Gerard Byrnes „In Our Time“ Voyeur im Rotlicht

Münster -

Was ist das für ein Film? Technische Qualität: Brillant. Inhalt: eine Live-Radio-Sendung und eine Band-Aufnahme. Zeit: eine vergangene Ära, 70er Jahre vermutlich. Was zu sehen ist? Eine Dokumentation kann es nicht sein, denn vor 40 Jahren war die Kameratechnik noch nicht so weit, um diese Spitzenbilder herzustellen. Ein Spielfilm kann es nicht sein, weil hier nicht erzählt oder dramatisiert wird. Also Kunst?

Von Gerhard H. Kock
Intimer Blick in eine Live-Sendung scheint das Skulptur-Projekt des irischen Künstlers Gerard Byrne im Klavierzimmer der Stadtbücherei zu bieten.
Intimer Blick in eine Live-Sendung scheint das Skulptur-Projekt des irischen Künstlers Gerard Byrne im Klavierzimmer der Stadtbücherei zu bieten. Foto: Matthias Ahlke

Der Raum, den Gerard Byrne für sein Skulptur-Projekt gefunden hat, liegt verborgen im Keller der Stadtbücherei im hintersten Teil. Hinter einer scheinbar geheimen Drehtür mit Bücher-Regal-Optik zum öffentlichen Raum hin befindet sich eine kleine Kammer mit einer weiteren, schweren Tür; ein martialischer Griff wie für einen Bunker oder eine Kühlkammer öffnet einen unförmigen, fensterlosen, schalldichten Raum, den ein schwarzer Flügel beherrscht. Hier zeigt Byrne sein Video „In Our Time“, das alles andere als in unserer Zeit zu spielen scheint.

Die bewegten Bilder zeigen eine Live-Radio-Sendung, in der der Moderator mit sonorer Stimme immer wieder das aktuelle Wetter verkündet, neueste Platten ankündigt oder mit einer Anruferin herumschäkert – die Produktion ist darauf gerichtet, dem Zuhörer das Gefühl zu geben, er sei live dabei. Nur dass der Zuhörer der Ausstellung Skulptur-Projekte diese Live-Sendung in Dauerschleife erleben kann. Von wegen authentisch und immer live dabei.

„Mich interessiert, wie in unserer Kultur die Idee von Gegenwart entsteht. Wie wird Gegenwart kulturell dargestellt und wie verändert sich diese im Laufe der Zeit“, sagt der irische Künstler. Aktualität als Dauerstrom gegenwärtiger Verfügbarkeit von Informationen erfährt im Zeitalter von Twitter , Face­bock und anderen „sozialen“ Medien eine Beschleunigung, die kritisches Hinterfragen und Überprüfen, kurz: skeptischem Denken nicht nur wenig Zeit lässt, sondern durch Permanenz geradezu wegdrückt. Die nächste Sau muss durchs Dorf getrieben werden.

Byrne hat in seinem Film die Spannung verlangsamt – zum Nachvollziehen, Nachspüren. In fast intimer Nähe, unter rotem Licht wird der Moderator (und eine Band beim Aufbau einer Aufnahme) beobachtet. Der Zuschauer wird zum Voyeur, wie Öffentlichkeit produziert wird. Der Mensch bei sich ist immer live. Aber der Rest . . .?

Zum Thema

Die WN stellen in den nächsten Wochen in einer Serie die einzelnen Skulptur-Projekte in loser Folge vor.  | Wird fortgesetzt

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