Fulminantes Gesprächs-Konzert „Doktor Faustus“ im Theater
Manns Beethoven

Münster -

„Der gespenstische Grundton meines Lebens“ – so bezeichnete Richard Wagner die reinen Quinten aus dem Beginn von Beethovens Neunter. Schon als 17-Jähriger hatte er eine Klavierfassung zu vier Händen erstellt. Sein Auszug für zwei Hände wurde vom Schott-Verlag nicht gedruckt und ruhte bis 1990 im Verborgenen. Nun lag er im Kleinen Haus auf dem Flügel. Was Pianist Gerold Huber aus dem Elfenbein streichelte, war in Deutschland noch nie zu hören gewesen.

Mittwoch, 20.12.2017, 23:12 Uhr

Unter den Augen von Thomas Mann: Dieter Borchmeyer (l.) und Gerold Huber, der die letzten zwei Beethoven-Sonaten spielte und eine deutsche Uraufführung von Richard Wagners Klavierauszug der Neunten.
Unter den Augen von Thomas Mann: Dieter Borchmeyer (l.) und Gerold Huber, der die letzten zwei Beethoven-Sonaten spielte und eine deutsche Uraufführung von Richard Wagners Klavierauszug der Neunten. Foto: Arndt Zinkant

Gern hätte man von dieser Rarität mehr vernommen als ein paar Minuten des Adagios. Aber wer einen Pianisten vom Range Hubers zu Gast hat, ist andererseits gut beraten, ihn die enigmatischen letzten Sonaten Beethovens (Opus 110 und 111) spielen zu lassen. Speziell um die letzte geht es in Thomas Manns Roman „Doktor Faustus“, dem bedeutendsten Musikroman der Weltliteratur, wie Prof. Dr. Dieter Borchmeyer betonte. Borchmeyer setzte nicht nur wissenschaftlich präzise, historische Schlaglichter auf dieses Werk – der Germanist rezitierte auch auf hohem Niveau aus den „Beethoven-Passagen“, ohne im episch gedehnten Satzgefüge Manns zu verstolpern. Ein fulminantes Gesprächs-Konzert, wie man es nur selten erlebt.

Dreh- und Angelpunkt des Abends waren jene Beethoven-Betrachtungen, die die Romanfigur Wendell Kretzschmar (musikalischer Mentor der Hauptfigur Leverkühn) mit Pomp und Pathos in Szene setzte. Speziell ging es um das Arietta-Thema der letzten Klaviersonate, gedeutet als musikalische Ausformung von „Liebesleid“ oder „Wiesengrund“ – als inniger Abschied von der Klaviersonate, ja des Lebens überhaupt. Borchmeyer schlüpfte mit Worten in die Rolle des flammenden Redners Kretzschmar, Gerold Huber tat es mit Tönen.

Überhaupt waren Gerold Hubers Beethoven-Deutungen voll von kernigem Brio und, wo nötig, singendem Anschlag. Ein traditionsbewusster Ansatz, wie er zum intellektuell schwer beladenen Meisterroman passte. Den hatte Germanist Borchmeyer zu Anfang geistesgeschichtlich eingeordnet. Denn natürlich ist der Teufelspakt des kalten Tonkünstlers Adrian Leverkühn als urdeutscher Teufelspakt und Nazi-Allegorie deutbar. Andererseits: „Es ist ein Künstler-, kein Deutschlandbuch.“ Außerdem trage die bereits 1904 konzipierte Hauptfigur kosmopolitische Züge. „Und wie sollte eine Schönberg-Allegorie das fanatische Deutschland symbolisieren?“

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