Professor Ulrich Rademacher zieht Bilanz
„Musik überwindet Grenzen“

Münster -

Vor wenigen Tagen ist der langjährige ­Direktor der Westfälischen Schule für Musik, Prof. Ulrich Rademacher (65), mit einem Festakt in den Ruhestand verabschiedet worden. Im Gespräch blickt er auf Höhepunkte seiner Amtszeit zurück und zeigt Perspektiven für Musik und Kulturarbeit auf.

Mittwoch, 20.12.2017, 17:12 Uhr

Prof. Ulrich Rademacher (r.) im Gespräch mit dem damaligen Bundespräsidenten Joachim Gauck im Rahmen des Bundeswettbewerbs „Jugend musiziert“.
Prof. Ulrich Rademacher (r.) im Gespräch mit dem damaligen Bundespräsidenten Joachim Gauck im Rahmen des Bundeswettbewerbs „Jugend musiziert“. Foto: privat

Mit welcher Grundstimmung sind Sie in den ­Ruhestand gewechselt?

Ulrich Rademacher : Mit Dankbarkeit und auch Leichtigkeit. Ich hinterlasse Schule und Kollegium in einem sehr lebendigen Zustand. Die Stadt hat sich enorm um eine gute neue Leitung bemüht und mit Friedrun Vollmer eine optimale Nachfolgerin bestellt.

Welche Marksteine aus 28 Jahren Musikschularbeit sind für Sie wichtig?

Rademacher: Wir haben bereits 1989 mit dem Jugendsinfonieorchester den Grundstein für eine erfolgreiche Ensemblearbeit gelegt, die dann etwa mit der Big Band, dem Jugendkammerorchester oder dem Barock-Ensemble fortgeführt wurde. Ein Meilenstein war zweitens die Gründung des Projektbereiches, der mit seinen Kursen und Workshops neue Zielgruppen erschließt. Drittens: Das in seiner Startphase durch das Land geförderte Projekt „JEKISS“ (Jedem Kind seine Stimme) war ein Erfolgsmodell, heute wird „JEKISS” in vielen Städten Deutschlands, Österreichs und der Schweiz praktiziert. Viertens möchte ich die gegründete „Jugendakademie“ als probaten Förderungsrahmen zwischen Musikschule und Musikhochschule erwähnen. Generell ist zu sagen: Wir waren und sind als Musikschule durchaus leistungsorientiert, sehen unsere Ausbildung aber immer ganzheitlich: Was bringt die Musik dem Menschen? Wie kann Musik Menschen beleben und bewegen?

Sie sind sicher kein Mann und Musiker für den Ruhestand. Also: Wie geht es für Sie nun weiter?

Rademacher: Ich fühle mich fit, freue mich daran, etwas zu gestalten und verstehe mich dabei als Netzwerker. Es geht darum, Politiker und Wirtschaftsleute davon zu überzeugen, wie wichtig Musik und musikalische Bildung sind. Als Präsident des Verbandes deutscher Musikschulen und als Vorsitzender von „Jugend musiziert” spreche ich mit Entscheidungsträgern von Bund, Ländern und Gemeinden. Ich möchte Verständnis für Musik und ein Bewusstsein für Musik als Muttersprache, „Grundnahrungsmittel“ und Teilhabe-Voraussetzung wecken bis hin zur konkreten Frage, welchen Typus an Musiklehrern wir heute brauchen.

Ist Musik eigentlich politisch und gesellschaftlich als zentrales Bildungsgut anerkannt?

