Aufregend zeitgemäß: Shakespeares „Kaufmann von Venedig“ in Münster Hass ist eine komische Sache

Münster -

„Wenn ihr uns stecht, bluten wir nicht? Wenn ihr uns kitzelt, lachen wir nicht?“ Die Rede des ­Juden Shylock ist eine ­Text-Ikone des Theaters. Weil sie nicht nur erklärt, warum jemand die gleichen Rechte für sich beansprucht wie seine Unterdrücker. Sondern auch deutlich macht, woraus er seine schreck­lichen Rachegelüste nährt.

Von unseremRedaktionsmitgliedHarald Suerland
Der Richter (Sandra Bezler, l.) hat in Anwesenheit des Dogen (Carola von Seckendorff) Recht gesprochen: Shylock (Christoph Rinke) darf das Fleisch Antonios (Christian Bo Salle) herausschneiden. Aber nicht sein Blut vergießen.
Der Richter (Sandra Bezler, l.) hat in Anwesenheit des Dogen (Carola von Seckendorff) Recht gesprochen: Shylock (Christoph Rinke) darf das Fleisch Antonios (Christian Bo Salle) herausschneiden. Aber nicht sein Blut vergießen. Foto: Oliver Berg

In Münster lässt Regisseur Stefan Otteni diesen Text in einem kühnen Coup von einer anderen Figur herausschleudern. Unter den Freiern der schönen Portia nämlich gibt es den Prinzen von Marokko. Und der räsoniert beim Test, den Portia allen auferlegt, so ausdauernd in arabischer Sprache über die Lösung, dass er sich aggressive Zwischenrufe aus dem Parkett einfängt: „Sprechen Sie Deutsch!“ Darstellerin Zainab Alsawah wechselt flink zwischen beiden Sprachen hin und her, um dann dem Tumult wuchtig mit einer Variante von Shylocks Rede zu begegnen: „Der Moslem. Hat nicht ein Moslem Augen . . .“ Doch damit nicht genug: Carola von ­Seckendorff, die mit Würde ihre große Gewissens-Rolle als omnipräsente „Doge von Venedig“ und „Liebe“ spielt, wirft den Zwischenrufern eine flammende Toleranz­rede an den Kopf: „Wonach ihr schreit, zerstört ihr ge­rade selbst: den Frieden!“ Was einen aufgebrachten Herrn in Reihe 2 Richtung Ausgang stürmen lässt.

Otteni hat dieses verbale Gemetzel mit Shakespeares kürzlich aufgetauchter Szene „Die Fremden“ in den „Kaufmann von Venedig“ ein­gefügt und so glänzend inszeniert, dass man sich in einem echten Tumult wähnt. Zudem verzahnt er die beiden eher schwach verbundenen Handlungsstränge des Stücks: Die Komödienhandlung um die reiche Herrin Portia und ihre Liebeskonflikte wird vom Drama Shylocks infiziert, der dem titelgebenden Kaufmann Antonio ein Pfund Fleisch aus der Brust schneiden will, weil er ein gesetzlich verbrieftes Recht auf dieses todbringende Pfand hat. Und so wunderbar komisch Otteni die Bewerber um Portia zeichnet, so bitter-hell analysiert er Shylocks Hass: Christoph Rinke kommt zwar äußerlich als smarter Finanzjongleur daher, lässt aber immer erkennen, dass unter dieser Oberfläche mühsam gebändigte Wut auf seine christ­lichen Unterdrücker brodelt. In zwei Szenen wird Shylock wie ein Tennisball zwischen seinen Gegnern hin- und hergetrieben. Selbst an der Nahtstelle zur Komödienhandlung wird ihm zugesetzt: Hat der scheinbar angepasste Jude doch eine behütete Tochter (ebenfalls die wandelbare Zainab Alsawah), deren Zimmer ein orientalischer Jungmädchentraum ist und die später ihrem geliebten Christen ein arabisches (!) Lied singt.

Da wirkt es fast verständlich, wie sorgsam Shylock (der seine Rede vor Gericht „nachholen“ darf) die Vorbereitungen für das Massaker an Antonio trifft. Und seine eigentliche Niederlage, nachdem ihm zwar das Stück Fleisch, nicht aber das Blut des Opfers zugesprochen wurde, liegt nicht im Verlust seiner Güter, sondern seiner Religion: Das Vaterunser, zuvor noch als Gnadengebet erlebbar („. . .wie auch wir vergeben unseren Schuldigern . . .“), besiegelt seine Schmach.

Kann es nach dieser Szene noch humorvoll, gar sinnvoll weitergehen? Stefan Otteni bewahrt zunächst die Spannung, indem er bei der Liebesszene mit arabischem Lied in Peter Sciors wun­derbarem Bühnen-Sternen­himmel die Zeit buch­stäblich anhält – um im ­anschließenden Komödien-Tumult eine weitere Über­raschung mit Shakespeares Gerechtigkeits-Appell „Wenn ihr uns stecht...“ zu liefern. Es geht eben nicht nur um Religionen.

Dass die Schauspieler nach kurzweilig-aufregenden drei Stunden den Jubel gemeinsam entgegennehmen, ist nur konsequent angesichts der fabelhaften Ensemble-Arbeit, in der Sandra Bezler (Portia), Natalja Joselewitsch (Nerissa) und Ilja Harjes präzise die Pointen setzen. Christian Bo Salle, Bálint Tóth und Garry Fischmann finden ebenfalls den richtigen Ton, um die sprachlich bisweilen flapsige Shakespeare-Version (Übersetzung: Angelika Gundlach) ganz zeitgemäß klingen zu lassen. Und dass die Statisten im Programmheft namentlich erwähnt sind, ist mehr als gerecht.

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