftlichen Fragen. Die Antwort auf die Frage eines Mannes, worum es in ihrem Film geht, bleibt sie schuldig. Foto: Hito Steyerl

In der „MeToo“-Debatte über Übergriffe gegen Frauen geht es nicht um Sex, es geht um Macht. Männliche Macht. Und weibliche Ohnmacht der vergangenen Jahrzehnte. Das Video „Love­ly Andrea “ (2007) nimmt nicht dezidiert Männer in den Blick, es fasst das Thema weiter, politischer. Hito Steyerl beschäftigt sich darin mit einer persönlichen Suche, die sich in und zwischen klebrigen Netzen aus intimen und weltpolitischen Welten bewegt. Im Rahmen der Ausstellung „Beyond Future Is Past“ in der Kunsthalle Münster ist der halbstündige Film zu sehen.

Steyerl nimmt in „Lovely Andrea“ einen Faden aus ihrer Vergangenheit auf und entwirrt ein wenig einen scheinbar unlösbaren Knoten. Als junge Studentin wurden Ende der 80er Jahre Bondage-Fotos von ihr gemacht. Gefesselt trug sie damals das Pseudonym „An­drea“. Eine Anspielung auf Andrea Wolf. Mit ihrer besten Freundin drehte Hito Steyerl in den 80ern auf Super-8-Material einen feministischen Martial-Arts-Film. Wolf spielte darin die Hauptrolle einer kämpferischen Frau in Lederkluft und mit Motorrad. Später ging Wolf zur PKK, um gegen die Unterdrückung der Kurden durch den türkischen Staat zu kämpfen. Dabei wurde Andrea Wolf getötet.

Wenn das der Anfang ist, ist Asagi Ageha der Neuanfang. Die junge Japanerin begleitet Steyerl auf der unmöglichen Suche nach ihrem pornografischen Bild von vor drei Jahrzehnten in Bondage-Studios von heute, wo Frauen sich für Fotos fesseln lassen, und in ein Sex-Archiv, wo die beiden unter erschreckenden Massen an solchen Heften tatsächlich die Fotos von damals finden. In diese Film-Reportage grätschen sich immer wieder kommentierende Bilder und Pop-Songs.

Bilder wie das World Trade Center vor dem Anschlag, Nähstuben voller schuftender Frauen, gefesselte Gefangene aus Guantanamo und das demütigende Folterbild aus Abu-Ghuraib; Songs wie „Master and Servants“ von Depeche Mode oder „Shame, Shame, Shame“ von Shirley and Company machen aus der persönlichen Geschichten Steyerls eine politische Sache vom Verhältnis der Mächtigen zu den Ohnmächtigen – mit viel Witz von Ironie bis Sarkasmus.

Ihre Reise-Begleiterin Ageha entpuppt sich als Künstlerin, die sich selbst gerne fesselt und zeigt: „Es ist wie fliegen“, ein „Gefühl von Abhängigkeit und Unabhängigkeit zur selben Zeit“. So hatte sich Friedrich Wilhelm Weber das Verhältnis von Freiheit und Fessel nicht vorgestellt, als er 1878 schrieb: „Freiheit sei der Zweck des Zwanges, / Wie man eine Rebe bindet, / Dass sie, statt im Staub zu kriechen, / Froh sich in die Lüfte windet.“ Das halbstündige Video endet immerhin komisch hoffnungsvoll mit einer Spider-Woman, die sich von Fesseln befreit. Und Hito Steyerls Antwort auf die Frage, ob sie Feministin sei, ist: „Ja!“.

Das britische Kunstmagazin „ArtReview“ hat Hito Steyerl 2017 zur derzeit einflussreichsten Persönlichkeit im internationalen Kunstbetrieb gekürt. Eine internationale Jury wählte die deutsch-japanische Künstlerin auf Rang eins der Rangliste „Power 100“. Die erste Frau auf diesem Platz. Bei den Skulptur-Projekten 2017 zeigte Steyerl ihre Installation „HellYeahWeFuckDie“ in der LBS.

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Das Video ist bis zum 4. Januar werktags von 14 bis 19 Uhr in der Kunsthalle, Am Mittelhafen 28, zu sehen. Geschlossen am 24., 25. Dezember und 1. Januar; am 26. und 31. Dezember geöffnet von 12 bis 18 Uhr. Ab 5. Januar ist dort „Maria Theresia und ihre 16 Kinder“ von Ulu Braun und Roland Rauschmeier zu sehen. Der Video-Reigen der Ausstellung endet am 10. März.

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