Das lebendige Skulptur-Projekt von Xavier Le Roy sucht und findet seine Betrachter Im Moment steht die Zeit still

Münster -

Es ist das Gegenteil von Museum. Und trotzdem Kunst. Also perfekt für die Skulptur-Projekte.

Von Gerhard H. Kock
Mitten in der Stadt: Auf der Stubengasse kann sich aus dem Moment heraus ein skulpturales Erlebnis ereignen.
Mitten in der Stadt: Auf der Stubengasse kann sich aus dem Moment heraus ein skulpturales Erlebnis ereignen. Foto: Gerhard H. Kock

Es ist das Gegenteil von Museum. Und trotzdem Kunst. Also perfekt für die Skulptur-Projekte . Xavier Le Roy hat mit Scarlet Yu ein Szenario entwickelt, das zentrale Elemente der bildenden Künste jenseits überladener Kunstandacht und Bedeutungsbigotterie in den öffentlichen Raum trägt. Sein Ansatz: In Zeiten epidemischer Digitalisierung des sozialen Lebens setzt er auf eine totale Vermenschlichung der Kunst.

In Workshops konnte und kann (bis zum 1. Oktober) jedermann Bestandteil dieses Projektes werden. Jeder entwickelt seine gestische Skulptur. Mit der tritt er ritualisiert im öffentlichen Raum in Erscheinung, aber nicht gesockelt, sondern auf Augenhöhe mit Betrachtern, die er sich aussucht. Der Passant wird angesprochen, über die Skulptur-Projekte informiert und gefragt, ob er die jeweilige Skulptur des Performers sehen wolle. Der verharrt dann. Und auch der Betrachter erstarrt oft. Überrascht. Gebannt. Neugierig. Nach einiger Zeit des Verharrens in der Geste gibt die „Skulptur“ einen Gesprächsimpuls. Aber nicht über das soeben Gesehene, sondern über die Zeit: „Sie haben mir Ihre Zeit geschenkt. Wie ist Ihre Zeit heute?“ Haben die lebenden Skulpturen doch den Lebenstakt der Unbekannten unterbrochen. Oft entspinnt sich daraus ein tiefergehendes Besinnen auf die unbemerkte Hast und Unruhe oder das Bedürfnis nach solchen Momenten, wie das eben Erlebte. Abschließend wird darauf verwiesen, dass die Begegnungszeit der Besucher mit diesem Projekt „Still Un­titled“ heißt.

Das Soziale und Kommunikative bei Le Roy wird besonders im Vergleich deutlich: Der alte Flashmob, der blitzartige Menschenauflauf, kam nach seiner „Erfindung“ 2003 vor genau zehn Jahren in Schwung. Er repräsentiert geradezu die anonymisierte Sozialaktion als Konsumangebot in der Öffentlichkeit: Das Netz gibt Zeit, Raum und Inhalt vor, Menschen folgen dem, singen, tanzen oder spielen und gehen wieder auseinander. Das Publikum staunt. Einem ähnlichen Nutzen dient in der Regel (eine Ausnahme: John Eicke 2013) die Kunst der „Lebenden Statuen“ (jährlicher Wettbewerb in Arnheim).

Ganz anders ist das Skulptur-Projekt von Xavier Le Roy: Das fängt schon damit an, dass die Beteiligten nicht als Person im öffentlichen Raum agieren. Anders als bei Marina Abramović, die sich zum Objekt für Voyeure macht, sind die Mitwirkenden des Le-Roy-Projektes lediglich gleichsam Erscheinungsformen einer skulpturalen Idee und nicht selbst Künstler oder Kunstwerk. Außerdem kann dieses Projekt nicht aufgesucht werden, das Projekt sucht einen aus. Es kann jederzeit an jedem Ort zur einer kulturellen Begegnung kommen. Themen dieser im Wesentlichen immateriellen Arbeit sind die Zeit und die Begegnung. Le Roys Projekt erweitert den Skulptur-Begriff in soziale Beziehungen.

Rund hundert Menschen haben mittlerweile an den Workshops teilgenommen, aber nur wenige sind aktiv, ein Dutzend vielleicht. Das Erleben dieses Skulptur-Projektes hat also noch etwas, was Kunstwerken manchmal zu eigen ist: Es ist selten und kostbar.

Zum Thema

Die Westfälischen Nachrichten stellen in einer Serie die einzelnen Skulptur-Projekte in loser Folge vor.  | Wird fortgesetzt

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