Rademacher: Es gab Rückschläge durch Pisa-Studien, die häufig die technisch-naturwissenschaftlichen, mithin die direkt verzweckbaren Fächer ins Zen­trum rücken. Uns als Musiklehrern geht es darum, zu verdeutlichen, dass Musik nicht nur eine bestimmte Fertigkeit vermittelt, sondern auch die Fähigkeit, sich emotional auszudrücken und Grenzen zu überwinden. Menschen sollten Musik nicht einfach stumpf konsumieren, sondern sie aktiv gestalten und damit auch Völkerverbindendes schaffen. Wir haben als Musikschule Münster mit unseren Ensembles Brücken zu vielen Partnerstädten Münsters geschlagen. Ich erinnere mich lebhaft an das Jahr 1990 und den Tag der Deutschen Einheit, als wir mit dem neu gegründeten Orchester der Musikschule in San Francisco gastierten und mit großer Resonanz im Westen der USA als deutsche Kulturbotschafter wahrgenommen wurden.

gab es viele Diskussionen

Rademacher: Der derzeitige Zustand – in Deutschland wird etwa die Hälfte des Musikschulunterrichtes durch Honorarkräfte erteilt – ist ein Skandal und nicht haltbar. Wenn wir so weitermachen, wird es in zehn Jahren keine Musikschulen mehr geben. Ich sage das nicht als Möchtegern-Gewerkschaftler sondern aus berechtigter Sorge. Die Zahl der Studierenden, die Musiklehrer werden möchten, geht stetig zurück, weil sich längst herumgesprochen hat, dass viele von diesem Beruf nicht leben können. Das ist kein Zustand. Wir müssen dahin kommen, dass 80 Prozent der Musikschullehrer fest angestellt werden, sonst geht der Berufsstand kaputt und wir werden in spätestens zehn Jahren ein Desaster erleben. Ich sage den kommunalen Trägern stets: Ihr müsst jetzt etwas ändern, sonst gibt es die Musikschulen bald nicht mehr.

Auf Landes- und Bundesebene scheinen Kultur­themen verstärkt auf die bedeutungsschwerere Ministerebene zu wandern . . .

Rademacher: Ich bin zunächst bis 2021 ins Präsidium des Deutschen Musikrates gewählt. Und da geht es eben auch um die „Meta-Themen“, etwa die Aus­stattung der Hochschulen oder die auswärtige Kulturpolitik. Wir haben als Musikrat auch dafür geworben, die Musikschulen mit mindestens 80 Prozent fest angestellter Lehrkräften auszustatten. Mit Monika Grütters aus Münster haben wir bislang eine hervorragende Vertreterin in der Bundeskulturpolitik. Aus Sicht des Musikrates wäre es vorteilhaft, wenn bei aller Wertschätzung des föderalen Gedankens auch der Bund einfacher und direkter in die Kulturförderung einsteigen könnte und nicht nur über komplizierte und kurzlebige Projekte.

Was wird sich musikalisch in Münster tun – auch hinsichtlich eines neuen Raumes für die Musik?

Rademacher: Der Stadt bleibe ich mit Freude verbunden, speziell über den Auftrag, 2019 das gemeinsame 100-jährige Bestehen von Sinfonieorchester, Musikhochschule und Musikschule vorzubereiten. Wir wollen das zum Beispiel mit gemeinsamen Konzerten und einer Auftragskomposition so feiern, dass die Bedeutung von Kultur und Musik in Münster ganz deutlich wird.

Wie stehen Sie zu den ­Plänen für einen Musik-Campus, auch im Hinblick auf die lange schwelende Musikhallen-Debatte?

Rademacher: Die Qualität eines solchen Projekts ist nicht allein abhängig vom Standort. Entscheidend ist die akustische und künstlerische Ausstrahlung eines solchen Raumes. Es hat sich in anderen Städten gezeigt, dass sich Stadtteile um ein solches Projekt herum oft enorm weiterentwickeln, und das zuweilen schneller als ein Konzerthaus, ein Musikquartier oder ein Musikcampus selbst. Aber über den geeigneten Standort müssen letztlich Städteplaner entscheiden. Entscheidend ist für mich, dass Sinfonieorchester, Musikhochschule und „Westfälische Schule für Musik ihr Synergiepotenzial ausschöpfen können und so zu einem bundesweit einmaligen Powerpaket zusammenwachsen.

Anzeige
Anzeige
http://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/5372389?categorypath=%2F2%2F84%2F61%2F92%2F646285%2F
„Frau wäre fast unter Auto geraten“
(Symbolbild)
Nachrichten-Ticker