Emeka Ogboh würdigt im Hamburger Tunnel den in Münster gestorbenen Komponisten Moondog Lyrische Bahnhofsdurchsagen

Münster -

Gute Ohren, viel Geduld und ein bisschen Glück – Emeka Ogboh verlangt dem Kunstfreund einiges ab.

Von Gerhard H. Kock
Im Hamburger Tunnel ist die Soundinstallation des Berliner Künstlers aus Lagos zu erlauschen, wenn man Zeit und Geduld mitbringt.
Im Hamburger Tunnel ist die Soundinstallation des Berliner Künstlers aus Lagos zu erlauschen, wenn man Zeit und Geduld mitbringt. Foto: Gerhard H. Kock

Gute Ohren, viel Geduld und ein bisschen Glück – Emeka Ogboh verlangt dem Kunstfreund einiges ab. Gute Englischkenntnisse sowieso. Im Hamburger Tunnel ist seine Sound­- Installation „Passage through Moondog Passage zu Moondog“ zu hören. Der nigerianische Künstler (Wohnsitz in Berlin) hat sich mit der akustischen und lukullischen Sphäre Münsters beschäftigt. Denn neben Geräuschen gibt es auch ein Bier von ihm.

Das heißt „Quiet Storm“. Mit seinen 7,5 Prozent Alkohol hat es Bockbier-Qualitäten, was bedeutet, dass beim Konsum wohl jedes Stürmen rasch lahm gelegt wird, zumindest ins Strudeln gerät. Es ist ein Honigbier. Münsterischen Bienen an den Wes­ter­holtschen Wiesen produzierten Lindenblüten-Honig. In einer belgischen Brauerei wurden die 60 Hektoliter während des zweiwöchigen Fermentierungsprozesse mit dem Lärm von Lagos beschallt – das Ergebnis: African Vibration in Westfalian Beer.

Der Sound im Tunnel hat im Laufe der Ausstellungszeit einen Ortswandel erfahren. Anfangs gingen Gespreche, Getrommle und Geräusche völlig im Alltagslärm unter. Schließlich war der Hauptbahnhof noch nicht fertig, und Menschenmassen durcheilten die Passsage. Die Straßenmusiker ärgerten sich damals über die Kunst-Konkurrenz aus den 16 Lautsprechern.

Mit der Eröffnung des neuen Bahnhofs kehrte zwar akustisch Ruhe ein, dafür kamen die spektakulären Fahrradständer, die fortan von den Touristen gelegentlich für die Skulptur gehalten werden. Bis die Lautsprecher-Lotterie beginnt. Denn aus welchem Gerät die Einspielung gerade kommt, scheint Zufall. Und so setzen Kunstfreunde auf einen Lautsprecher wie beim Roulette und warten auf Kunst.

Die widmet sich Moondog (1916–1999), einem Komponisten von Weltrang (Dialogpartner von Leonard Bernstein ), der auf Münsters Zentralfriedhof begraben ist. Von dem blinden Musiker sind kurze magisch schamanische Stücke auf der Trimba zu hören, einem von Moondog entwickelten Percussion-Instrument. Dann ist allerlei Lärm zu hören und Gereimtes: Dessen akustische Qualität entspricht dem von Lautsprecher-Durchsagen auf entfernten Bahngleisen – es ist kaum zu verstehen. Es sei denn, man steht unter dem richtigen Lautsprecher. Da es lediglich zweizeilige Couplets von Moondog sind, hilft das schnelle Hinrennen oder -radeln nichts. Dabei lohnen sich die Verse des Louis Thomas Hardin, der sich Moondog nannte.

Mit all den Raumproblemen spiegelt Ogbohs Arbeit letztlich die künstlerische „Bühne“ von Moondog: Der war schließlich selbst als Musiker auf den Straßen dieser Welt unterwegs.

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Die Westfälischen Nachrichten stellen in einer Serie die einzelnen Skulptur-Projekte in loser Folge vor.  | Wird fortgesetzt

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