„Bye Bye Deutschland. Eine Lebensmelodie“ von Wagner / De Burca im „Elephant“ Vom Alltag direkt ins Paradies

Münster -

„Was ich dir sagen will, sagt mein Klavier“, schwelgt der Sänger, und irgendwie kommt es einem bekannt vor. Aber der Ort, an dem er sich lässig in schwarz-weißen Bildern räkelt, passt irgendwie nicht richtig.

Von Harald Suerland
Weltflucht: Während er sich im Preußen-Stadion in den Fußball-Himmel träumt, schmachtet sie im paradiesischen Tropenhaus des Botanischen Gartens (kleines Bild).
Weltflucht: Während er sich im Preußen-Stadion in den Fußball-Himmel träumt, schmachtet sie im paradiesischen Tropenhaus des Botanischen Gartens (kleines Bild). Foto: Matthias Ahlke

„Was ich dir sagen will, sagt mein Klavier“, schwelgt der Sänger, und irgendwie kommt es einem bekannt vor. Aber der Ort, an dem er sich lässig in schwarz-weißen Bildern räkelt, passt irgendwie nicht richtig. Es ist das leere Preußen-Stadion. Und der Sänger müsste, jetzt fällt’s uns ein, der selige Udo Jürgens sein. Ist er aber nicht, sondern Markus Sparfeldt aus Münster. In einem Film, den das in Brasilien lebende Künstlerduo Benjamin de Burca und Bárbara Wagner für die Skulptur-Projekte geschaffen hat und in der Elephant Lounge zeigt.

Skulptur-Projekte und Schlager: Das klingt zunächst nach dem denkbar größten Spagat. Der wuchtige Denker und die flüchtige Tagträumerei – womöglich sind sie einander aber ähnlicher, als man oberflächlich vermutet. Denn der Film ist mehr als nur ein ulkiges Dokument, bei dem alles irgendwie nur so halb perfekt aussieht. Bei dem Schlagergrößen wie Udo Jürgens und – für Sparfeldts Partnerin Stefani Teumner – Helene Fischer Pate standen, ihre Patenkinder jedoch statt auf der großen Bühne im beschaulichen Münster agieren.

Dass der 20-minütige Film in der Elephant Lounge am Roggenmarkt läuft, einer Diskothek, die man durch einen langen Gang erreicht, so dass man die schnieken Giebelhäuser hinter sich lässt, ist natürlich Bestandteil des Werks. Münsters mit über 40 Jahren ältester Club blickt auf eine ähnlich lange Tradition zurück wie die Skulptur-Projekte und die sie auslösenden Debatten um Kunst im Stadtraum. Der Film greift das auf, indem er eine Frau mit Kinderwagen staunend an einigen älteren Skulpturen vorbeispazierend lässt. Auch ein Reisebüro, dessen Dekoration Träume von fernen Ländern in ihr weckt, liegt auf dem Weg. Und dann passiert es: Neugierig wagt sie den Schritt durch die Zweige von Rosemarie Trockels Hecke – und gerät in paradiesische Gefilde, wie sie ein deutscher Schlager nicht blumiger schildern könnte. Auf Paradiesvorstellungen indes haben Religion und Kirche dann doch die älteren Rechte, und so geht das Bild über in barocke Malerei: Es ist die Apotheose in der Kuppel der Clemenskirche. Wenn dann aber Stefani Teumner in diesem erhabenen Raum einen Schlager singt und der Organist am Spieltisch hilfreich einstimmt, vereinen sich hehre Idealisierung und naiver Alltagstraum.

Weltflucht-Träume, Sehnsucht nach Idolen: Sie finden sich hier in manchen Facetten. So erleben die Protagonisten staunend die Schlagerstar-Double-Künstlerin Petra Schwar mit wehendem Haar in Helene Fischers Song „Ich will immer wieder dieses Fieber spür’n“ oder erzählen im Fernsehstudio von ihrer Schlager-Liebe. Der Hobby-Sänger verlässt mit gut ins Bild gerücktem Selbstbewusstsein sein Büro, braust im schnellen Auto davon und findet sich im Stadion oder auf einer Bühne am Flügel wieder. Wenn aber das Bild aufgeblendet wird, erkennt man: Das Theater ist ebenso leer wie zuvor das Stadion. Alles doch bloß Illusion? Echtes Leben oder – wie im Schlager – Inszenierung?

Vielleicht ist das auch Parodie auf jenen Mechanismus, mit dem im Schlager Gefühl verkauft wird. Oder die Geschichte von Menschen, die frei nach dem Titel „Bye Bye Deutschland“ an jene Fluchten anknüpfen, die in Fernseh-Auswanderersendungen wie „Goodbye Deutschland“ vorgeführt werden – diese Möglichkeit benennt das Künstler-Interview im Katalog. Formal hat es zumindest einen geradezu skulpturalen Ansatz, dass der Betrachter in der räumlichen Tiefe des Clubs in Münsters Innenstadt das Stadtambiente verlässt, um ihm im Film wiederzubegegnen.

Zum Thema

Die Westfälischen Nachrichten stellen in den diesen Wochen in einer Serie die einzelnen Skulptur-Projekte in loser Folge vor.  | Wird fortgesetzt

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