Jeremy Dellers Kleingärtner-Tagebuch-Projekt hat Muße verdient So eine Kunst kann nur Münster

Münster -

Es ist unglaublich. Es ist einzigartig. Und es kann weltweit nur in Münster möglich sein.

Von Gerhard H. Kock
Ruhe und Gemütlichkeit gibt es bei den Skulptur-Projekten auch: In der Kleingartenanlage Mühlenfeld ist das Langzeitprojekt von Jeremy Deller und münsterischen Kleingärtnern zu studieren.
Ruhe und Gemütlichkeit gibt es bei den Skulptur-Projekten auch: In der Kleingartenanlage Mühlenfeld ist das Langzeitprojekt von Jeremy Deller und münsterischen Kleingärtnern zu studieren. Foto: Matthias Ahlke

Es ist unglaublich. Es ist einzigartig. Und es kann weltweit nur in Münster möglich sein: Als der englische Künstler Jeremy Deller im Jahr 2007 die gut 50 Kleingartenvereine der Stadt aufforderte, für sein Skulptur-Projekt zehn Jahre lang jeweils ein Tagebuch zu führen, schien dieses Ansinnen verwegen. Wie viele würden die lange Zeit durchhalten? Zwei, drei? Es wurden 33! Die Bücher des Projekts mit dem Titel „Speak to the Earth and It Will Tell You (Sprich zur Erde, sie wird es dir sagen)“ werden passenderweise in einem Kleingarten des Vereins Mühlenfeld am Lub­linring präsentiert.

Parallel wurden vor zehn Jahren Taschentuchbaum-Samen verteilt. Jeremy Deller hatte die Samen ausgegeben, damit zu den Skulptur-Projekten 2017 viele Taschentücher in Münster an Bäumen flattern. Das hat so nicht geklappt Denn diese Pflanze ist sensibel; viele Kleingärtner mussten im Botanischen Garten nachordern. Aber die Kleingartenvereine „Mühenfeld“ und gleich gegenüber „Martini“ (Gartenstraße 174) haben es geschafft, aus dem Taschentuchbaum-Samen von 2007 einen Baum erwachsen zu lassen. Aber er blüht noch nicht. Wahrscheinlich dann bei den Skulptur-Projekten 2027 . . .

In der Tagebuch-Bücherei im Mühlenfeld können Besucher Ruhe finden und sollten Zeit mitbringen. Die Lektüre der Bilder und Texte lohnt sich. Jedes Buch ist höchst unterschiedlich, jeder Verein, jeder Schreiber hat seine eigene Handschrift hinterlassen.

Akkuratesse und Humor stehen nicht gerade im Verdacht, die engsten Freunde zu sein. Bei Manfred Kosche zum Beispiel ist das anders. Einige Schelmereien hat der 78-Jährige als Tagebuchführer für den Kleingartenverein „Lebenfreude Post“ von 1919 in den opulenten Wälzer gepackt. Ein Werk, das ein breites Themenspektrum abdeckt wie wohl kein zweites, sorgfältig gestaltet und höchst anspielungsreich ist. Aus all seinem Bildungsreichtum sticht der Humor heraus: „Garten Eden – Sünder willkommen“ heißt es über einer Gartenhütte. Oder es werden Löwenzahn und Kaktus lyrisch fröhlich zu ungleichen Geschwistern gereimt: „Frühlingsblitz“ und „Schwiegermuttersitz“.

Das Buch von Monika Smolka zum Beispiel ist ein Prachtband mit viel Handarbeit. Die Buchführerin für die „Naturfreunde“ ist wie Kosche Alleinautorin, Inhalt und Gestaltung tragen ihre Handschrift, auch im wörtlichen Sinne. Auffällig sind beim ersten Durchblättern die vielen Zeichnungen und getrockneten Pflanzen. Ihr Mann hat eigens eine passende Presse gebaut, in der die Blumen und Kräuter geplättet und getrocknet werden: Tulpen, Winterlinge, Stiefmütterchen – die Farben und Strukturen sind bezaubernd. Die Bleistift-Zeichnungen zeigen jahreszeitlich passende Figuren (Schneemann oder Schornsteinfeger) sowie Gemüse.

Wer Zeit und Gelegenheit hat, sollte versuchen, mit ausländischen Besuchern über die Kleingartenkultur ins Gespräch zu kommen. Für die ist das eine höchst exotische Welt.

Zum Thema

Die Westfälischen Nachrichten stellen in den nächsten Wochen in einer Serie die einzelnen Skulptur-Projekte in loser Folge vor.  | Wird fortgesetzt

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