Oscar Tuazon schafft mit einem Beton-Bauwerk am Kanal einen Treffpunkt Fußbodenheizung im Niemandsland

Münster -

Ist das Teil der Anfang oder das Ende einer Tiefbau-Maßnahme? Soll hier etwas gebaut werden, oder wurde es von den Bauarbeitern vergessen? Ein abgelegtes technisches Bauwerk?

Von Gerhard H. Kock
Inmitten einer Brachfläche am Kanal steht das seltsame Beton-Bauwerk, das Oscar Tuazon als wärmespendenden Ort für jedermann gebaut hat.
Inmitten einer Brachfläche am Kanal steht das seltsame Beton-Bauwerk, das Oscar Tuazon als wärmespendenden Ort für jedermann gebaut hat. Foto: Matthias Ahlke / Gerhard H. Kock

Ist das Teil der Anfang oder das Ende einer Tiefbau-Maßnahme? Soll hier etwas gebaut werden, oder wurde es von den Bauarbeitern vergessen? Ein abgelegtes technisches Bauwerk? Es könnten zwei aufgeschnittene Röhren sein, die auf der Brache am Kanal lagern, wenn nicht die Treppe wäre, die beide verbindet. Und das Loch mit dem Ruß. Oscar Tuazon hat ein Skulptur-Projekt geschaffen, das sich optisch tarnt und zugleich höchst auffällig ist.

Wer sich noch kein Bild von dem Objekt gemacht hat, für den kann es schwer zu finden sein. Schließlich liegen in der Gegend allerlei Teile herum, die inmitten von Brennnesseln und anderer Ruderalvegetation als Kunst durchgehen könnten: Bretterverschläge, rostiger Stahl, Steinhaufen, eine anscheinend vergessene Skateranlage. Apropos finden: Dass überhaupt ein abgelegener Ort in der wachsenden Stadt Münster gefunden wurde, ist schon ein Kunststück. Brachflächen sind geradezu kostbar.

In diesen Ecken der Stadt finden Außenseiter und Aussteiger der Gesellschaft Rückzugsräume. In den Gebüschen leben Obdachlose oder Wanderarbeiter. Hinter der Brücke liegt der Hawerkamp, wo junge Leute in Zeltkonstruktionen lautet Musik hören und Partys feiern, die nicht kommerzialisiert sind.

Tuazon aus Los Angeles hat an diesem für Münster untypischen Platz eine Feuerstelle geschaffen, aber kein aufgeschnittenes Fass mit flackerndem Feuer. Sein rohes Beton-Objekt ist raffiniert konstruiert, bleibt aber vage. Für einen Kachelofen zu rau, für einen Grill zu unpraktisch, für eine Aussichtsplattform zu flach, für einen Sitzplatz zu treppig. Aber all dies will es sein. Ein Treffpunkt zum Abhängen, zum Quatschen, zum Futtern.

Und das scheint zu funktionieren. Das Kunstpublikum hingegen ist im Grunde nicht der Ansprechpartner. Kaum einer von denen mit Karte und Katalog aus Aus­tralien oder Zypern, Aachen oder Zwickau wird sich mit Bluetooth Speaker und Smartphone nächtens auf das Feuer-Bauwerk setzen, Burger oder Pizza mampfen und chillen. Für solche Nutzer indes hätten es auch Indus­trierohre und ein Bretterverschlag getan. Aber für diese coole Art der Freizeitgestaltung bietet das Bau-Werk von Tuazon wesentlich mehr Komfort. Denn die im Ofen erzeugte Hitze wärmt zugleich die Bodenplatten. Und eine „Fußbodenheizung“ ist gerade in diesem kühlen Sommer draußen ein Segen für Po und Füße . . .

Zum Thema

Die Westfälischen Nachrichten stellen in einer Serie die einzelnen Skulptur-Projekte in loser Folge vor.  | Wird fortgesetzt

Leserkommentare
http://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/5127921?categorypath=%2F2%2F84%2F61%2F92%2F646285%2F