Kammer-Operette stellte im Theater das hundertjährige „Schwarzwaldmädel“ vor Das alles macht die Koketterie

Münster -

Früher, als die Welt noch in Ordnung war, boten regnerische Novembersonntage Gelegenheit zu perfekter Ablenkung durch sonnige Fernsehfilme. „Das Schwarzwaldmädel“ war einer von denen: bunt, sorglos, krisenfest und mit todsicherem Happy End. Auch die Vorlage (Leon Jessels 1917 uraufgeführte Operette) hielt sich ewig im Repertoire, die Kammer-Operette Münster bewies am Sonntagnachmittag im U2 des Theaters mit Witz und Verve deren Unverwüstlichkeit.

Von Günter Moseler
Die Kammer-Operette Münster präsentierte im U2 stimmlich fulminant und darstellerisch unprätentiös den Operetten-Klassiker „Schwarzwaldmädel“.
Die Kammer-Operette Münster präsentierte im U2 stimmlich fulminant und darstellerisch unprätentiös den Operetten-Klassiker „Schwarzwaldmädel“. Foto: Günter Moseler

Im Bühnenhintergrund frohlockten Kuckucksuhr und das Kneipenwappen „Zum Blauen Ochsen“, ein paar malerische Gartenstühle nebst Tisch und Bank komplettierten die Szenerie. Schon betrat Domkapellmeister Blasius Römer ( Lars Hübel ) die Szene, Stift und Notenblatt zur Hand für die neueste Choralmelodie, die ihm Christiane Alt-Epping wahlweise am Klavier oder an der Hammondorgel zuspielte.

Bald stürmt Hausmädchen Bärbel (Carmen Finzel) mit Wäschekorb herein, bald liegen sich beide (fast) in den Armen – Operette ist eine umstandslose Kunstform. Im „Blauen Ochsen“ geht’s zu wie im Taubenschlag, trudeln die Youngster Richard (Juan Sebastián Hurtado Ramírez) und Hans (Oliver Schwentke) ins Haus – letzterer auf der Flucht vor der nymphomanen Geliebten Malwine (Gerlind Hofmann). Dann tauchen der schüchterne Theodor (Christian-Kai Sander) auf und der türkische Kunstfleisch-Fa­brikant Schah (Şahismail Doğan) ab. Hormonschübe lenken die Handlung in jede Himmelsrichtung: Malwine bezirzt im hellsten Dur die Männerwelt, Bärbel liebt Blasius, eigentlich aber Hans, Wirt Jürgen (Manfred Post) sieht alles „vis-a-vis“, seine Tochter Lore (Maria Grabenbauer) liebt – vielleicht – Theodor, Blasius’ Cousine Hanna (Dorothea Raspe) vielleicht noch jemand anderen . . .

Im spartanischen Interieur präsentierten sich alle Beteiligten stimmlich fulminant, darstellerisch unprätentiös. Die Option der Operette, gesellschaftlichen Regelbruch als letztlich folgenloses Amüsement zu deuten und neben Libertinage auch Toleranz zu statuieren, wurde mit subversivem Charme ausgespielt. „Lockende Augen / Setzen das Herz in Brand / Das alles, alles macht sie / die Koketterie“, gurrt Malwine und Senor Ramirez schien unter Frau Hofmanns Flammenblick selig zu verglühen. Szenenapplaus, Heiterkeit und Kommentare aus dem Publikum: „Oooch, der Ärmste“, rief jemand, als Hans von Hanna abserviert wird: „Zu küssen, das schätzen wir hier nicht“. Froh gestimmt wandte man sich gen Heimweg, als seien Tod und Teufel ein Märchen ohne Moll und das ewige Leben in greifbarer Nähe: Ein Hauch von Paradies über den Possen des Alltags.

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Nächste Termine: 19. November und 3. Dezember um 15 Uhr. Karten: ' 5 90 91 00.

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