Subtile Performance im Friedenssaal Zur Menschenskulptur geronnen

Münster -

In der Bürgerhalle des Rathauses erhebt sich sanfter Gesang. Erst einstimmig, dann in feiner Mehrstimmigkeit singen sechs Personen einen kurzen englischen Vers über Nirgendwo und Jederzeit, in den sich aber auch exotische Klänge mischen. Dann zieht es die Sänger und ihre Zuhörer wie magisch in den Friedenssaal, und mit dem Zusammenknubbeln der Sechs in einer Fenster-Ecke beginnt die eigentliche Performance.

Von Harald Suerland
Die Akteure im Friedenssaal erinnern als menschliche Skulpturen an historische Ereignisse.
Die Akteure im Friedenssaal erinnern als menschliche Skulpturen an historische Ereignisse. Foto: Gerhard H. Kock

„Leaking Territories“ hat Alexandra Pirici aus Bukarest ihren Beitrag zu den Skulptur-Projekten genannt. Das „Undichte“ dieser Territorien bezieht sich auf Ereignisse aller erdenklichen Zeiten und Orte: Sie sickern in jenen Saal, in dem 1648 ein wesentlicher Schritt zum Westfälischen Frieden gegangen wurde.

Langsam löst sich das Menschenknäuel wieder, und der wesentliche Teil beginnt. Einzelne Akteure sprechen jeweils ein Ereignis an, benennen zumeist den zeitlichen Abstand: „Here we are, 20 years away“. Es können wichtige Daten der Geschichte sein, Erinnerungen an das Warschauer Ghetto oder die Pariser Kommune, an einen Berliner Mauertoten oder an Neil Armstrongs ersten Schritt auf dem Mond. Kurioses auch wie das knappe Jahr, das seit dem pfeifenden Abgang David Camerons vergangen ist. Manchmal mischen sich Entfernungsangaben ein wie die gut 3270 Kilometer, die das friedliche Münster vom umkämpften Mossul trennen.

Und von Mal zu Mal wird ersichtlicher: In den Bewegungen der sechs Akteure im Raum, in ihren wechselnden Gruppierungen und angedeuteten Pantomimen gerinnen die Ereignisse zu Bildern, werden Gegenstände oder Monumente, historische Aktionen oder Figuren erkennbar. Piricis kluges Ineinander von Musik, Text und Bewegung verfestigt sich an verschiedenen Stellen des geschichtsträchtigen Raumes zur kurzzeitigen menschlichen Skulptur.

Das Ein- und Durchdringen erhält noch eine weitere Facette, wenn die virtuelle Welt angesprochen ist, das Internet. Das Netz der räumlichen und zeitlichen Beziehungen, in dem wir stecken, wird dadurch noch dichter, und die (etwas ausgedehnte) Schlusspointe der etwa dreiviertelstündigen Performance lässt die Akteure als lebendige Suchmaschine agieren, die auf Begriffe der Zuschauer kuriose Ergebnisse verkündet: Zu „Love“ fällt ihr ein Beatles-Song, aber auch „Parship“ ein.

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