„Baroque Blues“ bei Schoneberg Fetziger Brasilianer namens Bach

Münster -

Was hat Johann Sebastian Bach mit dem Tango zu tun? Oder Georg Friedrich Händel mit dem Blues? Vordergründig erst einmal nichts. Auf den zweiten Blick dann aber schon – jedenfalls für Eckart Runge und Jacques Ammon. Wenn die beiden Musiker wie jetzt beim Schoneberg-Konzert der fast schon aristokratischen Barockmusik fetzige Klänge von George Gershwin und Astor Piazzolla an die Seite stellen, hat das schon Sinn. Weil sich Letztere ebenso wie etwa Heitor Villa-Lobos in der Werkstatt der Barockkomponisten umgesehen und daraus Inspiration für ihre eigene Musik bezogen haben.

Von unseremMitarbeiterChristoph Schulte im Walde

Genau zwischen diesen weit auseinanderliegenden Polen vermitteln Runge und Ammon , bauen interessante, spannende Brücken – und nennen das Ganze „Baroque Blues“! Und auf einmal gerät der Konzertsaal in Schwingung, entsteht das, was die Jazzer „Groove“ nennen: ein Sog, dem sich niemand entziehen kann. Nicht in Piazzollas „Milonga del Angel“, nicht in den wie improvisiert wirkenden Ideen, die der großartige Chick Corea sich hat einfallen lassen zu dem weltberühmten Gitarren-Konzert („de Aranjuez“) von Joaquin Rodrigo. Eckart Runges Violoncello versprüht einen satten, glutvollen Ton, Jacques Ammon liefert auf dem Klavier minimalistisch angehauchte Bewegung und erweist sich als genialer Meister unendlicher Zwischentöne. Das hat Temperament, nicht minder jene Takte aus der Feder des Franzosen Biréli Lagrène.

Die Begegnung mit dem Duo Runge & Ammon fasziniert, weil sie in jedem Moment überrascht. So kon­trastieren sie eine Bachsche Gambensonate mit brasilianisch gefärbtem Flair (Villa-Lobos) oder dem hoch komplexen und absolut jazzigen Pseudo-Walzer des Russen Nikolai Kapustin. Für diesen 1937 geborenen Komponisten brachen Runge und Ammon schon vor knapp vier Jahren beim Schoneberg-Konzert eine Lanze. Völlig zu Recht.

Außerdem erweist sich Eckart Runge als charmanter Moderator, der locker und witzig durchs Programm führt. Auch das macht „Ba­roque Blues“ so ansteckend. Risiken und Nebenwirkungen bei Einnahme dieses Partituren-Cocktails halten sich in Grenzen, garantiert. Das eher auf Klassik ausgerichtete Schoneberg-Publikum jedenfalls reagierte mit großer Begeisterung und bekam dafür zwei Zugaben.

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