Tierschutz-Kontroverse Tierversuche an der Uni Münster sollen auf ein Minimum reduziert werden

Münster -

Tierversuche spalten wie kaum ein anderes Thema. Ein bisschen dafür oder dagegen sein geht nicht. Und weil das wissenschaftliche Experimentieren an Mäusen, Kaninchen oder Affen Emotionen weckt, werden die Debatten oft leidenschaftlich geführt. An der Uni Münster soll ein neues Leitbild den Umgang mit Tierversuchen regeln.

Von Elmar Ries
Eine narkotisierte Maus liegt an der Uni Münster unter einem Ultraschallgerät.
Eine narkotisierte Maus liegt an der Uni Münster unter einem Ultraschallgerät. Foto: Wilfried Gerharz

Selbst innerhalb einer Hochschule können die Ansichten über Sinn, Zweck und Grenzen weit auseinanderliegen. Die münsterische Uni ist da ein gutes Beispiel.

Nach einem fast fünfjährigen Diskussionsprozess hat sie sich ein ethisches Leitbild für den Umgang mit Tieren in der Wissenschaft gegeben. Am Freitag stellte es die Uni vor. Vor einem halben Jahr wurde in der Medizinischen Fakultät ein illegales Tierlabor entdeckt. Das neue Leitbild stehe damit in keinem Zusammenhang, betonte Prorektorin Prof. Monika Stoll .

Richard Holtmeier untersucht eine Maus. Foto: Wilfried Gerharz

Erinnerung an die „persönliche Verantwortung“

Fünf Ziele sind in dem Positionspapier formuliert. „Zusätzlich zu den Vorgaben des Tierschutzgesetzes werden die Wissenschaftler an ihre „persönliche Verantwortung“ erinnert. Zudem sollen die Versuche auf ein notwendiges Minimum beschränkt werden. Neben der angemessenen Haltung der Tiere und einer Verantwortung ihnen gegenüber auch nach den Versuchen sollen die Experimente künftig weiter reduziert und wo möglich ersetzt werden. Darüber hinaus soll das ei­gene Tun auf diesem Feld transparent gemacht werden. 

Letzteres stellte die Uni am Freitag umgehend unter Beweis, indem sie einen Blick in die Räume des Europäischen Instituts für Molekulare Bildgebung (EIMI) und in die Zentrale Tierexperimentelle Einrichtung ( ZTE ) gewährte. Oft geschieht das nicht.

Mäuse künstlich mit Bakterien infiziert

Im EIMI läuft an diesem Tag ein Bakterienversuch. Künstlich infizierte Mäuse sind mit radioaktiven Markern versehen worden. Per Ultraschall und Spezialkamera werden die Infektionsherde auf dem Bildschirm sichtbar gemacht. „Wir wollen herausfinden, warum sich bei Menschen Bakterien oft an Implantaten wie künstlichen Hüften oder Knien sammeln“, erklärt In­stitutsdirektor Prof. Michael Schäfers . Darum wurden den Mäusen auch Kunststoff-Katheter eingesetzt. Ohne Tierversuche gäbe es hier keinen medizinischen Fortschritt, sagt Schäfers.

Zehn Tage dauert der Versuch, in dessen Verlauf die Tiere Symptome einer schweren Grippe zeigen. Danach werden sie getötet. „Um ihnen weiteres Leiden zu ersparen“, sagt Dr. Sonja Schelhaas. Vor allem aber, weil über die Analyse der Gewebeproben die zuvor am Bildschirm gewonnenen Ergebnisse überprüft werden.

Konträre Meinungen

Deutlich wird an diesem Beispiel: Tierversuche haben zwar einen Rahmen, aber nicht unbedingt starre Grenzen. Darum hat die ethische Verantwortung des Wissenschaftlers auch eine besondere Bedeutung. „Die Universität will mit dem vom Rektorat unterstützten und vom Senat verabschiedeten Leitbild deutlich machen, wo sie in dieser Frage steht“, hatte Stoll am Anfang gesagt. Das soll dem Papier die nötige Autorität verleihen. Sanktionsmöglichkeiten beinhaltet es nämlich nicht.

Tierversuche in Zahlen

An Tieren geforscht wird an der Uni Münster vor allem an der Medizinischen Fakultät. Verwendet werden dabei zumeist Mäuse. „97 Prozent der Versuche findet an und mit diesen Tieren statt“, sagt Prof. Jens Ehmcke, Leiter der Zentrale Tierexperimentelle Einrichtung (ZTE). In 90 Prozent aller Fälle sei ihr Erbgut verändert. Knapp 16 000 Mäuse hält das ZTE für Forschungszwecke vor. Hinzu kommen 243 Ratten, 150 Affen, 20 Schweine, 14 Kaninchen zwölf Schafe sowie 10 000 Zebrafische.

Die Initiative für das Leitbild ging vor einigen Jahren von Studierenden aus. Die Kommission, die sich dessen Erarbeitung zur Aufgabe gemacht hatte, war heterogen besetzt. Prof. Stefan Schlatt von der Medizinischen Fakultät befürwortet beispielsweise solche Versuche, Dr. Johann Ach vom Philosophischen Seminar hält die meisten „für ethisch unzulässig.“ Zwei Köpfe, zwei konträre Meinungen.

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